Ich bin bei mir zuhaus

Essay

Angeblich verliebt sich ja alle 11 Minuten ein Single, wenn man den Partnerbörsen glauben darf. Wie es wohl denen geht, auf die das nicht zutrifft? Denen, die allein sind und das nicht, weil sie unter der Angst vor einer Beziehung leiden? Aber die trotzdem leiden, am Alleinsein nämlich? Wir haben Tabea Weiler gefragt.

In meiner Teeniezeit hab ich das Buch „Mit unerfüllten Wünschen leben“ von Walter Trobisch gelesen und mir heimlich gedacht: „Ach, ein Partner findet sich doch ganz leicht, ich habe noch so viel Zeit.“ Die Singlefrauen in den Dreißigern aus meiner Gemeinde taten mir leid und ich dachte: „Für die ist es doch jetzt vorbei.“ Nun bin ich selbst Mitte Dreißig und Single. Autsch. Damit hatte ich nicht gerechnet. 

Natürlich habe ich den Wunsch nach einem Partner. Aber mein Leben dreht sich nicht nur um die Partnersuche und meine Erfüllung hängt nicht davon ab, ob ich einen Ring am Finger trage. 

Das Gute in meinem Leben zu sehen, ist an manchen Tagen eine einfache Entscheidung. Vieles bereichert mein Leben und gibt mir Anlass zur freudigen Dankbarkeit: Meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit, meine Kollegen, die vielen Erlebnisse, die ich im Alltag oder auf Reisen mache, Konzerte, die ich besuche, Veranstaltungen, die mich inspirieren, eine Gottesbeziehung, die mich herausfordert und vervollständigt … 
Doch an anderen Tagen ist es ein harter Kampf, den ich alleine kämpfen muss: Wenn alle meine Geschwister verheiratet sind und ich „allein“ eine Art von außen vor bin, meine Freunde Kinder haben und die mich fragen „Wo ist eigentlich dein Mann?“, ich mich abends mit niemandem über Erlebnisse austauschen kann, wenn Konzerte allein nur halb so viel Spaß machen wie zu zweit, ich auf Veranstaltungen immer alleine auftauche und blöd herumstehe und nach Gesprächspartnern suchen muss, die Gottesbeziehung davon erschüttert wird, dass ich immer wieder vertraue und meine Wünsche scheinbar nicht gehört werden …

Ich will mich aber nicht davon entmutigen lassen, dass das Leben Fragen an mich stellt oder ein Bereich in meinem Leben nicht so erfüllt ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich will Antworten finden! Und da geht es manchmal fröhlich, mutig, zweifelnd, weinend, schreiend, freudig, zitternd, wehleidig, überrascht, lächelnd und auch ängstlich zu! Dabei ist in diesem Suchen und Ringen meine Vergangenheit mein Potenzial und meine Gegenwart die Möglichkeit zur Gestaltung. 
Im Spanischen sagt man nicht „Ich bin 35 Jahre alt“, sondern „Ich habe 35 Jahre“. Das heißt, ich bringe ganz viel mit – an Erlebnissen, Fähigkeiten, Prägung und Erkenntnissen. Und dabei bin ich ein ganzer Mensch und kein halbes Pärchen, wie Tina Tschage das mal formulierte. Ich brauche keine sogenannte „bessere Hälfte“, um im Hier und Jetzt ein tolles Leben führen zu können, aber ich wünsche mir eine. Mein Leben ist dann lebenswert, wenn ich auf das, was ich mir wünsche, nicht nur warte, sondern mein Leben währenddessen fröhlich gestalte. Denn unerfüllte Wünsche gibt es viele: Den nach Gesundheit, Kindern, einem Haus, einer einfacheren Beziehung, Anerkennung und so weiter und so fort. Mein Partnerwunsch ist also bestenfalls ein gutes Übungsfeld, um mit auch all den anderen Wünschen, die sich nicht so leicht erfüllen, umgehen zu lernen. Ich will dem, was ich nicht habe, nicht die Macht geben, mein Leben zu beschweren. Weil ich mich an all dem anderen viel zu sehr freue.

Magazin Winter 2016

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