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Mit sehr viel Gefühl

Essay

Diese Liebesgeschichte könnte auf Rosamunde Pilchers alter Schreibmaschine entstanden sein. Menschen, die aus einer Notsituation heraus handeln, durch schwere Zeiten gehen, und am Ende steht ein Happy End. Dass dieses Happy End aber durch Werte wie Respekt, Fürsorge, Solidarität und Loyalität geschrieben wurde, findet Verena Birchler bemerkenswert schön und markiert den Unterschied zwischen Bibel und Pilcher.

Es geht um die Geschichte von Noomi, Boas und Ruth. Eine Geschichte, in der nichts fehlt. Drama, Trauer, Romantik, Gefühle, Hoffnung, Träume und Liebe. Hinzu kommen noch kulturelle Unterschiede, Flucht, Immigration und die Tatsache, dass ein einflussreicher Mann sich mit großer Wertschätzung auf die Beziehung mit einer Ausländerin einlässt. Alles ohne billige Anmache, ohne Gewalt, ohne Respektlosigkeit.  

Wenn das Schicksal zuschlägt

Doch der Reihe nach. Das Buch Ruth im Alten Testament ist eine kurze Geschichte, gerade mal rund 2200 Worte lang. Sie spielt etwa um 1150 v.Chr. und ist die älteste, schriftlich festgehaltene Lovestory. Sogar Hollywood hat diesen Stoff erfolgreich auf die Leinwand gebracht. Noomi verlässt zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen Israel. Die dortige Trockenheit, die Hungersnot treibt sie zu diesem Schritt. Sie flüchten nach Moab, dem nächstgelegenen Land, in dem sie sich niederlassen können. Die Familie wird in der Fremde gut aufgenommen. Da war kein „Refugees go home“, vielmehr ließ die moabitische Willkommenskultur diese vier eine neue Existenz aufbauen. Die beiden Söhne heirateten sogar Moabiterinnen, Ruth und Orpa. Und so lebten sie, bis das Schicksal erneut zuschlug. Zuerst starb Elimelech, Noomis Mann, kurz darauf die beiden Söhne. Zurück blieben Noomi und ihre beiden kinderlosen Schwiegertöchter. In dieser Situation entschied sich Noomi,  in ihre alte Heimat zurückzukehren, zurück nach Bethlehem. Sie wollte, dass ihre Schwiegertöchter in ihrer eigenen Heimat blieben und sich dort nach einem neuen Ehemann umschauten. Doch Ruth und Orpa sahen das anders, sie wollten Noomi nicht schutzlos weggehen lassen. Nach langen Diskussionen akzeptierte Noomi, dass die beiden jungen Frauen sie in ihre alte Heimat begleiten wollten. Allerdings entschied sich Orpa dann doch, in Moab zu bleiben. 

„Eine Witwe, ihre Schwiegertochter, aber keine Kinder. Eigentlich waren sie chancenlos, denn so etwas wie Witwenrente gab es damals noch nicht.“

So kam es, dass Noomi, als mittellose Witwe, und Ruth als junge, schutzlose moabitische Einwanderin nach Bethlehem zurückkamen. Eine Witwe, ihre Schwiegertochter, aber keine Kinder. Eigentlich waren sie chancenlos, denn so etwas wie Witwenrente gab es damals noch nicht. Und Ruth war vom Stand und ihrer Nationalität her Freiwild für die männlichen Israeliten. In Bethlehem hatte sich seit der Flucht von Noomi und Elimelech vieles verändert, aber ein Gesetz war geblieben: Verarmte Menschen durften damals hinter den Ährenarbeitern her gehen und alles einsammeln, was bei der Ernte herunterfiel. Dies war eines der wenigen sozialen Gesetze, damit niemand verhungern sollte. So sammelte auch Ruth Getreide für sich und ihre Schwiegermutter.

Eine Haltung, die beeindruckt

Auf Anraten ihrer Schwiegermutter sammelte Ruth auf den Feldern von Boas Getreide ein. Boas war einer der reichsten Gutsbesitzer und ein entfernter Verwandter von Noomi. Nach ein paar Tagen fiel ihm Ruth auf, und er spürte bald auch Schmetterlinge im Bauch. Deshalb befahl er seinen Landarbeitern, mehr Getreidereste fallen zu lassen, damit für Noomi und Ruth mehr übrig blieb. Boas stellte aber nicht nur sicher, dass die beiden Frauen genug Getreide hatten. Er sorgte auch dafür, dass Ruth von seinen Arbeitern in keiner Weise belästigt wurde. Bald spürten die beiden, dass sie füreinander bestimmt waren. Aber der Altersunterschied, die gesellschaftliche Stellung und letztlich auch die kulturelle Herkunft waren schier unüberbrückbare Hindernisse. Denn  Ruth kam aus einem einst verfeindeten Nachbarstaat.

Trotzdem war Boas  beeindruckt von Ruths Haltung ihrer Schwiegermutter gegenüber. Eine solche Loyalität sagte viel über den Charakter dieser jungen Frau aus. Nachdem er realisiert hatte, dass er und Noomi verwandt waren, sah er die Möglichkeit, Ruth anstelle des verstorbenen Sohnes von Noomi, zu heiraten. Damit wären nicht nur die beiden Frauen wieder gesellschaftlich akzeptiert, ihnen würden sogar die verloren gegangen Grundstücke wieder gehören. 

Bibel, nicht Pilcher

Nach einigen Abklärungen war es so weit. Ruth und Boas heirateten. Happy End! Doch was macht diese Geschichte so besonders? In der ganzen Story ist kein Wort davon zu lesen, dass Gott sich aktiv in die Ereignisse eingemischt hätte. Alle Entscheidungen wurden von den einzelnen Protagonisten selbst getroffen. Durchdrungen vom Wesen Gottes übernahmen sie alle die Verantwortung für ihr Handeln. Die Flucht, die Heirat mit Frauen aus fremden Kulturen, die Rückkehr, die Trennung von Orpa, die Heirat mit Boas. Die Flüchtlingsfamilie aus Bethlehem wurde in Moab aufgenommen. Es ist im Buch Ruth nichts über jene Zeit zu lesen. So kann man davon ausgehen, dass sie solidarisch aufgenommen wurden. Also keine „Refugees go home“-Kultur. Auf dem Weg zurück in die alte Heimat erwiesen die Schwiegertöchter Noomi Respekt, indem sie mit ihr mitgehen wollten. Sie wollten die ältere Frau nicht allein in eine unbestimmte Zukunft gehen lassen. Dass Orpa sich unterwegs anders entschied, wurde mit keinem Wort kritisiert. Bestimmt hatte sie gute Gründe. Unter Tränen, aber mit viel Verständnis und ohne Vorwürfe, trennten sich die Frauen. Wieder daheim in Israel, erlebten Noomi und Ruth, wieviel Respekt und Fürsorge ihnen durch Boas widerfuhr. Er unternahm alles, damit es den beiden Frauen gut ging. Dass es dabei zu großartigen Gefühlen zwischen Ruth und Boas kam, macht diese biblische Liebesgeschichte zu einem Stoff, aus dem in Hollywood Geschichte geschrieben wurde. Doch das eigentliche Happy End kam dann mit David, dem Urenkel von Ruth und Boas. König David, einer der bedeutendsten Könige Israels, kam aus einer Familie, in der Respekt, Fürsorge, Solidarität und Loyalität aktiv gelebt wurden. Scheinbar wurden diese Werte über Generationen weitergegeben, ein echter und schöner Anreiz für Nachahmungstäter.

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