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Kein Platz für Gnade?

Essay

Wer fragt, ob Gottes Gnade eigentlich gerecht ist, kommt schnell an die erste Weggabelung und muss sich entscheiden, in welche Richtung er weiterdenkt und -geht. Kurz darauf folgt die nächste, und bald schon wieder eine. Ist gerechte Gnade das Gleiche wie gnädige Gerechtigkeit? Eva Dittmann machte sich auf den Weg, das zu erkunden.

Er war ein religiöser Fanatiker. Ein Radikaler. Intolerant und hasserfüllt. Er wollte sie einfach ausrotten, diese Abtrünnigen. Sie sollten vom Erdboden verschwinden. Wie konnten sie sich überhaupt von ihrem wahren Glauben abwenden? Wie konnten sie die Ehre ihres Gottes so mit Füßen treten? Und wie konnten sie die Traditionen und Werte ihrer Familien und ihrer Kultur so mit Schande beflecken? Es war ihm vollkommen klar: Er musste sie aufhalten. Um ihrer selbst willen. Um ihrer Gemeinschaft willen. Aber vor allen Dingen um Gottes willen. Und so machte es sich dieser selbsternannte Gottesstreiter zur Aufgabe, diesen Abgefallenen das Leben zur Hölle zu machen. Er scheute keine Kosten und Mühen, sie aufzuspüren. Zeigte kein Erbarmen, wenn er ihre Familien auseinanderriss und ihnen die Freiheit raubte. Und deutete nicht einmal den geringsten Skrupel an, diesen Menschen Gewalt anzutun oder ihnen gar das Leben zu nehmen, wenn er dies für nötig hielt. Durch seine privilegierte Ausbildung besaß er eine religiöse Führungsposition und konnte so sogar auf politischer Ebene Einfluss nehmen und die breite Masse der Gesellschaft auf seine Seite ziehen. 

Wenn wir von einem solchen Menschen hören, sträubt sich alles in uns. Wir empfinden sein Vorgehen als absolut menschenverachtend, grausam und anmaßend. Wie kann man sich selbst zum Richter über die persönlichen Entscheidungen von Menschen erheben? Wie kann man in einer solchen Art und Weise ein Urteil über seine Mitmenschen fällen? So jemand gehört selbst vor Gericht und muss für seine ungerechtfertigten Taten gerecht bestraft werden. Er soll bekommen, was er verdient. Kurz gesagt: Unser Gerechtigkeitsempfinden verbietet es, diesen Mann ungestraft davonkommen zu lassen. 

Moment mal eben

Hier müssen wir aber einmal einhaken. Denn schon an dieser Stelle wird deutlich, wie schwammig, unbeständig und kontextabhängig unser Verständnis von Gerechtigkeit eigentlich ist. So fremd uns der Gerechtigkeitssinn dieses Mannes auch ist, in seinen Augen handelt er in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit. Und so schwer nachvollziehbar sein richtendes Urteil über andere ist, auch wir maßen uns an, seine Entscheidungen zu verurteilen. Würden wir uns dafür nicht vielleicht auch auf Gott berufen? Auf seine Gerechtigkeit hinweisen? Ihn auffordern, Vergeltung zu üben? Ihn anklagen, wenn er nicht mit ausgleichender, strafender Gerechtigkeit einschreitet – wenn nicht in dieser Welt, dann wenigstens in der nächsten? Uns ist klar: Gnade hat an dieser Stelle überhaupt keinen Platz. 

Gleichzeitig leben wir allerdings in einer Welt, in der die Idee eines richtenden Gottes, der Menschen für ihr Verhalten auf der Erde für alle Ewigkeiten in die Hölle verdammt, von vielen als anstößig abgelehnt wird. Wie passt das zusammen? Wo auf der Erde noch der laute Aufschrei nach ausgleichender Gerechtigkeit ertönt, fordern wir im Jenseits, dass der liebende Gott doch seine Gnade über allen walten lasse. 

Schlussendlich bricht aber die große Entrüstung vor allem dann aus, wenn wir hören, dass Gott einige begnadigt, aber eben nicht alle. Ist das wirklich gerecht? Ist Gott gerecht, wenn er die Einen errettet, die Anderen bestraft? Ist Gott gerecht, wenn er Menschen wie diesen religiösen Fanatiker begnadigt, während er andere verurteilt, die aus unserer Sicht vollkommen friedfertig gelebt haben?

„Das Kreuz Christi ist der Dreh- und Angelpunkt ihrer heilsgeschichtlichen Verwobenheit und ihrer mysteriösen Schlagkraft.“

Das hab‘ ich nicht verdient

Der Mann, von dem ich hier rede, ist übrigens niemand anderes als der Apostel Paulus. Aufgrund seiner eigenen Biographie wusste er besser als die meisten seiner Zeitgenossen, dass er die Gnade Gottes nicht verdient hatte. Er, „der größte aller Sünder“ (1. Timotheus 1,16), der die Gemeinde Gottes in erbarmungsloser Weise verfolgt und drangsaliert hatte (Apostelgeschichte 8 – 9), kannte dieses Spannungsfeld zwischen Gottes Gerechtigkeit und Gnade nur zu gut. Doch für ihn schließen sich diese beiden Konzepte keineswegs aus, sondern bedingen einander. Gottes Gnade und Gottes Gerechtigkeit gehören untrennbar zusammen. Bei Gott gibt es gerechte Gnade und gnädige Gerechtigkeit. Wenn wir wie Paulus diese wunderbare Dynamik verstehen, können wir auch viel leichter nachvollziehen, warum letzten Endes eben trotzdem nicht alle Menschen Empfänger der göttlichen Gnade werden. 

Dazu müssen wir zunächst einmal Gottes Gerechtigkeit verstehen. Immer wieder finden wir im Alten und Neuen Testament Hinweise darauf, dass Gott gerecht ist (5. Mose 10,17; Psalm 33,5; Römer 9,14). Aber was bedeutet das eigentlich konkret? Kurz gesagt: Gott hasst Sünde und kann sie nicht ungestraft lassen. Weil Gott heilig und vollkommen ist, kann er nichts Unheiliges oder Unreines in seiner Nähe tolerieren. Daher gibt Gott uns klare Maßstäbe, wie wir in seiner Gegenwart leben können. Wer jedoch dagegen rebelliert, sich verunreinigt und sich mit seinen Entscheidungen über Gott stellt, kann vor ihm nicht mehr bestehen. Er muss verurteilt werden und sterben. „Denn der Lohn, den die Sünde zahlt, ist der Tod“ (Römer 6,23a), so sagt es das Neue Testament. Damit nähern wir uns nun dem Dilemma der ganzen Situation: Alle Menschen haben gesündigt (Römer 3,23) und verdienen Gottes gerechte Strafe. 

Hier stellen sich viele die Frage: Könnte Gott nicht einfach ein Auge zudrücken und einfach allen Menschen vergeben? Schließlich wird er auch als ein Gott der Liebe und Gnade beschrieben. Leider nein! Denn das würde dem Wesen der Gerechtigkeit und somit der Natur Gottes widersprechen. Gott kann seine Gerechtigkeit nicht einfach aufheben. Er muss zu seinem Recht kommen. Irgendein Preis muss für die Vergehen der Menschen bezahlt werden. Aus Gottes Sicht wäre es also im Grunde absolut gerecht und legitim, uns alle zu verdammen.

Er hat schon gezahlt

Trotzdem ist der Verweis auf Gottes Gnade an dieser Stelle keineswegs fehlgeleitet. Weil Gott weiß, dass wir seiner Gerechtigkeit niemals Genüge tun oder uns von seinem Zorn erlösen können, greift Gott in einer Weise ein, die alle unsere Vorstellungen übersteigt: Er selbst bezahlt die Strafe! Gott sendet seinen eigenen Sohn, um die Sünde der ganzen Welt zu tragen. Durch dieses stellvertretende Opfer konnte Gott seine eigene Gerechtigkeit zufriedenstellen, indem er die Sünde bestraft. Gleichzeitig konnte er aber auch seine überwältigende Gnade walten lassen, weil wir Menschen in Christus nun vor Gott gerecht sind. Gott wird hier zum gerechten und gnädigen Rechtfertiger. Paulus fasst diesen Gedanken hervorragend zusammen: „Den, der ohne jede Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können“ (2. Korinther 5,21).

„Gottes Gnade und Gottes Gerechtigkeit gehören untrennbar zusammen. Bei Gott gibt es gerechte Gnade und gnädige Gerechtigkeit.“

Gottes Gerechtigkeit und Gnade finden an diesem furchtbaren und gleichzeitig so wunderbaren Ort ihren absoluten Höhepunkt. Das Kreuz Christi ist der Dreh- und Angelpunkt ihrer heilsgeschichtlichen Verwobenheit und ihrer mysteriösen Schlagkraft. Durch das dort vergossene Blut kann es eben gerechte Gnade und gnädige Gerechtigkeit geben. 

Doch in all dem sollten wir unter keinen Umständen den Preis dieser Gnade vergessen. Für die Empfänger ist die Gnade ein Geschenk, das sie dankbar annehmen können. Für den Geber aber kostet die Gnade alles. Gott hat für diese Gnade mit dem Leben seines Sohnes bezahlt. „Ihr seid teuer erkauft“ – so sagt es Paulus in 1. Korinther 6,12. Philip Yancey fasst diesen Gedanken in seinem Buch „Gnade ist nicht nur ein Wort“ zusammen: „Gottes Gnade ist keine großväterliche Demonstration von ‚Nettigkeit,‘ denn sie hat den maßlos hohen Preis von Golgatha gekostet“. Weil Gottes Gnade gerecht ist und Gottes Gerechtigkeit gnädig ist, konnte er eben kein Auge zudrücken und uns allen „einfach so“ vergeben. 

Und deswegen kann er auch jetzt, wo der Preis schon bezahlt ist, nicht „einfach so“ allen Menschen Gnade erweisen. Denn so würde die Gnade als billig herabgestuft werden, wie Bonhoeffer es in seinem bekannten Text über die Gnade sagt: „Das ist billige Gnade als Rechtfertigung der Sünde, aber nicht als Rechtfertigung des bußfertigen Sünders … Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.“

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Runter von der Anklagebank

An diesem Punkt ist es an der Zeit, Gott von der völlig unbegründeten Anklagebank zu entfernen. Seine Gnade ist gerecht und seine Gerechtigkeit ist gnädig. Doch nun wollen wir den Spieß noch einmal umdrehen. Was heißt das denn jetzt für uns als die Empfänger dieser gerechten Gnade und gnädigen Gerechtigkeit? Das Neue Testament macht deutlich, dass diese Rechtfertigung in Christus eben nicht nur eine Neutralisierung dessen ist, was uns unheilig und ungerecht macht. Nein, zu dieser Rechtfertigung gehört eben auch der positive Aspekt, dass wir nun gerecht vor Gott leben können. Wir sind dazu aufgefordert, Mitstreiter dieser in Christus gewirkten Gnade und Gerechtigkeit zu werden. Zum einen bedeutet das sicherlich, dass wir uns voll und ganz darauf verlassen, dass Gott am Ende der Zeiten mit seiner gnädigen Gerechtigkeit richten wird – alles Unrecht, alles Leid, alle Bosheit. Zum anderen bedeutet es aber auch, dass wir aktiv daran mitarbeiten sollen, dass das gerechte und gnädige Reich Gottes sich eben schon im Hier und Jetzt ausbreiten kann. Setzt alles daran, dass Menschen wie der religiöse Fanatiker Paulus die teure Gnade Gottes kennenlernen. Und werdet in dieser Welt zu Leuchttürmen der Liebe, des Friedens und der Hoffnung. Denn Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden!

Magazin Winter 2018