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Es ströme das Recht wie Wasser

Essay

Es ist Jahrzehnte her, dass sich die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika formierte. Und allerhand erreichte. Dass vieles davon heute dramatisch zu zerbrechen droht, welche Rolle dabei auch die spielen, die sich auf die Bibel berufen, und was das alles mit uns in Europa zu tun hat, erklärt Andreas Malessa.

Die Ermordung Martin Luther Kings am 4. April 1968 war in unserer Familie eine dramatischere Fernseh-Nachricht als die vom Tod von John F. Kennedy oder – ein Jahr später – die der Mondlandung. Dass mein Vater den Bürgerrechtskämpfer in Gottesdiensten live erlebt hatte, tat mir als Teenager gut: Als „Baptist“ stand man bei linken `68er-Lehrern unter Sektenverdacht. Jetzt aber hatten „wir“, die oft belächelten Freikirchler, einen Friedensnobelpreisträger in unseren Reihen! Und der war auch noch zum Märtyrer seines Glaubens geworden! Erst im Studium in Hamburg, bei einem Fernsehfilm mit Theologieprofessor Helmut Thielicke, lernte ich verstehen, wie und warum M. L. King seinen Kampf für die politische Gleichberechtigung der Schwarzen aus dem Gerechtigkeitsbegriff der Bibel begründete:

Die Wurzeln gehen tief

Geboren am 15. Januar 1929 als „Michael King“ änderte sein Vater kurzerhand den Vornamen seines fünfjährigen Sohnes in „Martin Luther“ King. Auf einer Deutschlandreise 1934 hatte Vater King den Wittenberger Reformator und dessen Lehre von der „Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben, allein aus Gnade, allein aus Christus und allein aufgrund des Schriftzeugnisses“ schätzen gelernt. Der kleine Martin statt Michael entpuppt sich als hochbegabt, überspringt die 9. und die 12. Klasse in der Schule, studiert Theologie in Atlanta, promoviert an der Uni in Boston und – ist tief beeindruckt von dem, was der deutsche Pfarrer Dietrich Bonhoeffer in seinen Büchern „Nachfolge“ und „Widerstand und Ergebung“ schreibt: Dass Jesusnachfolge nie Privatsache bleiben kann, weil ja das alltägliche, berufliche, öffentliche Leben eines Christen in die Welt hineinwirkt. Dort, in der „Welt“, soll er nicht nur ein Zeugnis sagen, sondern ein Zeugnis sein, also nötigenfalls auch für wirtschaftliche, soziale und politische Gerechtigkeit kämpfen. King liest bei Henry David Thoreau („Ziviler Ungehorsam“), warum fromme Leute zu Fluchthelfern wurden für geflohene Sklaven. King liest bei Mahatma Ghandi („The nonviolent liberator“), wie Christen, Hindus und Muslime gemeinsam und gewaltlos sogar die Kolonialmacht Britannien in die Knie zwangen. 

Die geistlichen Prinzipien

Vor seinem Pfarrhaus in Montgomery/Alabama gibt es eine Bushaltestelle, und dort beobachtet der 27-jährige Prediger, wie Schwarze gedemütigt werden. Freie Sitzplätze für Weiße vorne, dichtgedrängte Stehplätze für Schwarze hinten. Die USA sind 1955 noch exakt das, was Südafrika bis 1994 war: Ein rassistisches Apartheidsystem. Als sich die Textilarbeiterin Rosa Parks vorne hinsetzt und verhaftet wird, zettelt King am 5. Dezember einen Kundenboykott an, der nach 381 Tagen Bus-Streik die städtischen Verkehrsbetriebe zum Einlenken zwingt. In den folgenden nur 13 Jahren seiner Predigt- und Demonstrationstätigkeit wird M. L. King mehr als 20mal verhaftet, überlebt vier Bombenattentate und eine Messerattacke. Seine Mitstreiter – die Pastoren Ralf Abernathy und Jesse Jackson, Popstar Harry Belafonte, der spätere Bürgermeister von Atlanta Andrew Young, aber auch die weiße Folksängerin Joan Baez – sowie zigtausende Aktivisten lässt er vor jeder Demonstration fünf „geistliche Prinzipien“ unterschreiben: 

  1. Jeden Tag über die Lehre und das Leben Jesu nachzudenken.
  2. Nie zu vergessen, dass wir Gerechtigkeit und Versöhnung wollen, nicht den Sieg.
  3. Im Geist der Liebe zu gehen, denn Gott ist Liebe. 
  4. Täglich darum zu beten, dass Gott mich benutzen möge, um anderen zur Freiheit zu helfen.
  5. Auf Gewalt der Faust, der Zunge und des Herzens zu verzichten.

 

Die großartige Vision

Am 28. August 1963, als viele der rund 250.000 Demonstranten in Washington wegen sengender Sonne und endloser Ansprachen bereits zu den Parkplätzen strömen, tritt M. L. King als Letzter ans Rednerpult und referiert 12 Minuten lang politische Forderungen, die er früher schon geäußert hatte. Gospelsängerin Mahalia Jackson sitzt hinter ihm und ruft: „Erzähl´ lieber Deinen Traum!“ 

King löst sich vom Manuskript und assoziiert frei ein paar Sprachbilder biblischer Propheten und Psalmen: „Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5, 24) zum Beispiel. „Ich habe den Traum, dass eines Tages meine Kinder nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden, dass wir aus Bergen der Verzweiflung Steine der Hoffnung herausbrechen und dass Juden und Christen, Schwarze und Weiße am Tisch des Friedens Platz nehmen.“ Jeden Satz beendet er mit „diesen Traum habe ich“.  Es werden 3 Minuten, die in die Geschichte eingehen. 

Warum? Weil jeder in der Bibel nachlesen kann, dass es gar nicht M. L. Kings Traum, sondern Gottes „Traum“ ist. Die Vision, die Verheißung, die Zielvorstellung einer Welt nämlich, in der Gottes Wesen und Gottes Wille Wirklichkeit geworden ist. „Gottes Friedensreich“, „das Reich Gottes“, „der Himmel“ oder „der Schalom“ nennt das Jesus in seinen Gleichnissen. Wohl wissend, dass Jesusnachfolger diese „heile Welt“ vollkommener Gerechtigkeit nie herstellen können oder gar erzwingen sollten, andererseits aber die Erwartung und Hoffnung darauf nie aufgeben dürfen. Damit hatte M. L. King exakt getroffen, was eine „konkrete Utopie“ ist: Ein Ziel, das zu verfolgen sich lohnt, auch wenn es noch keinen irdischen Ort hat (griechisch „u topos“, ortlos). Deshalb ist eine „Utopie“ eben keine Illusion, sondern eine zielführende Idee. Kings Kampf für gleiches Recht auf menschenwürdige Lebensbedingungen wurzelt nicht in irgendwelchen politischen Programmen, sondern in den Verheißungen der Bibel. Sein Engagement ist „eschatologisch begründet“, sagen Theologen dazu.

Der Traum ist aus

Typisch dafür ist Kings Predigt am 3. April 1968 in der „Mason Temple“-Pfingstgemeinde in Memphis: „Wie alle Menschen wünsche auch ich, lange zu leben. Aber darum geht es mir nicht mehr. Ich habe das gelobte Land gesehen. Und sollte ich nicht mit Euch dorthin gelangen, fürchte ich kein Unglück, denn meine Augen haben den wiederkommenden Herrn gesehen!“ 24 Stunden später lag der Friedensnobelpreisträger tot auf dem Balkon des Lorraine Hotels. Als 41 Jahre später, am 20. Januar 2009, der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wurde, als der weiße Pastor Rick Warren („40 Tage mit Vision“) das Fürbittengebet gesprochen und Soulsängerin Aretha Franklin gesungen hatte, gingen Michelle und Barack Obama die Pennsylvania Avenue entlang zu jenem Originalbus aus Montgomery, in dem Rosa Parks 1955 sitzengeblieben war. Eine konkrete Utopie war politische Wirklichkeit geworden.

Nicht mal der düsterste Pessimist hätte vorausgesagt, dass dieser Traum von Gerechtigkeit und Versöhnung schon acht Jahre später in einem Alptraum enden würde: Durch einen Präsidenten, der sich brüstet, Frauen „an die Möse packen“ zu dürfen, wie er es nennt. Ein Staatsmann, der Schweigegeld an Porno-Gespielinnen zahlt. Ein Demokrat, der prügelnden Ku-Klux-Klan-Demonstranten in Charlottesville bescheinigt, es gäbe „very fine people“ unter ihnen. Ein Machthaber, der hunderten Familien die Kinder wegnimmt und sie in Käfige sperrt, weil sie mexikanische Armutsflüchtlinge sind. Das hätten nicht mal die schlimmsten Rassisten der 60er Jahre gewagt. Leisten kann sich das nur jemand, der 81 % der evangelikalen Christen Amerikas hinter sich weiß. Donald Trump kam mit den Stimmen bibelfester weißer Christen an die Macht. Weil sie einem notorischen Lügner glaubten, er vertrete „christliche Werte“. Das geht nur, wenn Ehrfurcht, Ehrbarkeit, Gerechtigkeit und Friede nicht mehr zu diesen Werten gehören und man der biblischen Verheißung aus Psalm 85, 10 und 11 misstraut: „Gottes Hilfe ist nahe denen, die ihn fürchten, auf dass in unserem Land Ehre wohne, dass Güte und Treue einander begegnen, dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“ 

Wir täten gut daran …

Auch die reichste Industrienation Europas mit einem der besten Verfassungstexte der Welt muss zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen unterscheiden, solange rund 6 Millionen Bürger unterhalb der statistischen Armutsgrenze leben. Wirtschaftliche (Verteilungs-)Gerechtigkeit, kulturelle Teilhabe und damit einen gesellschaftlichen Konsens über freiheitlich-demokratische Bürgerrechte herzustellen, ist ein kompliziertes Geschäft. Und Christen tun gut daran, für Politiker zu beten, die sich darum bemühen. Historische Vergleiche hinken immer. Die Situation der Schwarzen Amerikas zu Martin Luther Kings Zeiten ist mit der rechtlichen Stellung von Flüchtlingen oder muslimischen Migranten im Deutschland des 21. Jahrhunderts nicht deckungsgleich. Aber: Wenn Kritik an den Mächtigsten eines Landes umformatiert wird in Hass auf die Ohnmächtigsten, wenn  Christen plötzlich genau dasselbe wollen wie Islamisten – der Staat möge seine Bürger doch bitte wieder nach Religion und ethnischer Herkunft sortieren, die Rechtgläubigen begünstigen und die Andersgläubigen benachteiligen – dann wird es auch bei uns höchste Zeit, solchen Rassismus-Verharmlosern und ihren Wegbereitern und Stimmenbeschaffern zu widerstehen. Dann wird es Zeit, Kings konkrete Utopie eines schon im Diesseits gelebten Reiches Gottes auch bei uns wach zu halten. Und allen beizustehen, die Gottes Forderung aus dem Mund des Propheten Amos ernstnehmen: „Es ströme das Recht wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.

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