Mehr als Harfe spielen auf Wolke sieben

Essay

Was es mit dem Frieden auf sich hat, wenn man die Bibel zu Rate zieht, warum es dabei um etwas ganz anderes geht, als gechillt in der Wolken-Lounge zu sitzen, warum Jesus manchmal mehr als Provokateur denn als Versöhner wahrgenommen wird und was das am Ende alles mit uns zu tun hat, erklärt Andreas Malessa.

Mehr als ein Hallöchen

Juden und Muslime sagen es pro Tag so oft, wie wir „Hallo“ oder „Guten Tag“ sagen: „Schalom!“ „Salem aleikum“. Friede-sei-mit-Dir. Auch offizielle Briefe beginnen so. Beim Apostel Paulus zum Beispiel: „Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater“ (Römer 1,7; 1.Korinther 1,3; 2.Korinther 1,2; Galater 1,3; Epheser 1,2; Philipper 1,2; Kolosser 1,2; 1.Thessalonicher 1,1; 2.Thessalonicher 1,2; 1.Timotheus 1,2; 2.Timotheus 1,2; Titus 1,4). Damit ist mehr gesagt, als wenn wir uns beiläufig „Alles Gute!“ oder „Viel Glück!“ wünschen, denn: Das hebräische „Schalom“ kann mit zwei Dutzend deutschen Begriffen übersetzt werden, von „Gesundheit und Wohlbefinden“ bis hin zu „unversehrter Vollkommenheit“. 

Seit Luther sind wir gewöhnt, von „Heil“, von „Seligkeit“ oder einem „ganzheitlich umfassenden Frieden“ zu sprechen. Denkt man sich diesen Frieden erst jenseits des Todes, im „Himmel“ nämlich, kommt das „ewige Seelenheil“ dabei heraus, was für manche Leute nach Wolkenkuckucksheim klingt. Harfe spielen auf Wolke 7. Schade eigentlich, denn: Als Abschiedsgruß enthält der Begriff sogar die Bedeutung eines Segens: „Geh’ hin in Frieden“, so tröstet der Seelsorger eine verzweifelte Frau (1. Samuel 1, 17) und Jesus heilt mit diesem Satz eine Kranke (Markus 5, 34). Ist Gottes Friede also mehr als ein vielbelächelter „frommer Wunsch“? Kann man Frieden wünschen im Sinne von „Gutes tun, Heil bringen“? Jesus attestiert das seinen Jüngern: „Wenn ihr in ein Haus eintretet, dann segnet es und sagt: Friede sei mit euch. Nimmt man euch auf, so wird der Friede, den ihr bringt, in diesem Hause bleiben“ (Matthäus 10, 13).

Ein Machtwort

Wie und warum wird aus einem daher gesagten Alltagsgruß ein wirkmächtiges „Macht-Wort“? Das antike Israel etwa 1.000 Jahre vor Christi Geburt ist ein von ethnischen Eifersüchteleien gebeutelter Kleinstaat aus zwölf Volksgruppen, regiert von meist überforderten Monarchen. Die Wirtschaft ist schwach, die Nachbarvölker sind stark, die Verbündeten sind unzuverlässig – da kündigt um 720 v. Chr. der Prophet Jesaja im Namen Gottes einen künftigen Retter an, einen „Friedefürst“ (Jesaja 9, 5): „Er (Gott) hat mich (den Messias) gesandt, den Armen frohe Botschaft zu bringen und die Verzweifelten zu trösten. Ich rufe Freiheit aus für die Gefangenen … Nun ist auch die Zeit gekommen, dass der Herr mit seinen Feinden abrechnet. Er hat mich gesandt, alle Trauernden zu trösten. Vorbei ist die Leidenszeit für die Einwohner Jerusalems“ (Jesaja 61, 1 und 2). Die Messias-Hoffnung und die Erwartung eines „himmlischen Friedensreichs“ auf Erden (!) ist seit rund 2.700 Jahren Teil der religiösen und kulturellen DNA des Judentums. Zwischendurch aber passierte etwas Schockierendes: „In seiner Heimatstadt Nazareth ging Jesus am Sabbat wie gewohnt in die Synagoge … Man reichte ihm das Buch des Propheten Jesaja. Jesus las: ‚Er hat mich beauftragt, den Armen frohe Botschaft zu bringen … Jesus schloss das Buch, gab es zurück und setzte sich … Er begann: „Heute hat sich diese Voraussage des Propheten erfüllt!“ (Lukas 4, 16 – 21). Wie bitte??? Da kommt so ein Holzfacharbeiter daher und behauptet, der messianische „Friedefürst“ zu sein? Und einer seiner Jünger erzählt, das sei dem schon an der Wiege gesungen worden? Von Engeln übrigens: „Gott im Himmel gehört alle Ehre, denn er hat den Frieden auf die Erde gebracht für alle, die bereit sind, seinen Frieden anzunehmen“ (Lukas 2, 14). Eine absurde Anmaßung! So jemand stirbt nicht im Bett, der wird ermordet. Das Judentum erleidet eine schmerzliche, folgenschwere Spaltung. Das Neue Testament erzählt seitenlang davon: Die einen glauben Jesus das. Die anderen nicht.

„Das hebräische „Schalom“ kann mit zwei Dutzend deutschen Begriffen übersetzt werden, von „Gesundheit und Wohlbefinden“ bis hin zu „unversehrter Vollkommenheit“.“

Eine Zumutung bis heute

Aus dem Erklärungsnotstand, warum dieser umfassende, ganzheitliche „Schalom“ Gottes, das paradiesische Friedensreich, nicht irdisch-konkrete Wirklichkeit geworden ist, gab und gibt es mehrere Ausflüchte. Juden sagten: Weil Jesus halt nicht der Messias war, basta. Katholische Christen sagten: Weil gar kein politisches und physisches „Heil“, sondern nur das „Seelenheil“ gemeint war. Es genügt, wenn der Mensch in der Beichte um Vergebung seines friedlosen Wesens bittet und durch Einnahme der Sakramente und Taten der Nächstenliebe sich einen Platz im jenseitigen Friedensreich erwirbt. Evangelische Christen sagten: Weil es zwei Reiche gibt. Das geistliche Regiment, in dem Seelenfrieden fürs Diesseits und Jenseits als Gnadengeschenk angeboten wird, das man nur annehmen muss. Und das weltliche Regiment, in dem der Friede mittels Verhandlungen oder militärischer Gewalt gesichert werden muss. Evangelisch-pietistische Christen sagten: Weil Gottes Schalom ohnehin nur den Gläubigen zugesagt war. Wohlstand, Wohlbefinden und inneren Frieden – auf Erden und im Himmel – gibt es nur, wenn der gegen Gott rebellische Mensch mittels einer Bekehrung Frieden mit Gott schließt. Irdische Wirklichkeit wird der Schalom Gottes erst bei Jesu Wiederkunft.

Dass Gott „kein Gott der Unordnung ist, sondern des Friedens“ (1. Korinther 14, 33) – das Gegenteil von Chaos ist also nicht deutsche Ordnung, sondern himmlischer Friede! – und dass mehr als 245 Verse der Bibel von diesem Frieden reden, bleibt eine Zumutung für alle. Denn: „Alles im Himmel und auf Erden sollte durch Christus mit Gott wieder versöhnt werden und Frieden mit ihm finden. Das ist geschehen, als er am Kreuz sein Blut vergoss“ (Kolosser 1, 20). Das ist geschehen? Nicht wir, sondern Christus am Kreuz hat den Frieden mit Gott gestiftet, hat die Welt mit sich versöhnt, hat uns Frieden geschenkt? „Selig sind die Friedfertigen“ (Matthäus 5, 9), lobt uns Jesus, wenn wir Frieden anfertigen. In der Familie, im Betrieb, in der Gesellschaft. Nicht als schönes Ideal, auf das wir zustreben. Sondern als Gottesgeschenk, von dem wir herkommen.

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