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Ganz nah dran, aber eben nicht drin

Essay

Bei der Frage ums Daheim sein führt an dieser Geschichte kein Weg vorbei. So bekannt und verbraucht sie auch erscheinen mag, redet sie doch immer wieder neu. Ob durch den Mund eines alten Priesters oder eines jungen Weltverbesserers – am Ende spricht der, der im Mittelpunkt des Geschehens steht. Von Stefan Lepp.

Es war ein sonniger Frühjahrstag. Ich fuhr mit dem Fahrrad an der deutsch-französischen Grenze entlang, als ich instinktiv an einer Kapelle anhielt und mich anschickte, den Altarraum zu betreten. Just in diesem Moment trat mir ein alter Priester entgegen und bat mich um Gehör für eine weltbedeutende Geschichte. 

Nichts Neues! 

An der Innenseite der Kapelle hing ein Bild von Rembrandt, auf dem der liebende Vater aus Lukas 15 seinen jüngeren Sohn in den Armen hält. Der Priester begann zu erzählen: „Ein Vater hatte zwei Söhne und liebte diese über alles. Doch eines Tages fiel dem Jüngeren nichts Besseres ein, als sein Zuhause zu verlassen, um das große Abenteuer in der weiten Welt zu suchen. Er forderte vom Vater sein Erbe und wünschte diesem damit den Tod…“ Die Augen des alten Mannes funkelten, und aus seiner im Bartgestrüpp verborgenen Mundöffnung sprudelte es heraus – hin und wieder auch ein kleiner Speicheltropfen. „So lief der Sohn von seinem Vaterhaus weg, um sein Glück in der Welt zu suchen“. Er stockte, schaute mich an - Pause - und dann erging die Frage an mich: „Weißt du, was im Herzen des Vaters ist?“

Christlich sozialisiert, wie ich war, dachte ich an Liebe, Sehnsucht oder Geduld. Da riss er seinen Mund weit auf und rief: „Ein Magnet!“ und grinste mich an. „Und im Herzen des Sohnes war auch ein Magnet!“, fuhr er fort. „Eines Tages würde dieser Magnet seine Wirkung zeigen“, flüsterte er mit vorgebeugtem Oberkörper. „Nämlich dann, wenn der Sohn umkehrt und sein Magnet nicht abstoßend, sondern anziehend wirkt“. Er führte die Geschichte des liebenden Vaters und der zwei Söhne zu Ende und ließ mich fröhlich meines Weges ziehen, im Wissen, dass in jedem Menschen dieser besondere Magnet implantiert ist. 

Wirklich nicht?

Ungewöhnliche Auslegung, dachte ich mir. Doch dann fand ich sie mehr als interessant. Ist doch die Ewigkeit, oder das Ewige, in unsere Herzen geschrieben, wie es der Prediger (in Kapitel 3,11) formuliert. Oder eben anders ausgedrückt: ein Magnet, der mich zur ewigen Heimat zieht. Aber schauen wir ins Original. In dem Moment, in dem Jesus diese Story erzählt, hat er zwei Gruppen von Menschen vor sich, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Zöllner und Sünder, und Pharisäer und Schriftgelehrte. Die erste Gruppe repräsentiert die Menschen, die offensichtlich gesündigt haben und gefallen sind, aus diesem Grunde aber auch ihre Schuldigkeit leichter erkennen, ebenso die Notwendigkeit, auf Gnade zu hoffen. Die zweite Gruppe repräsentiert die Religiösen, welche dem Gesetz treu ergeben sind und die nahezu perfekt erscheinen, und aus diesem Grund wenig Schuldbewusstsein haben. Sie leben aus frommer Leistung für Gott. Doch Gott schuf uns zum Lieben, nicht zum Leisten. 

Also erzählt Jesus ihnen eine Geschichte von zwei Söhnen – der Jüngere, der offensichtliche Versager, der sein Erbe verlangt und in der Ferne schließlich auch den letzten Cent verschleudert. Am Ende war er ausgebrannt und hatte nichts mehr, was er hätte mit zurückbringen können. Empty, down and out! Der ältere Sohn hingegen war ein anständiger, fleißiger, pflichtbewusster Arbeiter. Von ihm heißt es „aber der ältere Sohn war auf dem Feld“. Ja, das Feld, da sind viele von uns tätig: auf dem Gemeinde-Feld, dem Missions-Feld, oder anderen religiösen Feldern. Immer schön im Einsatz. Doch zuhause beim Vater war er nicht, genauso wenig, wie der Jüngere. Lesen Sie die ganze Geschichte, Sie werden sehen, dass es der Ältere bis zum Schluss nicht ins Vaterhaus schafft! So war er zwar ganz nah dran, aber nicht drin, nicht daheim!

„Sein Ansprechpartner ist ein Sklave, nicht der Vater!“

Alles anders!

Es stehen uns zwei Söhne vor Augen, die zwei Gruppen von Menschen symbolisieren. Beide haben ihr ewiges Zuhause beim Vater verloren, der eine weiß es, der andere nicht. Der eine ist weit weg von Gott, der andere steht am Gartenzaun. So wie sie haben wir alle unser Zuhause verloren, und damit sind wir verloren! Doch der Vater kommt ihnen und uns entgegen! Sowohl dem Jüngeren, als er diesen in der Ferne zurückkommen sieht, wie auch dem Älteren, als der ums Haus herum lungerte. Der umkehrende Sohn, welcher auf ganzer Linie versagt hat, empfängt und repräsentiert das Konzept der Gnade. Denn mit leeren Händen kehrt er heim und empfängt unverdient das Festgewand (=Würde), den Ring (=Identität) und neue Schuhe (=Autorität), zudem wird für ihn ein Fest der Freude veranstaltet. Der voll Wut und Zorn entbrannte ältere Sohn steckt in einer Sklavenmentalität fest und repräsentiert eine Kultur von Gesetzlichkeit und Leistung. Sein Ansprechpartner ist ein Sklave, nicht der Vater! Die Rechtfertigung für seinen Zorn und Neid ist jahrelanger, perfekter Dienst. Nun, ganz ehrlich, wenn sich am Ende das Christsein so gestaltet, möchte ich lieber kein Christ sein. Und Jesus vermiest uns diese Art von Beziehung zu ihm auch ganz gehörig, indem er den Pharisäern und Schriftgelehrten indirekt sagt: „Der Ältere, das seid ihr!“ Dieser arbeitet für Gott, ist aber getrennt vom wahren Zuhause, während der andere mit Gott ist, weil er das Vaterhaus wieder betreten hat!

So wird die Geschichte des liebenden Vaters und der beiden Söhne zur großen Anfrage an meinen ganz eigenen Glauben: Lebe ich aus der Gnade des Vaters? Komme ich bewusst mit leeren Händen, in Demut und Dankbarkeit und empfange den Vater - und mit ihm alles, was mein Herz begehrt? Oder lebe ich aus frommer Leistung, immerzu bemüht und angestrengt, das Gesetz für Gott zu halten, statt mit ihm zu leben? Dann handle ich zwar imaginär richtig, bin aber, um im Bild zu bleiben, neidisch und wütend auf den jüngeren Bruder, der alles geschenkt bekommt. Wenn ich so lebe, tue ich mich schwer, dem Gnade zu erweisen, der weiß, dass er Gnade braucht. Ich muss mich wohl entscheiden.

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