https://neues-leben.de/

Barmherzig oder gerecht?

Ratgeber

Das lässt sich leicht gegeneinander ausspielen. Den einen ist es wichtig, etwas wieder ins Lot zu bringen, was scheinbar aus dem Ruder gelaufen ist. Sie pochen auf Gerechtigkeit. Die anderen möchten einfach nur „ihr Herz sprechen lassen“ und helfen, wo es nur geht. Sie tun, was ihnen am nötigsten erscheint. Steve Volke sortiert die Zusammenhänge.

Ganz so einfach ist die Trennung nicht, denn Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gehören zusammen. Sie sind auf den ersten Blick wie ungleiche Schwestern aus derselben Familie. Wer Gerechtigkeit erreichen will, sollte für sich erst einmal klären, was er darunter versteht und ob sein Gerechtigkeitsbegriff tatsächlich „gerecht“ ist. Denn wenn Gerechtigkeit zum Beispiel auf dem Hintergrund von „Gleichheit“ verstanden wird, dann fühlt sich auch der AUDI-Fahrer ungerecht behandelt, wenn es um ihn herum nur Porsche-Besitzer gibt. 

Auf die Beziehungen kommt es an

In der Bibel wird Gerechtigkeit immer als aktives Handeln verstanden. Etwas in Unordnung Geratenes soll wieder richtiggestellt werden. Als Maßstab dabei galt zu alttestamentlichen Zeiten nicht unbedingt das Gesetz oder Recht, sondern vor allem die Beziehung zu den betroffenen Menschen. Das Kriterium war, ob etwas der Gemeinschaft diente oder sie beschädigte. Die Sozialgesetzgebung des Alten Testaments wird von dem Grundgedanken geprägt: Gerechtigkeit besteht in einer lebendigen Sorge um die Gemeinschaft und um das Wohl jedes Einzelnen. Dabei hat Gottes Gerechtigkeit vor allem die Armen, Schwachen, Ausgegrenzten und Hilfsbedürftigen im Blick. Ihnen gilt sein besonderes Augenmerk, weil seine Barmherzigkeit alles überstrahlt. Die Situation der Armen wird zu einem Kriterium dafür, ob in einer Gesellschaft die Verwirklichung von Gerechtigkeit gelungen ist. So fordern die Propheten des Alten Testaments immer wieder mehr Gerechtigkeit im Volk Israel ein. Bei Amos, Micha oder auch Jesaja wird deutlich, dass die biblische Gerechtigkeit aus der Perspektive der Armen beurteilt wird.

„Die Situation der Armen wird zu einem Kriterium dafür, ob in einer Gesellschaft die Verwirklichung von Gerechtigkeit gelungen ist.“

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

Jesus zeigt noch einen weiteren Weg, wie Leben gelingen kann: die Liebe. In seiner Kernforderung formuliert er es so: „Liebe Gott – und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Mit der Selbstliebe haben wir in einer von Konsum geprägten Gesellschaft kaum Probleme. Da wissen wir dann auch genau, was gerecht ist, nämlich, dass wir selbst auf keinen Fall benachteiligt werden dürfen. Übrigens bewegen wir uns sehr weit weg von einer Gerechtigkeit, in der tatsächlich alle Rechte für alle gelten. Und über Gleichheit auf dem weltweiten Hintergrund brauchen wir erst gar nicht diskutieren. Die Liebe, die Jesus meint, hat den Nächsten im Blick. Und dabei kommt Barmherzigkeit wieder ins Spiel. Und zwar nicht in einer gönnerhaften Haltung, die dem Schwachen auch mal die Hand reicht und ihm das gibt, was bei uns übrig ist. 

Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist eine Lüge. Barmherzigkeit schließt immer auch die Gerechtigkeit mit ein, wenn sie glaubhaft gelebt wird. Beide gehören zusammen – und sind so tatsächlich die zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Magazin Winter 2018

Jetzt das gedruckte Magazin bestellen

Lesen Sie das Magazin gemütlich auf Papier. Bestellen Sie jetzt ihr eigenes Printmagazin und lesen Sie 4x/Jahr gute, christliche Ratgeber-Inhalte. Denn NEUES LEBEN ist kostenfrei im Abo erhältlich.