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Ein Konflikttraining für Fortgeschrittene

Ratgeber

Wenn es um Missverständnisse, Unfrieden und Konflikte geht, sind Sie dann ein Vermeider, ein Anpasser, ein Durchsetzer oder doch eher ein Kompromissler? Astrid Ogbeiwi erklärt die Unterschiede, hilft, den eigenen Typ zu entdecken, und zeigt, wie man sich im Streitfall am besten verhält.

Claudia hat ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Wohnungsnachbarn. Man grüßt sich, plaudert und hilft sich gelegentlich mit Kleinigkeiten aus. Als eine Familie jedoch wieder einmal den Müll vor der Tür stehen lässt und Claudia, die sich an diesem Tag nicht wohl fühlt, von dem Geruch übel wird, spricht sie ihre Nachbarn sichtlich gereizt darauf an. Diese fühlen sich dadurch so ungerecht behandelt, dass sie den Kontakt zu ihr abbrechen. Inzwischen grüßt man sich nicht einmal mehr. Wer kennt das nicht? In der Familie, in der Beziehung, am Arbeitsplatz – immer wieder entzündet sich ein Konflikt an einer Kleinigkeit und eskaliert, bis er sich kaum noch schlichten lässt. Oder der Zündstoff verpufft zwischen großen Schweigern, die konfliktscheu jede Kritik unter den sprichwörtlichen Teppich kehren. Wenn es um den Streit und das Streiten in all seinen Spielarten geht, fühlen wir uns oft so bedroht, dass wir entweder in untätiger Starre verharren oder blind um uns schlagen. Eine tragfähige Lösung erreichen wir mit beidem nicht. Für solche Fälle empfiehlt die Konfliktberaterin Ursula Wawrzinek ein Zehn-Schritte-Programm, mit dem wir uns leichter aus unseren eingefahrenen Gleisen lösen, kreativer streiten und konstruktivere Lösungen entwickeln können. Und das geht so:

Den Konflikt erkennen

  1. Im ersten Schritt gilt es, den Konflikt bereits dann wahrzunehmen, wenn er sich anbahnt. Lässt mich ein Thema nicht mehr los? Bin ich empfindlich, gereizt oder aggressiv? Gehe ich jemandem aus dem Weg? Meidet jemand den Blickkontakt mit mir? Macht er ironische oder sarkastische Bemerkungen? Wirkt sie angespannt oder nervös?
  2. In all diesen Fällen ist es Zeit, innezuhalten und das Geschehen aufmerksam zu beobachten. Folgende Fragen können helfen: Wie lässt sich das Problem in einem Satz formulieren? Was genau stört mich? Wie fühle ich mich? Welches Bedürfnis ist unerfüllt? Was würde ich mir wünschen? Was empfindet mein Konfliktpartner möglicherweise?
  3. Jetzt wird es spannend: Die tatsächliche Auseinandersetzung steht an. Nach den vorbereitenden Schritten 1 und 2 stehen die Chancen gut, dass ein klärendes Gespräch gelingt. Voraussetzung ist, dass wir die Argumente des anderen auf eine annehmende Weise anhören. Wir brauchen mit seiner Sicht nicht einverstanden zu sein. Beide Positionen sind gleichberechtigt.
  4. Doch selbst bei der besten Vorbereitung, oder wenn es um sehr viel geht, kann der dritte Schritt sehr aufwühlend sein. In diesem Fall empfiehlt Ursula Wawrzinek eine schöpferische Bedenkpause. Dabei können wir uns noch einmal in aller Ruhe über unsere eigene Position und die unseres Gegenübers klar werden sowie neue Ideen für unser weiteres Vorgehen entwickeln. Hier hilft es, wenn wir wissen, welcher Konfliktlösungstyp wir sind:

Der Durchsetzer nimmt seine Ziele, Wünsche und Bedürfnisse sehr ernst und ist auch bereit, dafür zu kämpfen. Die Ziele, Wünsche und Bedürfnisse anderer empfindet er bestenfalls als Konkurrenz, die besiegt werden muss. Er sorgt gut für sich und seine Belange und geht davon aus, dass andere dies auch tun. Solche Gewinnertypen sind beeindruckend, aber beim Streiten auch anstrengend. Und sie wirken generell schnell unsympathisch. Hier ist es wichtig, das rechte Maß zu finden und dieses Durchsetzungstalent auf die wesentlichen Situationen zu konzentrieren. 

Der Anpasser ist das genaue Gegenteil. Er berücksichtigt die Ziele, Wünsche und Bedürfnisse anderer mehr als seine eigenen. Guten Vorschlägen schließt er sich gerne an, auch weil ihm selbst oft klare Vorstellungen fehlen. Seine Flexibilität und Offenheit machen ihn sympathisch. Er sollte allerdings darauf achten, sich beim Streiten nicht ständig „die Butter vom Brot nehmen zu lassen“. 

Der Vermeider hingegen braucht Harmonie. Heftige Gefühlsausbrüche verunsichern ihn „Um des lieben Friedens willen“ bleiben eigene Ziele, Wünsche und Bedürfnisse, aber auch die der anderen, beim Streiten und im Konfliktfall auf der Strecke. Diese friedfertigen Menschen wirken ausgeglichen, sympathisch und vermitteln Sicherheit. Doch wer sich ständig einer Auseinandersetzung entzieht, wird auf Dauer unzufrieden – und auch die Mitwelt fühlt sich nicht gesehen und geschätzt.

Der Kooperative strebt nach der edelsten Form der Durchsetzung. Seine Ziele, Wünsche und Bedürfnisse nimmt er sehr ernst. Allerdings nicht in Konkurrenz zu anderen, sondern um gemeinsam mit ihnen eine Lösung zu suchen, die für alle Betroffenen gut ist. Dafür investieren Kooperative viel Zeit und Energie. Das ist besonders dann ein Segen, wenn eine gute Lösung beim Streiten nicht gleich in Sicht ist und erst im mühsamen Austausch erarbeitet werden muss. Geht es allerdings nur um Kleinigkeiten, kann die Freude an der Auseinandersetzung auch mal kompliziert und langatmig wirken. 

Dem Kompromissler ist ebenfalls an einer fairen Lösung gelegen. Aber schnell soll es gehen. Wenn sich die eigenen Ziele, Wünsche und Bedürfnisse nicht mit denen des Gegenübers vereinbaren lassen, dann muss eben jeder dem anderen ein Stück entgegenkommen. Weil Hintergründe nicht beleuchtet werden, übersehen Kompromissler oft, dass für beide Seiten im Konflikt mehr drin gewesen wäre. Am Ende kommt deshalb häufig nur ein fauler und für alle unbefriedigender Kompromiss heraus.

„Genauso wie das Gras nicht schneller wächst, wenn wir daran ziehen, können wir auch unser persönliches Reifen nicht beliebig beschleunigen. Wir brauchen dafür Geduld und einen langen Atem.“

Den richtigen Stil beim Streiten gibt es nicht

Sie können sich selbst keiner festen Kategorie zuordnen? Das müssen Sie auch nicht. Denn meist handeln wir in unterschiedlichen Konflikten und beim Streiten ganz verschieden. Zum Beispiel am Arbeitsplatz anders als zu Hause oder unter Freunden. Den richtigen Lösungsstil gibt es nicht. Bei Dingen, die uns sehr wichtig sind, kann Durchsetzung das Mittel der Wahl sein. Müssen dagegen die Interessen Vieler unter einen Hut gebracht werden, ist Anpassungsfähigkeit durchaus hilfreich. Aber Achtung: Wenn Sie sich immer anpassen, müssen Sie hier sehr genau hinschauen! Selbst einen Konflikt zu vermeiden kann angemessen sein, wenn zum Beispiel von vorneherein feststeht, dass wir den Kampf nicht gewinnen können, oder wenn wir von uns wissen, dass wir zum Streiten neigen. Ein Kompromiss ist eine gute Lösung, wenn Eile geboten ist oder jeder sein Gesicht wahren soll. Wenn viel auf dem Spiel steht, oder wenn es um eine dauerhaft gute Beziehung zum anderen geht, dann ist allerdings Kooperation der geeignete Stil. Diese fünf Typen sind ein Instrumentarium, mit dem wir unser eigenes Verhalten und das unseres Gegenübers besser einordnen, aus dem wir uns aber auch bedienen können, um mit neuen Verhaltensmöglichkeiten zu experimentieren. Folgende Fragen sind der Schlüssel zur Typen-Werkzeugkiste und eine Entscheidungshilfe:

  • In welchem Grundtypus erkenne ich mich wieder?
  • Wie zufrieden bin ich damit?
  • In welchen Situationen wende ich heute schon einen angemessenen Lösungsstil an?
  • In welchen Situationen wünsche ich mir zukünftig einen anderen Lösungsstil?
  • Welches Lernthema kann ich für mich entdecken?

Auseinandersetzung, Lösung, Versöhnung

5. Nach dieser Bedenkpause können wir die Auseinandersetzung fortsetzen und dabei das neue Verhalten anwenden, das wir uns ausgesucht haben. Jetzt sollten beide Seiten noch einmal ihre Sicht darstellen.

6. Im nächsten Schritt klären wir, inwieweit es Punkte gibt, bei denen wir uns einig sind und/oder ob wir gemeinsame Ziele finden können, zum Beispiel eine gute Arbeitsbeziehung, Nachbarschaft oder den Erhalt der Freundschaft.

7. Nun erscheint es nur natürlich, gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Zunächst tragen wir einfach alle Ideen zusammen und bewerten sie nicht. Danach werden die Vor- und Nachteile der einzelnen Vorschläge abgewogen. Wir einigen uns auf die Lösung, die uns stabil und realistisch erscheint und für alle gut ist.

8. Daran anschließend besprechen wir, wie diese Lösung konkret im Alltag umgesetzt werden soll. Wer tut was und bis wann?

9. Zu einer guten Lösung gehört auch der Blick in die Zukunft. Deshalb wird am besten jetzt schon besprochen, inwieweit die gefundene Lösung für die Zukunft tragfähig ist und was wir tun wollen, wenn sie sich als untauglich erweist.

10. Wenn möglich, versöhnen Sie sich mit Ihrem Konfliktpartner. Versuchen Sie, inneren Frieden mit der Situation zu finden. Sorgen Sie gut für sich und lassen Sie Ihren Ärger los.

Wenn keine Versöhnung möglich ist

Doch nicht jeder Konflikt ist lösbar. Mancher lässt sich nur klären. In diesen Fällen können wir die Schritte 7 bis 10 alleine machen. Jetzt eine gute, stabile und dauerhaft tragfähige Lösung zu finden und das Streiten dauerhaft zu beenden, braucht viel Zeit. Gönnen Sie sich diese. Überstürzen Sie nichts und haben Sie vor allem Geduld mit sich selbst. Ein veränderter Umgang mit Konflikten und beim Streiten bedeutet und erfordert nichts weniger als einen persönlichen Reifeprozess. Augenzwinkernd verrät Ursula Wawrzinek: „Genauso wie das Gras nicht schneller wächst, wenn wir daran ziehen, können wir auch unser persönliches Reifen nicht beliebig beschleunigen. Wir brauchen dafür Geduld und einen langen Atem. … [Doch] bereits kleine Entwicklungsschritte führen zu einer deutlichen Steigerung der inneren Zufriedenheit und des Empfindens von Glück.“

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