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Ich war direkt daheim

Kolumne

Früh übt sich, dachte sich das Leben wohl, und erteilte Doris eine Lektion nach der anderen, um sie auf ihre zukünftige Heimat vorzubereiten. Damals noch Friederici, heute nun Schulte, hatte sie allerdings keine Ahnung von diesen vorbereitenden Schritten. Und es wäre ihr vermutlich auch egal gewesen, lebt sie doch nach dem Prinzip: Gott wird schon wissen, was er tut.

Little Germany – so hieß auf einer alten Stadtkarte das deutsche Viertel in Vancouver, Kanada, in dem ich aufgewachsen bin. Natürlich gab es auch Little Italy, Little India, Chinatown und viele andere ethnische Enklaven in der Stadt. So bunt gemischt, wie das Land ist, waren auch meine Schulklassen. Vielleicht war Ausländerfeindlichkeit deshalb nie ein großes Thema – mal abgesehen von den vom Krieg her kommenden Ressentiments gegenüber Deutschen, die man bis in die 60er Jahre spüren konnte. Auch ich. Kein Wunder, hatten doch Filme jahrelang die Deutschen als dominante, strenge und ehrgeizige Menschen dargestellt – und dazu natürlich stets als Verlierer. 

Alles war irgendwie deutsch

Deswegen war ich während meiner Schulzeit gar nicht traurig, wenn mein Mädchenname („Friederici“) des Öfteren als italienisch („Frederici“), eingestuft wurde. Doch insgesamt habe ich mich in Little Germany als Kind wohlgefühlt. Im Einkaufsviertel, es hieß Little Berlin, haben wir als Familie jeden Freitagnachmittag unsere Einkäufe beim deutschen Bäcker, Metzger, Schuster, und im WMF- und Stoffladen getätigt. Neben dem Angebot der vielen Importlädchen freute sich die Nachkriegsgeneration über das Wiedersehen mit anderen Einwanderern – egal, ob man sich schon kannte oder nicht. Neben Aktuellem wurde immer auch Erlebtes aus dem Krieg ausgetauscht, bis niemand mehr diese Storys hören wollte und konnte.

„Es ist nicht ausschlaggebend, ob ich in einem Haus mit Meerblick am Pazifik, oder am Rande eines kleinen Dorfes im Westerwald wohne. Entscheidend ist, dass ich hier und heute dort bin, wo Gott mich haben will.“

Für mich waren die Menschen in Little Germany immer wie eine Familie: wir waren mit jedem per Du, egal, wer sie waren, bis hin zum deutschen Chirurgen im Krankenhaus. Ich habe dort nicht nur Sprache, Geschichte und Kultur der Deutschen kennengelernt, sondern auch Gott und meinen Mann – damals ein Theologiestudent aus Deutschland. Nach 10 Jahren Ehe verabschiedeten wir uns von Little Germany und zogen ins Original. Big Germany – wir kommen! 

Ich bin da, wo ich sein soll

Im Nachhinein sehe ich, wie Gott mich von klein auf für mein neues Zuhause und mein neues Wirkungsfeld behutsam, liebevoll und gezielt vorbereitet und unmissverständlich geführt hat. Big Germany erschien mir von Anfang an nicht unbekannt und fremd. Ich war sofort angekommen. Nicht weil das Land schöner, die Menschen netter und die Umstände besser wären als in Little Germany in Vancouver, sondern weil ich wusste, ich bin da, wo Gott mich haben will und weil er seine Verheißungen erfüllt. 

Seit 40 Jahren ist mein Lebensgefühl durch meine Freundschaft mit Gott geprägt, und deswegen ist es nicht ausschlaggebend, ob ich in einem Haus mit Meerblick am Pazifik, oder am Rande eines kleinen Dorfes im Westerwald wohne. Entscheidend ist, dass ich hier und heute dort bin, wo Gott mich haben will. Denn dann weiß ich, dass ich auch morgen und übermorgen da sein werde, wo Gott mich haben und gebrauchen will. In Psalm 91,1-2 steht: „Wer im Schutz des Höchsten lebt, der findet Ruhe im Schatten des Allmächtigen. Der spricht zu dem Herrn: Du bist meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, dem ich vertraue!“ 

Daheim sein bei Gott heißt für mich, Ruhe finden im Schatten des Allmächtigen. Dafür muss ich offen und flexibel bleiben, denn immerhin, ein Schatten bewegt sich stets! So lebt sich’s gut.

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