Zweimal den Seniorenteller?

Alltagstauglich

Dass Altwerden nichts für Feiglinge ist, wissen wir spätestens seit dem amüsanten Buch von Joachim „Blacky“ Fuchsberger. Älter werden ist nicht schlecht und auch nicht gut. Es bietet Chancen und Hürden, Möglichkeiten und Grenzen. Wilfried Schulte beschreibt, wie er das erlebt, deutet und auflöst.

Als ich vor zwei Jahren wegen Knieschmerzen bei meinem Hausarzt war, meinte er: „Leichte Schäden am Meniskus – damit muss man in Ihrem Alter rechnen!“ Dabei war ich absolut überzeugt, dass das nicht sein könnte, weil ich im Leben nie Sport getrieben hatte und meine Knie daher, theoretisch, noch in einwandfreiem Zustand sein müssten. Kein Kratzer, kaum gebraucht! Extrem niedrige Kilometerzahl! Nur ein Besitzer, männlich! Beim Friseur sagte mir dann die freundliche Friseurin kürzlich: „Sie können schon Platz nehmen, junger Mann.“ Als Baujahr 1955 konnte ich es mir nicht verkneifen zu sagen: „Jetzt haben Sie mich richtig alt gemacht!“ Und als ich an einem Wochentag mittags mit meiner Schwiegermutter (87 J.) im Restaurant Essen bestellen wollte, sagte die Kellnerin: „Soll es zwei Mal das Tagesangebot für Senioren sein oder lieber etwas anderes?“ 

Es ist schon irritierend, alt zu werden und dabei eindeutig in eine „neue“ Schublade gesteckt zu werden. Und es gibt auch die Aspekte, die mir Angst machen: Kann ich mithalten mit dieser sich immer schneller verändernden Welt? Mit diesem Werteverlust und der scheinbaren Wertebeliebigkeit? Und will ich das überhaupt? Wenn ich meinen Wert nicht mehr über meine Arbeit und mein Können beweisen kann, wer bin ich dann? Dass ich jetzt einen Seniorenteller zum günstigeren Preis bestellen kann, ist ein schwacher Trost. Ein 100-Jähriger wurde gefragt, was denn das Gute ist, wenn man 100 Jahre alt wird. Seine Antwort: „Es gibt keinen Gruppenzwang!“ Was aber ist, wenn mein Beziehungsnetz sich so ausdünnt, dass keiner mehr zu meiner Welt gehört? Kein Gruppenzwang, aber auch keine Gruppe mehr? Was ist, wenn ich „eigentlich“ nicht mehr gebraucht werde? Bob Buford hat schon vor 20 Jahren in seinem Bestseller „Half Time“ (Halbzeit) sehr gut beschrieben, dass Erfolg im Leben nicht das ultimative Ziel sein kann, sondern Bedeutung. Welche Bedeutung hat mein Leben noch?

Bedeutung finde ich in der Erfahrung, die ich über die Jahre gesammelt habe. Ich merke, wie eine neue Generation mit Elan, sehr viel Wissen und Tatendrang ihre Aufgaben anpackt – und ich darf sie begleiten. Ich kenne einige gute Abkürzungen und weiß um die nicht gekennzeichneten Sackgassen. Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, soll seinem nach dem achthundertsten Fehlversuch frustrierten Assistenten gesagt haben: Schau doch, wir kennen 800 Wege, die nicht funktionieren.

Bedeutung finde ich in der Familie Gottes in der Gemeinde. Wer im Leben anderen beigestanden und sie getragen hat, wird auch selber getragen. In der Gemeinschaft der Christen gibt es eine Solidarität, die sich gegenseitig hält, denn Menschen, die Jesus nachfolgen, wissen, ob jung oder alt, ihr Wert kommt nicht aus ihrer Leistung, sondern aus ihrer Zugehörigkeit zu Gott. 

Bedeutung finde ich bei Gott. Gott kennt mich. Schon bevor ich geboren wurde, war ihm mein Leben kein Geheimnis. Er kennt meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich brauche und kann ihm nichts vormachen, aber ich kann ihm alles anvertrauen. Auch das Alter. Gott verspricht seinem Volk: „Ich will euer ganzes Leben lang euer Gott sein – ich werde euch tragen, bis euer Haar vom Alter ergraut. Ich habe es getan und ich werde euch weiterhin tragen. Ich werde euch auf meine Schulter laden und euch retten.“ Jesaja 46,4

Magazin Winter 2016

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