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Wofür man einen Schlüssel braucht

Essay

Wenn „Daheim“ verloren geht, verlieren auch die Schlüssel dafür ihren Sinn. Wenn das Gewohnte vergangen ist, braucht man Neues, das die Türen öffnet. Ob das nur für Häuser, Schränke und Truhen gilt, oder auch für Traditionen, Gewohnheiten und Denkweisen, erklärt Andreas Malessa. Der meint auch: Migranten waren wir alle mal. Und: Jesus feilt uns gerne Schlüssel, die neue Räume öffnen.

Auffällig an den Kleider- und Kofferbergen der ermordeten Juden in den KZs war, wie viele Schlüssel man bei ihnen fand. Wohnungsschlüssel, Schranktürschlüssel, Autoschlüssel. Sie hatten offenbar ihre Häuser „ordentlich“ verlassen und gehofft – entgegen aller panischen Vorahnung, dass sie in eine Mordfabrik deportiert werden –, doch noch irgendwann heimzukehren? 

Alle nicht von hier, oder wie?

In Deutschland leben 23,9 Millionen „Menschen mit Migrationshintergrund“. Wer das für ein Problem hält, sollte sich die Familiengeschichten der restlichen 59 Millionen „Deutschen“ anhören, Die allermeisten haben nämlich auch einen. Migranten waren wir fast alle. Seit dem Dreißigjährigen Krieg 1618 und allen folgenden Kriegen und Weltkriegen ist die Geschichte Mitteleuropas eine Abfolge von Fluchtwellen und Auswanderungsströmen. Religiös Verfolgte im 18. Jahrhundert, wirtschaftlich Verarmte im 19. Jahrhundert, politisch Vertriebene im 20. Jahrhundert. Ob elsässische Hugenotten, friesische Mennoniten oder tiroler Protestanten, ob Ostpreußen, Schlesier oder Sudetendeutsche, ob Siebenbürgen, Donauschwaben oder Russlanddeutsche – bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein haben Menschen eine neue Heimat gesucht und gefunden zwischen Borkum und Bodensee. Ihre Nachnamen und ihre kleinen Alltagsgewohnheiten könnten Geschichten erzählen. Schlüssel-Erlebnisse von erzwungenem oder gewolltem Abschied, von vergeblicher oder gelungener Heimatsuche. 

Mein Land ist nicht mehr da

Dass man die Heimat mitten im Frieden verlieren kann, ohne den Wohnort zu verlassen, erlebten 16 Millionen DDR-Bürgerinnen und Bürger in den 90er Jahren: Du schaust aus dem Fenster und alles Gewohnte, alles Vertraute verschwindet scheibchenweise. Vieles begrüßt Du, manches vermisst Du. Dein bisher völlig „normales“ Denken, Sprechen und Verhalten macht Dich zum Exilanten im eigenen Land. Du findest die neuen Verhältnisse befremdlich, aber irgendwann findet man Dich befremdlich! Hilft es dann, sich geistig und kulturell auf Enklaven und Inseln zurückzuziehen und – wenigstens in der Freizeit, am Wochenende, in der Datsche – möglichst lange so zu tun, als habe sich nichts geändert? Der Witz-Film „Goodbye Lenin“ karikierte das treffend. Knapp 35 Jahre nach der Wiedervereinigung kann man aber auch im „alten“ Westdeutschland bei kroatischen Katholiken, griechischen Orthodoxen oder russlanddeutschen Evangelikalen „Heimatgemeinden“ antreffen. Gottesdienst- und Frömmigkeitsformen also, die hauptsächlich eins leisten sollen: Das Wohlgefühl des Vertrauten bewahren. Sitten und Gebräuche, Lieder, Texte und Bilder, aber auch Regeln und Vorschriften, die sorgsam aufbewahrt werden wie der Schlüssel zu einem längst verlassenen Haus. Das sei „wertkonservativ“, sagen die Heimatvertriebenen. Es ist aber nur „formrestaurativ“, denn spätestens die nachfolgende Generation spürt: Manche Zimmer und Schränke sind inhaltlich leer, und der alte Schlüssel öffnet in der heutigen Umgebung keine Türen. Werte, Tugenden, Überzeugungen, Haltungen und Zielvisionen wollen und müssen ja praktiziert, gelebt, aktuell und täglich verwirklicht werden. Und es ist weder „Verrat“ noch „Anpassung“, wenn die Enkel fragen: Passen Eure Schlüssel noch? Sind das die Codes, die mir im realen Alltag Zugang und Teilhabe ermöglichen?

„Es ist weder ,Verrat' noch ,Anpassung', wenn die Enkel fragen: Passen Eure Schlüssel noch?“

Wanted: Türöffner und Schlüsseldienst

In Deutschland leben rund 5 Millionen „Menschen muslimischen Glaubens“. Die AfD glaubt, und die Salafisten hoffen, die seien alle „gläubig“. Oder wahrscheinlich „im Herzen radikal“. Dem ist nicht so. Denn knapp 2 Millionen von ihnen sind vor radikalislamistischen Terrordiktatoren geflohen. Dass die alten Schlüssel ihrer Religiosität und Kultur hier und heute nicht mehr passen, spüren sie ebenso schmerzhaft wie die Notwendigkeit, neue anfertigen zu müssen: Als Abdulla im September 2015 vor unserer Tür stand, war er 17, hatte den Körper voller Granatsplitter und seinen Bruder im Meer ertrinken sehen. Nur mit den Kleidern am Leib war er von Aleppo nach München gelaufen. Abends auf seinem Zimmer hörten wir ihn leise singen und beten. Wir heulten nebenan. Er nicht mehr. Was hatte er alles verloren! Die Familie, das Haus, die Schule, die Freunde, die Hobbies, die berufliche Zukunft. Nur eins konnte er mitbringen: Seinen Glauben. „Den werden wir ihm nicht auch noch nehmen“, entschied meine Frau. „Dass wir Christen sind, weiß und merkt er sowieso. Wir beten bei Tisch, wir sprechen von Jesus, ja, wir erzählen, was das für uns bedeutet. Aber den winzigen Rest seiner heimatlichen Gewohnheiten werden wir ihm nicht madig oder verächtlich machen.“ 

Angekommen? Angekommen!

Er lernte deutsch lesen. Und entdeckte bei uns evangelikale Zeitschriften, die Fotos von den Gräueltaten der IS-Terroristen neben Berichten aus deutschen Flüchtlingsheimen platzierten. Die eine Lunte des Misstrauens legten („alles derselbe Islam“) und rassistischen Hass als „Sorge“ verharmlosten. Gepaart mit der Mahnung, doch bitte schnell Missionstraktate zu verteilen. Zum Glück las er auch das, was erfahrene Orient-Missionare und menschenfreundliche Betreuer arabischer Christengemeinden in Deutschland schrieben. Sie, die christlichen Freunde gleicher Kultur, feilten seinen Schlüssel zum Ankommen: Heute spricht er fließend Deutsch, fährt ein eigenes Auto, hat einen guten Job, finanziert seine Mutter in Syrien, schätzt die Geduld, die Haltung, die praktisch gelebte Nächstenliebe der Christinnen und Christen in Gemeinden und Vereinen der Stadt. Erfüllt sein in sieben Jahren gewandelter Glaube an „Isa, den Messias“ unsere Anforderungen an eine „echte“ Bekehrung? Nein. Hat er eine Religiosität entwickelt, die ihm seelische Stabilität und soziale Beheimatung in der Fremde ermöglicht? Ja.

Seit dem schrecklichen Dejavu vom März 2022, dass wieder Reisebusse voller geschundener Kriegsflüchtlinge vor unseren Kirchen und Gemeindehäusern halten, zeigen wir hoffentlich, dass wir dazugelernt haben. Diesmal sind es mehrheitlich orthodoxe und katholische Europäer, gewiss. Das entbindet uns langfristig aber nicht von der Aufgabe, im Namen Jesu Schlüsseldienstleister zu sein für Türen, die nicht in niedlich restaurierte Heimatmuseen führen, sondern in die reale Alltagswelt von heute.

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