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Sie schlich sich in mein Herz

Bericht

Wer das Wort Gottes ernst nimmt, findet sich bisweilen in unbequemen Situationen wieder. Dann zum Beispiel, wenn es darum geht, mit einer weitreichenden Entscheidung dem eigenen Glauben Ausdruck zu verleihen. Für Kerstin und Frank stellte sich in diesem Zusammenhang Frage, ob sie bereit wären, ein Pflegekind aufzunehmen. Aber das schaute nur durch Kerstin hindurch.

Schnell noch den kleinen Mund abgewischt, die kleinen Schühchen angezogen, die Jacke, und los … oh nein, auch das noch, und noch mal eine frische Windel ... und dann aber wirklich los…! Gut, dass diese Zeiten vorbei sind, oder sollen wir uns das wirklich noch mal antun? Diese Frage wurde plötzlich konkret, als der Anruf vom Jugendamt kam, und mit ihm die Anfrage, ob wir ein 10 Wochen altes Kind bei uns aufnehmen würden. Aber fangen wir doch vorne an.

Der entscheidende Anruf

Ein paar Jahre nach unserer Hochzeit kam uns mal wieder die Frage, was unser Trau-Vers eigentlich für uns bedeutet, und so haben wir uns erneut unsere Bibel geschnappt und noch mal nachgelesen, was da in Jesaja 58 steht: „Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! … Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Und was heißt das nun für uns zwei, oder für uns als Familie? Mit der Zeit wurde uns klar, dass es bedeuten könnte, uns um ein weiteres Kind zu kümmern, um eins, das keine Eltern hat, die dies tun können. So erkundigten wir uns beim Jugendamt, wie man Pflegekinder aufnehmen kann. Allerdings wohnten wir zu der Zeit mit unseren drei Mädels, die damals 2, 5 und 7 Jahre alt waren, in einer kleinen dreieinhalb Zimmer Dachgeschosswohnung. Somit blieb es erst mal beim „nachgefragt haben“, die Wohnung war ja eh zu klein.

Acht Jahre später, wir wohnten mittlerweile in unserem kleinen Haus, in dem noch ein Zimmer frei war, stellten wir uns erneut die Frage, ob es nicht jetzt an der Zeit wäre ein Kind aufzunehmen.
Wir belegten die nötigen Kurse, füllten alle Formulare aus, und hatten Besuch vom Jugendamt bei uns. Auch unsere drei mittlerweile Großen konnten sich ein weiteres Geschwisterkind vorstellen. Wir gaben an, dass das Kind zwischen 0 und 1,5 Jahre alt sein sollte. Nicht lange danach kam eine erste Anfrage, die sich aber wieder zerschlagen hat. Dann kam eine zweite, allerdings ein Kind mit Problemen, deren Handling wir uns nicht zutrauten. Und dann dieser Anruf. Wie süß! Ein 10 Wochen altes Mädchen, klar nehmen wir die, warum sollen wir sie uns erst ansehen? Das ist sowieso ein komischer Gedanke, ein Kind ansehen, als würden wir ein Auto aussuchen! Aber so fordert es das Jugendamt, und vielleicht haben sie ja recht. So machten wir uns also auf den Weg zu der Inobhutnahme-Familie, in der die Kleine zu der Zeit war.

Wie soll ich sie nur lieben?

Als Kerstin das erste Mal in die kleine Wiege schaute, hatte sie einen Kloß im Hals. Tausend Gedanken und Gefühle schossen ihr durch den Kopf: „Das ist nun der kleine Mensch, um den ich mich kümmern soll, kann ich sie bedingungslos liebhaben? Was ist, wenn sie doch mehr Probleme mit sich bringt, denen ich mich nicht gewachsen fühle?“ Als ich die Kleine im Arm hielt, kam es mir so fremd vor. Sie hatte einen ganz starren Blick und schaute wie durch mich hindurch. Alle anderen in der Familie waren total hin und weg von der Kleinen, und als wir wieder ins Auto stiegen fragten Frank und die Töchter, wann wir sie zu uns holen.

Kerstins Gedanken sahen ganz anders aus: Ich wäre am liebsten weggerannt, aber ich wusste, ich musste jetzt eine Entscheidung treffen – und zwar eine, die durchaus auch mein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde. Auf der einen Seite schämte ich mich: Wie konnte ich einen kleinen Menschen so ablehnen und nur nach dem Äußeren beurteilen? Ich wollte doch Gottes Wege gehen, und jetzt?
Die nächsten zwei Tage verbrachte ich damit, meinen inneren Kampf irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Ich ging viel spazieren und redete mit Gott, um eine Antwort und Frieden zu finden. Aber meine Gedanken und Gefühle wurden immer wirrer. Mir wurde bewusst, wie viel uns Gottes Wege kosten können, wie viel sie mich kosten können! Wie schnell sind Dinge dahingesagt, aber wenn sie dann konkret vor mir stehen und das „Kuschel-Wohlfühl-Christsein-Leben“ umschmeißen, bin ich dann auch dazu bereit, diesen Weg zu gehen? 

„Aber wie viel mehr es bedeutet, einem Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf zu bieten, sondern ein Zuhause, zeigt uns die Kleine mit jedem Lächeln, mit jeder Umarmung und jedem auf den Schoß klettern.“

Und plötzlich ein Lächeln

In diesen Tagen gab mir eine gute Freundin, die selbst Pflegekinder hat, den Rat, die Kleine ruhig noch ein paar Mal zu besuchen, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe. Dies tat ich auch. So besuchte ich die Kleine noch zwei Mal allein. Ich erinnere mich noch genau an den zweiten dieser Besuche. Es war der Tag, an dem ich mit dem Jugendamt telefonieren wollte, um unsere Entscheidung mitzuteilen. Für mich war klar: Wenn Gott mir heute bei diesem Besuch nicht ein deutliches Zeichen für ein Ja für die Kleine gibt, sage ich dem Jugendamt ab. Ein klares Zeichen war für mich, dass ich Liebe für sie empfinden würde. Als ich ankam, wurde sie gerade wach und schaute mir ganz offen in die Augen und ließ ihren Blick nicht von mir. Das hatte ich vorher nie bei ihr erlebt. Und dieser Blick und ihr Lächeln ließen alles in mir schmelzen! Während dieses Besuches schlich sich die Kleine in mein Herz. Ein tiefer Friede war in mir und ich wusste, dass es Gottes Weg für unsere Familie und für mich ist, uns um dieses Kind zu kümmern. Damit hatte ich nicht gerechnet, dass Gott allein durch den Blick des Babys mein Herz so verändern würde. Dieser Friede ist bis heute tief in meinem Herzen.

Mittlerweile wohnt die Kleine schon über ein Jahr bei uns und gehört einfach so dazu, als wäre es nie anders gewesen. Aber das Leben mit Baby und Teenagern ist manchmal auch sehr herausfordernd. Wir werden ja auch älter und sind in manchen Dingen nicht mehr so belastbar wie früher. Aber wie viel mehr es bedeutet, einem Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf zu bieten, sondern ein Zuhause, zeigt uns die Kleine mit jedem Lächeln, mit jeder Umarmung und jedem auf den Schoß klettern. Sie ist mit ihrer fröhlichen Art für uns eine echte Bereicherung.

Natürlich gibt es auch die normalen anstrengenden Tage, und dazu kommen die Gedanken, was wohl wäre, wenn sie wieder zurück gehen müsste. Sie ist uns ja erst mal nur für eine Zeit anvertraut. Wie lange die währt, wissen selbst wir bei solch einer Dauerpflege nicht. Was wir aber wissen, ist, dass Gott sie geschaffen hat und sein Plan auch für ihr kleines Leben feststeht. Sie ist in Gottes Hand. Er hat sich von Anfang an um sie gekümmert und er wird es weiter tun. Und auch wir wissen, dass Gott mit uns geht. Und das macht uns stark in den Zeiten, in denen uns alles über den Kopf wachsen möchte und wir uns in unser Kuschel-Leben zurücksehnen.

Kerstin und Frank sind seit 18 Jahren verheiratet, Eltern von drei Teenager-Mädels und einem zum Verlieben süßen Pflegekind. Sie leben in Baden-Württemberg und haben genauso gerne Gäste wie ihre Ruhe.

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