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Wenn du denkst, das passt

Leitartikel

Aufgeräumt und ordentlich. Sauber und sortiert. Gemütlich, gepflegt und gelassen. Das Bild, das viele von dem haben, was sie als ihr „Daheim“ bezeichnen, hält dem Alltag oft nicht stand. Ordnung vergeht. Sauberkeit verdreckt, und „gelassen“ verknüpft man plötzlich immer häufiger mit dem Vorwort „zurück“. Und doch ist es mit dem Daheimsein ziemlich einfach, meint Detlef Eigenbrodt, und erklärt, wie er darauf kommt.

Frankfurt, ich bin im Bahnhofsviertel unterwegs und suche den Eingang zu meinem Hotel. Die kommenden zwei Tage habe ich in der Stadt zu tun, direkt am Main, eigentlich eine ganz angenehme Gegend. Im Frühling sowieso. Die Bäume sprießen, die Sonne lacht, und der Himmel erstrahlt in großartigem Blau. Also eigentlich ganz schön. 

Die Ruhe, die ich genieße

Wenn nur nicht  ziemlich heruntergekommene Menschen-Typen hier auf den Straßen rumhängen würden. Betrunken. Stoned. Völlig daneben. Eine von denen kniet mitten auf der Straße und spricht mit den Tauben, die nach Nahrung suchen. Ein anderer redet auf einen Stromverteilerkasten ein, den eben jemand vor Wut umgetreten hat und der jetzt relativ nutzlos auf dem Gehweg liegt. Ich kriege das auch deshalb so gut mit, weil ich meistens stehe. Die Polizei rast ständig mit Martinshorn an meinem Auto vorbei, die Ampelschalte erlaubt mir und uns allen nicht, voranzukommen, auch deshalb nicht, weil die Querstraße verstopft ist. Durch Autos und knieende Personen, die mit Tauben reden. Als ich endlich vor dem Tor der Tiefgarage stehe, kann ich da nicht rein – weil die gesamte Einfahrt mit Menschen belagert ist. Mit Betrunkenen, Bekifften, Besudelten. Ich versuch´s locker, steige aus und sage: „Freunde, ich müsste da rein, könnt ihr mich mal grad durchlassen?“ Ich ernte  Blicke, die ich erst gar nicht versuche einzuordnen, und fahre durch die sich wie das Tote Meer öffnende Menschenansammlung in die Tiefe. Bevor ich aussteige, bleibe ich einen Moment im Auto sitzen. Mir ist gerade klar geworden, dass diese Menschen da nicht „herumlungern“, sondern daheim sind. Und dass sie so freundlich waren, mich mit dem Auto durch ihr Wohnzimmer fahren zu lassen.

Daheim. Zuhause. Heimat. Die Begriffe purzeln in meinem Kopf durcheinander. Ich denke an mein Zuhause. Das Haus, in dem ich lebe. Den Garten, in dem ich sitze. Die Ruhe, die ich genieße. Die Wärme, Behaglichkeit, und das sichere Gefühl, dass meine vier Wände mir einen gewissen Schutz bieten.

„Mir ist gerade klar geworden, dass diese Menschen da nicht „herumlungern“, sondern daheim sind. Und so freundlich waren, mich mit dem Auto durch ihr Wohnzimmer fahren zu lassen.“

Der Hass ist so laut

So dachten viele Ukrainer sicher auch über ihr Zuhause, bevor Herr Putin seinen teuflischen Plan in die Tat umsetzte und das Land rücksichtlos angriff. Bevor er Häuser bombardierte und Existenzen zerstörte. Bevor er Menschen tötete und Seelen zerriss. Bevor er, von wilder Wut und gestörtem Geist getrieben, in Schutt und Asche legte, was eben noch für viele Heimat und Daheim war. Sie müssen überrascht gewesen sein, die Ukrainer, hatten sie doch noch kurz vorher oft und offen gesagt, dass sie keinen Angriff erwarteten oder fürchteten. Die Realität belehrte sie nun eines Besseren und nahm ihnen ihr Zuhause. Keine noch so dicke Wand konnte dem Hass und der Menschen verachtenden Brutalität des Angreifers standhalten, der sich so gerne Präsident und Befreier nennt, in Wahrheit aber nichts anderes ist als ein Terrorist und Kriegsverbrecher der übelsten Sorte. Fortan leben viele in feuchten Kellern in Angst und Schrecken und haben fast vergessen, was Behaglichkeit ist. Sie sehen Staub, Schimmel, sterbende Menschen und sie begaffende Ratten, aber nicht mehr die Sonne, keine sprießenden Bäume, keinen Flusslauf. Ihr Daheim hat sich drastisch verändert. Ihr neuer Standard ist jetzt der, den Syrien schon lange kennt und der – so unglaublich das klingt – immer noch wohlständiger ist als das, was unzählige Menschen, zum Beispiel in Afrika, nie anders gekannt haben.

Ich erinnere mich an einen Sonntagnachmittag, als ich dort in einem großen Township eine Frau besuchte, die ich morgens in einer kleinen Blechkirche kennengelernt hatte. Sie freute sich so, dass ich, und mit mir einige anderen Freunde, nun zu ihr kamen. Als ich mir ihr Haus unauffällig etwas näher anschaute, drohte mir das Herz zu brechen. Vier marode Holzpfosten, krumm und insgesamt windschief. Die ganze Konstruktion war verzogen und würde dem nächsten Sturm kaum standhalten können. Das Dach neigte sich in der Mitte nach innen, die Wände waren verkleidet mit rostigem Blech, Pappe, Plastik und bunten Stoffbahnen. Ihr Dach über dem Kopf. Ihr Ort, an dem sie nachts schlief. Unzählige Träume hatte sie hier geträumt und viele davon ganz sicher auch gleich wieder beerdigt. Aber sie war so stolz, dass wir bei ihr waren, so dankbar, so glücklich, dass sie uns ihre Tür öffnen durfte.

Mein Zuhause gefunden

Wie würde ich empfinden, hätte mir das Leben einen anderen Platz in einer anderen Welt zugewiesen? Wäre ich nicht in Deutschland geboren und aufgewachsen, wäre nicht Wohlstand mein Standard? Wie käme ich zurecht, wenn ich nichts mehr hätte, was mir noch jemand nehmen könnte? Ganz ehrlich – ich weiß es nicht sicher, aber ich vermute, es würde irgendwie gehen. Weil es überall zu jeder Zeit bei allen ging und weiterhin gehen wird. Ich müsste lediglich mein Denken anpassen und am Ende Antworten auf diese Fragen finden können. Fragen, die sich alle zu stellen haben, unabhängig davon ob sie auf den Straßen Frankfurts, in den Ruinen der Ukraine, den maroden Hütten Afrikas oder der bürgerlichen Idylle des auslaufenden Odenwaldes leben: Wenn ich mein Zuhause nicht in der Beziehung zu Jesus finde, wie arm bin ich dann wirklich dran? Wenn er mir nicht Wert und Würde gibt, wie könnten mir Besitz und Beachtung dann wohl nutzen? Wenn ich nicht gelernt habe, in mir selbst daheim zu sein, wie kann ich dann von anderen erwarten, mir Heimat zu geben? 

Wer hier zaghaft und vage ausweichen muss, denkt besser nicht, dass es bei ihm passt.
 

Detlef Eigenbrodt, M.A., Leiter einer eigenen Agentur für Kommunikationsberatung und Redaktionsleiter dieses Magazins, träumt von einer eigenen Wohnung in Südafrika und freut sich bis zur Erfüllung an den herrlichen Plätzen in Deutschland. Der Ehemann und Vater von vier erwachsenen Kindern sitzt super gern in der Sonne seines Gartens am Rande des Odenwalds und stellt sich der Herausforderung des Alltags. myjabulani.com

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