Ein Tropfen auf den heißen Stein

Plädoyer

Krieg, als Synonym für Unfrieden, gehört seit jeher zur Geschichte der Menschen. Und damit sind nicht nur die großen militärischen Auseinandersetzungen zwischen Völkern gemeint, es geht auch um die kleinen, ebenso grausamen und zerstörerischen Fehden, z. B. in Familien. Was wäre nötig, um Frieden zu schaffen? Klaus Dewald hat viel Leid gesehen und nennt einen Ausweg.

„Da sollte man einmal kräftig mit der Faust auf den Tisch hauen. Und dann aufräumen. Dann wäre endlich Ruhe …“ Meistens fallen solche Parolen eher am Stammtisch, doch die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist bei fast jedem Menschen da. Erst recht bei so wichtigen Themen wie Frieden.

Dass Frieden in der Praxis nicht so leicht zu schaffen ist, wird jedem klar, der sich dafür einsetzt. Seit vielen Jahren engagieren wir uns als Hilfswerk Global Aid Network (GAiN) in den Krisenregionen dieser Welt, um Menschen zu helfen – auch, um ihnen Frieden zu bringen. Aber was heißt das? Gerade wurden die Kämpfer des sogenannten islamischen Staates (IS) im Nordirak besiegt. Trotzdem stellt sich keine echte Erleichterung ein. Die Region bleibt fast so unfriedlich wie vorher. Jetzt sind es andere Gruppen, die sich um die Vormachtstellung streiten. Frieden? Fehlanzeige.

Und wenn es kein „Richtig“ gibt?

Idealtypisch entsteht Frieden, weil Menschen reif geworden sind, Einsicht gewonnen haben, überzeugt worden sind. Aber wie diskutiert man mit einer Hundertschaft IS-Soldaten? Ich denke, dass wir damit leben müssen, dass Waffengebrauch für einen Staat manchmal unumgänglich ist. Gleichzeitig muss ich mir aber bewusst machen, dass dies nie der Weg zu einem Sieg ist, und schon gar nicht der zum Frieden. Militärische Befriedung hat mit echtem Frieden so viel zu tun wie eine Waffe mit einer Waffel: gar nichts, selbst wenn es sich ähnlich anhört! Wer zur Waffe greift, der hat schon verloren – auch wenn er vielleicht keine andere Möglichkeit hatte. Bei der idealen Entscheidung stehe ich vor einer richtigen und einer falschen Möglichkeit und wähle natürlich die richtige. Doch bei vielen echten Auseinandersetzungen habe ich nur die Wahl zwischen Falsch und Falsch. Und ich kann mit meiner Entscheidung höchstens für eine Atempause sorgen, um anschließend bestehende Konflikte zu lösen. 

Das Äußere ist wichtig

Oft braucht Frieden einen äußeren Rahmen, damit er sich entwickeln kann. Ich denke wieder an den Irak mit seinen stellenweise entvölkerten Landstrichen. Da gibt es Orte, wo vorher eine mehrheitlich christliche Bevölkerung lebte. Die Bedrohung durch den IS ist vorbei. Trotzdem kehren nur wenige Bewohner in ihre alte Heimat zurück. Dort steht kein Stein mehr auf dem anderen. Sie wünschen sich Schutzzonen, Sicherheit, einen Rahmen, in dem sie in Frieden leben können. Wenn diese Iraker im Fernsehen Bilder von europäischen Straßen sehen, ist das für sie der Inbegriff einer sicheren Umgebung. Kein Wunder, wenn sich viele Menschen Frieden von einem Asyl hier versprechen.

Doch es ist nicht nur ein Schritt in Richtung Frieden, wenn bedrohte Menschen aus ihrer Situation herauskönnen. Gerade in der humanitären Hilfe erlebe ich es immer wieder, wie hilfreich es ist, zu den Menschen in ihre Situation hineinzugehen. Immer wieder höre ich: „Dass ihr zu uns gekommen seid, ist ein größeres Geschenk als all das, was ihr mitgebracht habt.“ Unser Hineingehen in eine Krisenregion schafft schon ein Stück Sicherheit im Chaos. Es ist mehr als ein äußerer Rahmen. Hier wächst Hoffnung: „Ich bin nicht vergessen. Es gibt Menschen, die an mich denken. Gott kümmert sich um mich …“

Ziel ist das Herz

Um aus Krieg und Streit herauszukommen, sind viele Schritte nötig. Wenn ein erster sicherer Rahmen steht, geht es darum, miteinander zu reden, Beziehungen wiederaufzubauen. Und das funktioniert letztlich nur durch Vergebung. Ohne sie bleiben die Altlasten der Gewalt wie ein Müllhaufen auf der Straße liegen, der die Nachbarschaft weiterhin durch seinen Gestank verseucht. 

Das afrikanische Ruanda erlebte vor gut 20 Jahren eine nationale Katastrophe, die das Land noch immer prägt: Die dominierende Volksgruppe der Hutu ermordete in einer beispiellosen Treibjagd über eine Million Tutsi. Immer noch ist praktisch jede Familie im Land betroffen, als Täter, Opfer, Zu- und Wegschauer, doch die Versöhnungskommissionen haben einen neuen Anfang möglich gemacht. Ähnliches geschieht gerade im Irak. Noch bevor der IS ganz vertrieben war, feierten die Christen im Norden des Landes einen Versöhnungsgottesdienst, um einander und vor allem um ihren Verfolgern zu vergeben. Wichtig ist: Wenn solch eine Vergebung Bestand haben soll, dann kann sie nicht mit Vergessen zusammenhängen, sondern muss mit Erinnern verknüpft sein. Ich denke an einen jungen Christen im Irak, der den ganzen Tag schwer arbeitete, um einen LKW mit Hilfsgütern für Muslime zu beladen. Er lächelte und sagte: „Diese Hilfsgüter sind für Daesch (das arabische Wort für den IS).“ Und er erklärte mir: „Als wir damals fliehen mussten, haben viele von ihnen dem IS geholfen, es sind ja Glaubensbrüder. Etliche haben unsere Häuser geplündert. Aber nun sind sie selbst auf der Flucht – und da helfen wir ihnen. Das machen wir so, wir sind ja schließlich Christen.“ Und dann arbeitete er weiter.

Frieden? Vielleicht noch nicht. Aber das ist der richtige Weg. Denn wirklicher Friede kann nur von innen kommen. Er wächst mit dem Bewusstsein, dass ich vergebe, aber auch, dass mir vergeben wird.

Lieber versagen als gar nicht anfangen

So lange Menschen um jeden Preis nach Geld, Macht und anderen Vorteilen streben, wird es Kriege geben. Wird Friede nicht der Normalzustand sein. Tatsächlich entsteht bei mir schnell der Eindruck, auf verlorenem Posten zu stehen, wenn ich mich für Frieden engagiere. Und genau wie in der humanitären Hilfe wird dann gern der Spruch vom Tropfen auf den heißen Stein gebracht. Sprich: Es ist doch alles vergebene Liebesmühe. Nicht wirksam. Nicht effektiv. Aber dieser Vergleich verbietet sich. Denn es geht nicht um Dinge, sondern um Menschen. Und Hilfe fängt nicht erst an, wenn jedem geholfen wurde, sondern bereits, wenn einer überlebt, genug zu essen bekommt, Hoffnung schöpft. Frieden fängt nicht erst damit an, dass es keinerlei gewalttätige Auseinandersetzung mehr gibt. Er beginnt im Leben eines Menschen, der gelernt hat, Meinungsverschiedenheiten mit Worten statt Waffen zu regeln (Stichwort Bildung). Er beginnt im Leben eines anderen, der seinem ehemaligen Verfolger hilft (Stichwort Vergebung). Und er beginnt da, wo ich auf Gottes Eingreifen hoffe, statt „realistisch“ zu bleiben. Vielleicht versage ich ja, wenn ich mich für solch einen utopischen Frieden einsetze. Aber dann versage ich lieber beim Versuch, statt gar nicht erst anzufangen.

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