Meine Angst, mein Glaube, mein Gott

Standpunkt

Wie empfinden Menschen, die mitten im Leben stehen und Angst haben? Angst, obwohl sie der etwas so Wirksames wie den eigenen Glauben an Gott entgegenzusetzen hätten. Elena Schulte nimmt uns mit auf einen gedanklichen Ausflug. Und macht dabei deutlich, dass es so etwas wie einfache Antworten auf komplizierte Fragen kaum gibt.

Ich bin ein ängstlicher Mensch. Schon als kleines Kind musste ich regelmäßig beim Arzt auf die Toilette, bevor ich aufgerufen wurde. Der klassische „Schisser“ sozusagen. Bis heute hat sich nicht viel daran verändert, nur, dass die Angstgründe und die Angstauswirkungen vielleicht etwas anders geworden sind. Wenn meine Kinder auf einen Baum klettern, weise ich sie meist eher auf die Gefahr des Runterfallens als auf die Chance des schönen Ausblicks hin. Wenn mein Mann eine weitere Autofahrt vor sich hat, bin ich immer sehr froh, wenn er wohlbehalten zurück ist. Soweit die banaleren Ängste. Aber auch die existenzielleren, weitreichenderen und bisweilen sehr irrationalen Ängste sind mir nicht fremd. Werden meine Familie und ich gesund bleiben oder werden wir eines Tages mit einem Schicksalsschlag zu kämpfen haben? Wird die politische Situation in dieser Welt so stabil bleiben, dass wir nicht mit einem dritten Weltkrieg konfrontiert werden? Werden unsere Kinder in einem Wertesystem groß werden, das für einen Christen halbwegs vertretbar ist, oder werden sie durch ihren Glauben und ihre Überzeugungen eines Tages mit großen Problemen zu kämpfen haben? Diese und viele andere Fragen haben schon sämtliche meiner Hirnwindungen und Herzkammern durchlaufen und schaffen es immer wieder, ungute Gefühle, Angst und Sorgen in mir heraufzubeschwören.

Ich bin Christ. Das bedeutet, dass ich in einer persönlichen, engen und für mich existenziell wichtigen Beziehung zu Jesus Christus lebe. Dass ich glaube, dass Gott der Herr über Himmel und Erde ist und dieselben fest in seinen Händen hält. Dass ich in der Bibel lese und ihre Worte als wahr, wichtig und richtungsweisend für mein Leben annehme. Nun finden sich dort Aussagen wie „Fürchte Dich nicht, ich bin bei Dir!“ (Jesaja 43,5) und „Sei stark und mutig! Hab keine Angst und verzweifle nicht“ (Josua 1,9). Wie passen meine Ängste und mein Glaube zusammen? Wie kann ich dem Schöpfer und Herrscher dieser Welt gehören und mir Sorgen über das Leben und mein Befinden machen? 

Zugegeben: ich hatte lange Probleme damit, beides unter einen Hut zu bekommen. Habe diese Probleme eigentlich sogar bis heute. Wie oft lag ich schon schlaflos vor Sorge in meinem Bett und habe mir selbst Bibelverse vorgesagt und zu Gott gefleht, dass er mir meine Ängste nimmt, nur, um mich dann selbst dafür zu verurteilen, dass ich nicht in der Lage bin, Gott so sehr zu vertrauen, dass die Angst weichen muss. Ich bin doch Christ – ich muss keine Angst haben. Ich bin doch Christ – ich darf keine Angst haben! Oder doch?

Die Welt ist immer noch die Welt

Wenn ich mit offenen Augen durch die Welt und durch mein Leben laufe, dann ist vieles zum Fürchten. Wir erleben Krankheit, sehen Bilder von schrecklichen Kriegen, stehen vor den Scherben einer Ehe, hören von Terror und Anschlägen, haben einen Unfall, stoßen auf Ablehnung, werden gemobbt oder vom Irrsinn des Alltags fast verschlungen. Da kommen einfach Fragen in uns hoch: Wie geht es weiter? Was wird die Zukunft bringen? Leben ist Kampf. An einem Sonntagnachmittag mit einem leckeren Kaffee auf der Terrasse vielleicht weniger, an einem Montagmorgen aber doch schon wieder mehr. Spannend finde ich, dass Jesus daraus keinen Hehl macht. Im Gegenteil: er bestätigt dies in Johannes 16,33: „In der Welt habt ihr Angst!“ Angst ist Realität, Mutlosigkeit ist serienmäßig, Erschöpfung gehört zum Leben dazu, Zweifel kommen, aus Bedrängnis macht Gott kein Geheimnis, und all diese Dinge sind erst mal kein Zeichen von Ungeistlichkeit! Jesus richtet diese Worte an seine Jünger, seine besten Freunde, von denen man doch eigentlich erwarten könnte, dass sie so schnell nichts erschrecken kann. Aber die Welt, in der sie und wir leben, ist immer noch die Welt – und das wird sie auch solange bleiben, bis Jesus die neue Welt eröffnet und wir in unserer himmlischen Suite mit Elia und Petrus auf den Sieg anstoßen. 

„Frieden ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Anwesenheit von Gott.“

Ich bin immer noch ich

Ich mag Elia. Er ist ein wahrer Gottesmann – und gleichzeitig so durch und durch Mensch. Er hat als Prophet so viele Wunder erlebt und immer wieder Gottes Stimme gehört und an andere weitergegeben. Dennoch sitzt er eines Tages in der Wüste, steckt den Kopf in den Sand und will nur noch sterben. Er ist an der Welt und an sich selbst zerbrochen. Am liebsten möchte ich zu ihm hingehen, ihn an den Schultern packen und sagen: „Elia, das ist doch nicht dein Ernst, oder? Jetzt reiß dich mal zusammen! Du jammerst wie einer, der Gott nicht kennt …“ Aber dann wieder tut es mir gut, seine Geschichte zu lesen und Rückschlüsse daraus zu ziehen, dass sie Platz in der Bibel gefunden hat. Denn wie oft sitze ich in meiner Alltagswüste und bin umgeben von Sorgensand und der sengenden Angst-Hitze!

Gott ist immer noch Gott

Gibt es also im Hinblick auf die Angst und den Umgang damit keinen Unterschied zwischen einem Christen und einem Menschen, der Gott nicht kennt? Doch, den gibt es. Aber er liegt nicht darin, dass die Welt, in der ich lebe, eine andere wird. Und er liegt auch nicht vorrangig darin, dass ich ein furchtloserer Mensch werde. Den wahren Unterschied macht der Gott, an den ich glaube. Was tut Gott, als Elia in der Wüste verzweifelt? Ihm eine Moralpredigt halten? Ihn in eine Oase zaubern? Oder das Ganze ignorieren? Nichts davon. Er kennt Elias Welt und seine Bedürfnisse. Deshalb versorgt er ihn zunächst mit Schlaf und einer guten Mahlzeit. Und dann lässt er ihm Raum, seine Ängste, Nöte und Sorgen zu nennen. Und zu guter Letzt begegnet er ihm – sanft, still und leise. Mitten in der Wüste. Dieses „mitten“ zieht sich übrigens durch die ganze Bibel. Gott kennt keine Distanz. Am deutlichsten wird das durch Jesus. In Jesus kommt er mitten in diese Welt. Mitten in eine furchtbare politische Situation, die vielen Menschen damals große Angst bereitet hat. Mitten in Armut, Elend und Schwachheit. Mitten ins Leben. Mitten rein. Und aus dieser Position heraus tritt er uns gegenüber, schaut uns in die Augen, legt seine Hand auf unsere Schulter und spricht leise und doch bestimmt: Ich bin da. In deiner Welt. In deiner Angst. Ich kenne dich. Verstehe dich. Liebe dich. Weiß um alles, was dir zusetzt. Aber sei getrost: ich habe all das überwunden und stehe dir nun bei.“

Die Welt ist immer noch die Welt. Ich bin immer noch ich. Aber Gott hat seine Wahrheit über alles gestellt. Und das wiederum verändert alles – denn hier kann Frieden beginnen!

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