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Unser Sein ist Heimat Gottes

Reflektion

Der Mensch bricht auf, fragt sich nur, wohin? Mancher wird sein Ziel wohl kennen, darf man annehmen, aber jeder? „Eher nicht“, meint Jele Mailänder, und beschreibt damit zumindest ihren ganz eigenen Aufbruch ohne klares Ziel. Dass sie dennoch ankam, ist schön, aber nicht ihr Verdienst. Gedanken einer beeindruckend ehrlichen Persönlichkeit.

Die Ordensschwester sah mir in die Augen. Ich hatte sie um ein Gespräch gebeten. Ich musste einmal alles loswerden. Es war Sommer und der kleine Raum stickig. Sie sah mich an: „Du hast deine Heimat verloren!“ Am liebsten wäre ich der guten Dame im Habit ins Gesicht gesprungen. Aber sie sprach weiter: „Du hast dich selbst verloren! Du bist nicht in dir zu Hause!“

Vielen Dank und Tschüss!

Damit hatte sie den Bogen überspannt, und ich stand auf, um den kleinen Raum zu verlassen. Ich hatte sie um ein Gespräch gebeten. Nicht um eine groteske Unterstellung. Ich dachte an Hengameh. Sie ist meine iranische Freundin. In ihrem Heimatland war sie zum christlichen Glauben gekommen. Dann musste sie fliehen und alles hinter sich lassen. Sie hatte ihre Heimat verloren. Oder Claudia. Völlig verdrehte Familienverhältnisse. Die Mutter hatte die Töchter und den Ehemann verlassen, als Claudia sieben war. Der Vater war drei Jahre später an Krebs gestorben, und sie war bei dem Exmann der leiblichen Mutter als Stiefkind aufgewachsen. Sie hatte keine Heimat. Aber ich? Sollte ich heimatlos sein? 

Das ist nicht mein Platz

Allerdings: So richtig sagen, was mit mir los war, konnte ich nicht. Ich setzte mich also wieder in den braunen, muffigen Sessel im Zimmer der Ordensschwester. Und atmete durch. Ich ahnte, dass es vielleicht stimmte. Dass dieses Getriebensein, diese Unruhe, diese Fragen etwas mit dem Thema Heimat zu tun haben könnten. Die Heimat, die ich verloren hatte, war irgendwie anders. Tiefer. Innendrin. Es war dieses übermächtige Gefühl, auf dem falschen Weg zu sein. Das Gefühl, dauernd etwas zu verpassen. Das Gefühl von „Das ist nicht dein Platz!“. Da bin ich ins Kloster gefahren. Dort habe ich geschrien. Im Wald. In der Kapelle. Und ich habe weiter geheult. Schließlich bin ich in diesem muffigen Sessel in einem viel zu warmen Zimmer gelandet. Und ich begann zu ahnen, dass die Ordensschwester vielleicht Recht haben könnte: Ich hatte meine innere Heimat verloren.

Wo ist denn Gott zuhause?

Wie findet man zurück in seine Heimat? Wie findet man eine neue Herzensbleibe? Wo fängt man so eine Reise an? Nehmen wir mal an, dass diese Reise etwas mit Gott zu tun hat. Wo hat der eigentlich seine Heimat? Fromm ist schnell gesagt: Dort, wo man ihn einlädt. Schon. Aber wenn ich mir die biblischen Geschichten anschaue, dann erscheint es mir manchmal so, als ob Gott selbst heimatlos wäre. Durch die Bibel hindurch zieht sich das Bild eines Gottes, der in Bewegung ist. Seinem Volk, Menschen hinterhergeht. Wo hat er Heimat gefunden? Treibt ihn nicht auch dieses gewaltige Verlangen, das auch ich in mir trage? 

„Ich ahnte, dass es vielleicht stimmte. Dass dieses Getriebensein, diese Unruhe, diese Fragen etwas mit dem Thema „Heimat“ zu tun haben könnten.“

Ein ganz neuer Blick

Wo wird die Sehnsucht des heimatlosen Gottes gestillt? Wo lebt er? Klar, uns fällt sofort der Himmel ein: golden, prunkvoll, göttlich. Und: weit weg. Aber: Kurz bevor Jesus ermordet wird, verspricht er seinen Gefährten: „Ich will euch nicht als Heimatlose zurücklassen. Ich komme wieder zurück“ (nach Johannes 14,18). Er sagt: „Ich und der Vater werden Wohnung nehmen in euch“ (nach Johannes 14,23b). Die Wahrheit ist einfach, weise und tief: Gott hat unser Herz dafür gemacht, eine Wohnung zu sein. Gottes Schöpfung, unsere Herzen wurden dafür geschaffen, Gottes Heimat auf dieser Erde zu sein. Der heimatlose Gott findet in uns sein Zuhause. Unser Herz, unser Wesen, unser Sein ist Heimat Gottes (Apostelgeschichte 17,27-28). Das war damals für mich ein ganz neuer Blick auf meine Situation. Ich begann zu verstehen: Dort, in deinem Herzen, begegnest du dem sehnsüchtigen Gott. Da hat er Heimat gefunden. Was ich damals erlebt habe, hat mich aufbrechen lassen. In mein Herz. Zu Gott. Und ich lerne zu glauben und zu verstehen, dass er mir schon lange näher ist, als ich es ahne. 

Im Herzen spazieren gehen

Er sehnt sich danach, dass du in deinem Herzen genauso zuhause bist wie er. Es ist der Ort, an dem du selbstverständlich mit Gott Gemeinschaft haben kannst. Weil er dort wohnt. Dein Herz ist das Vaterland Gottes. Oft stelle ich mir ganz bildlich vor, dass ich mit Gott in meinem Herz spazieren gehe. Es wird beschrieben, wie Adam und Eva das im Garten des Anfangs in der Kühle des Abends auch getan haben. Diese Entdeckung haben schon viele vor mir gemacht. Ich reihe mich damit ein in die Gottessucher, für die Mystik ihr persönlicher Zugang zu Jesus geworden ist.

Diesen Aufbruch wünsche ich dir! In dein Herz! Hin zu Gott, der dort schon lange auf dich wartet!

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