https://neues-leben.de/

Der Krieg ist aus

Standpunkt

Ob es eigentlich auch Menschen gibt, die zum Frieden gar nicht fähig sind, wollten wir wissen. Und fragten nach bei einem, der sich auskennt. Weil er nicht nur die entscheidenden Disziplinen studiert hat und jahrelange Erfahrung mitbringt, sondern weil er nah am Menschen ist. Nah an der Realität, nah am Leben: Hans-Arved Willberg.

Eine menschliche Fähigkeit ist etwas, das ein Mensch kann. Es liegt also grundsätzlich im Horizont seiner Möglichkeiten. Alle Menschen, denen ein Klavier zur Verfügung steht und die mit zwei funktionierenden Händen und einem funktionierenden Verstand ausgerüstet sind, besitzen prinzipiell die Fähigkeit, Klavier zu spielen. Eine Fähigkeit zu besitzen bedeutet nicht, sie perfekt umsetzen zu können. Das Ergebnis kann sehr bescheiden sein. Und trotzdem kann man dann nicht behaupten, dieser Mensch sei unfähig zu dem, was er tut. Meistens darf man auch davon ausgehen, dass er darin durch Üben und Anleitung noch besser werden kann. 

Unsere Fragestellung macht nur Sinn, wenn wir eingrenzen, was mit Fähigkeit zum Frieden gemeint sein soll. Einzelne Menschen mit der Fähigkeit zum Frieden besitzen z. B. natürlich nicht die Fähigkeit, den politischen Weltfrieden herbeizuführen. Wer das von sich denkt, ist größenwahnsinnig. Leider gab und gibt es solche Politiker und andere Führergestalten, die eine messianische Berufung dazu für sich zu erkennen glauben. Sie haben bislang noch immer keinen Frieden, sondern nur schreckliches Leid über die Menschen gebracht. Es kann sich an dieser Stelle also nur um einen Frieden handeln, der im Spektrum unserer realen und sinnvollen Einflussmöglichkeiten liegt. Das ist der Friede mit Gott, meiner Umwelt und mir selbst. 

Fähig zum Frieden mit Gott?

Theologisch wird sehr oft eingewendet, dass der Mensch aus sich selbst heraus keineswegs dazu fähig ist, Frieden mit Gott zu finden, und dass ihm darum auch der wahre Friede mit den andern und sich selbst versperrt ist. Das entspricht einerseits tatsächlich jüdisch-christlicher Theologie, andererseits dreht der Einwand sozusagen den Zeiger der Heilsgeschichte bis auf den Anfang zurück. Sie ist ja nur darum Geschichte des Heils, weil Gott dem Menschen, der den Frieden mit Gott und dem Nächsten verloren hatte, von Beginn an seine Zusagen und Zeichen gab, um ihm zu ermöglichen, mit Gott, der Welt und sich selbst versöhnt im Frieden zu leben. Darin besteht die ganze biblische Offenbarung. Sie ist ein immer stärker aufscheinendes Licht, das seine tiefste Erfüllung im Evangelium des Friedens für die ganze Welt findet. Gott schafft definitiven Frieden für alle Welt, indem er ihr seinen Sohn Jesus Christus schenkt. Daraus folgernd bezeichnet Paulus den evangelistischen Auftrag als „Bitte an die Welt, sich mit Gott versöhnen zu lassen“ (2. Korinther 5,20). Versöhnen lassen kann sich nur, wer in den Augen dessen, der ihn darum bittet, schon versöhnt ist. Theologisch zutreffend ist darum: Der Friede Gottes ist eine für alle Menschen bereits vorgegebene Tatsache, die der Einzelne nur noch für sich in Anspruch zu nehmen braucht. Der Krieg ist aus. Der Friede ist schon da. 

So gesehen haben wir als Menschen sehr wohl die Fähigkeit zum Frieden mit Gott, genau wie wir die Fähigkeit haben, ein Brot zu essen, das auf dem Tisch liegt. Wir machen den Frieden ja nicht, wir gehen nur auf ihn ein, und indem wir auf ihn eingehen, ist er uns auch tatsächlich geschenkt. Wenn wir aber Frieden mit Gott haben, dann gibt es wirklich keinen Grund, auf den Frieden mit der Umwelt und uns selbst zu verzichten. 

Schwerer Friede

Klar, es kann sein, dass wir uns mit dem Frieden sehr schwer tun, aber „schwer“ heißt nicht „unmöglich“. Wie soll jedoch jemand, der einer grausamen Erziehung wegen in seiner Kindheit gar kein Gespür dafür entwickeln konnte, was Friede mit sich selbst, den andern und Gott eigentlich sein kann, den Frieden überhaupt schätzen und lieben lernen? Viele Menschen, die als Kriminelle im Gefängnis landen, leiden solcher Erziehungsschäden wegen unter einer Dissozialen Persönlichkeitsstörung. Sie sind nicht böse, sondern krank. Allerdings tun sie Böses, zweifellos, aber sie tun es, weil sie krank sind: Ihre Fähigkeit zum Frieden ist außerordentlich verkümmert, weil sie nie gepflegt wurde. Hoffnungslose Fälle sind sie deshalb aber nicht. Es geht nur darum, dass ihnen endlich einmal geholfen wird, ihr vernachlässigtes Friedenspotenzial zu entdecken, ernst zu nehmen und zu verstehen, wie sie selbst es fördern können, damit es wächst. Sie brauchen einfühlsame und stabile Pädagogen und Therapeuten als Gegenüber, die ihnen in konkreten Alltagssituationen bewusst machen, dass sie die Wahl haben, hier und jetzt eine Entscheidung treffen zu können, die dem Frieden dient und ihnen dadurch selber nützt. „Überleg’ dir, was du davon hast“, pflegt ein Freund zu fragen, der mit solchen Kindern und Jugendlichen arbeitet, wenn sie im Begriff sind, sich gewohnheitsgemäß destruktiv zu verhalten. „Ist es das, was du willst?“ Nein, eigentlich nicht. Dann gibt er ihnen Tipps und unterstützt sie, wie sie es in dieser einen Situation anders machen können. Wenn es gelingt, haben sie ein Erfolgserlebnis, das ihr Selbstwertgefühl stärkt und sie ermutigt. Menschen sind wunderbar lernfähige und lernwillige Wesen, wenn ihnen nur klar wird, wozu sie etwas lernen sollen, und wenn sie ermutigt sind, dass sie es schaffen können.

Manche lernen erst spät: Auch schlimmste Verbrecher können noch am Ende Reue finden, Gott sei Dank. Aber bleibt manchen vielleicht doch der Weg zum Frieden ganz verschlossen? Wieder Gott sei Dank: Wir wissen es nicht. Wir wissen nur aus der Bibel um Hinweise, dass es denkbar ist. Die Bibel spricht in diesen Fällen von „Verstockung“. 

Die größte Gefahr der bleibenden Verschlossenheit ist wohl der Scheinfriede. Auch davon ist in der Bibel ziemlich viel zu lesen. Hannah Arendt hat dafür den Ausdruck „Banalität des Bösen“ geprägt. Sie findet dort statt, wo alles in bester Ordnung zu sein scheint und doch die schlimmsten Abscheulichkeiten praktiziert werden. Adolf Eichmann, dessen Kriegsverbrecherprozess in Jerusalem sie genau analysierte, zeigte keine Reue dafür, dass er die Leitung der Logistik sämtlicher Deportationen in die Konzentrationslager innehatte. Er beteuerte, nur seine ganz ordnungsgemäße soldatische Pflicht getan zu haben. Es war ihm so befohlen und er hatte so zu gehorchen. Man muss fürchten, dass ein Gewissen wie dieses völlig abgedichtet ist.

„Menschen sind wunderbar lernfähige und lernwillige Wesen, wenn ihnen nur klar wird, wozu sie etwas lernen sollen und wenn sie ermutigt sind, dass sie es schaffen können.“

Angefochtener Friede

Ich hielt eine Predigt über die Verantwortung, die wir als Christen mit den Juden gemeinsam haben, uns konsequent und kompromisslos für den Frieden einzusetzen. Ich zitierte den jüdischen Philosophen Emil Fackenheim, der es als heiliges Gebot bezeichnete, sich „der gebietenden Stimme von Auschwitz“ zu verpflichten, die befiehlt, dass sich so etwas auf gar keinen Fall noch einmal wiederholen darf. Danach sprach mich ein Gottesdienstbesucher an, der mich von früher her kannte: „Hast du deinen Frieden verloren?“ Ich hatte davon gesprochen, wie schwer es sein kann, das bedingungslose Ja zum Leben aufrechtzuerhalten, wenn man sehr enttäuschende Erfahrungen mit Gott macht, und ich hatte durchschimmern lassen, dass ich das auch selbst bezeugen kann. Die Frage klang nach Vorwurf. Dieser Mitchrist meinte, ich habe mich vom rechten Glauben abgewandt, weil ich solche Dinge sagte. 

Nein, wenn der Friede eines glaubenden Menschen angefochten ist und er es nicht verschweigt, heißt das nicht, dass er ihn verloren hat. Es scheint viele Christen zu geben, die das kaum ertragen können, weil sie nur einen Frieden akzeptieren, der ohne schweren Zweifel bleibt und ihnen die eigene Verantwortung für den Frieden in der Welt abnimmt. Aber seit jeher haben Glaubende erleben müssen, dass ihr Friede keine Wattepackung ist, die den Härten des Lebens die scharfen Kanten nimmt. Der Friede bewährt sich, indem er durch Krisen geht und sich den Krisen stellt, und die können so hart sein, dass man stark ins Zweifeln kommt. Abrahams Friede bewährte sich, als er durch die Aufforderung, seinen Sohn zu opfern, auf die allerschwerste Probe gestellt wurde, so wie auch Hiobs Friede äußerst angefochten war. In solchen Lebenslagen kommt unsere eigene Friedensfähigkeit an ihre Grenze. Wenn uns der Friede dann trotzdem nicht verloren geht, sondern sogar noch unter den Lasten stärker wird, ist das die Erfahrung des Friedens, der höher ist als alles, was wir denken können. Er ist ein Geschenk, über das wir uns selbst nur wundern können.

Magazin Winter 2017

Jetzt das gedruckte Magazin bestellen

Lesen Sie das Magazin gemütlich auf Papier. Bestellen Sie jetzt ihr eigenes Printmagazin und lesen Sie 4x/Jahr gute, christliche Ratgeber-Inhalte. Denn NEUES LEBEN ist kostenfrei im Abo erhältlich.