Plötzlich alles anders

Erzählung

Wenn einer biblischen Geschichten Leben einhauchen kann, dann er. In unnachahmlicher Art fasst Eckart zur Nieden in Worte, was er belauscht hat, und nimmt uns mit in die Alltagstristesse eines frühen fruchtlosen Morgens in Kapernaum. Den Morgen des Tages, an dem plötzlich alles anders wurde.

Bist du nicht Andreas, der Bruder von Petrus? Der zu den zwölf gehört, die mit Jesus unterwegs sind?
Ja.
Kann ich dich mal was fragen?
Nur zu!
Wie war das, als ihr damals alles stehen und liegen gelassen habt, um mit Jesus durchs Land zu ziehen? Ich meine, ein vernünftiger Mensch gibt doch nicht einfach seinen Beruf auf und lässt sich auf so eine unsichere Sache ein!
Sie ist nicht unsicher! Und ich bin auch kein unvernünftiger Mensch, denn wer Jesus kennt…
Entschuldige! Das wollte ich damit nicht sagen…
Es gibt einen Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft.
Ja, das nehme ich dir ab. Aber erzähle mir davon! Wie war das damals beim so genannten Fischzug des Petrus?
Warum sprichst du vom Fischzug des Petrus? Ich war auch dabei. Es war auch ein Fischzug des Andreas.
Äh – ja hast Recht. Höre ich aus deinen Worten einen gewissen Ärger heraus? Den Ärger, immer hinter Petrus zurückzustehen?
Nein, versteh mich nicht falsch! Sicher kenne ich solche Gedanken auch. Einmal haben wir zwölf uns gestritten, wer von uns der Wichtigste ist. Aber Jesus hat… ach, lassen wir das! Das ist eine andere Geschichte und gehört nicht hierher. Nein, ich war es gewöhnt, hinter Simon zurückzustehen. Er war der Ältere. Und er hatte auch eine ziemlich große Klappe. Also, ich meine, es rutschte ihm immer mal schnell ein unüberlegtes Wort raus. Da bin ich – wie soll ich sagen? – zurückhaltender veranlagt.
Aber du hast die erste Begegnung mit Jesus gehabt und deinen Bruder erst mit ihm bekannt gemacht.
Ja, das stimmt. Aber Jesus hat bei Simon wohl gleich sein Potenzial als Führungspersönlichkeit erkannt. Hat ihn sogar „Fels“ genannt. Griechisch „Petrus“.
Hört sich ja ein bisschen komisch an. „Fels, komm mal her!“
Ich nenne ihn natürlich weiter Simon, wie ich es von unsrer Kindheit an gewöhnt bin.
Er war also sozusagen der Chef eures gemeinsamen Fischereiunternehmens. Erzähle davon, bitte!
Wir hatten die ganze Nacht gearbeitet – erfolglos. Ein paar winzige Fischchen nur, die kaum fürs Frühstück reichten. Jedenfalls ein popeliger Fang, für den es sich nicht lohnte, ihn auf dem Markt anzubieten. Ich war todmüde, aber es gab die Regel: Erst Netze flicken und alles in Ordnung bringen und dann erst ins Bett. Simon war da eisern.
Kann mir vorstellen, dass das ziemlich frustrierend war – Stunden Arbeit, ganz umsonst...
Wir sitzen also im Boot, erschöpft und todmüde, und knoten an den Netzen – da hören wir die Stimmen vieler Menschen näherkommen. Jesus kam, gefolgt von vielen Leuten, obwohl es noch früh am Morgen war. Es war oft ein ganzer Schwarm von Leuten bei ihm, die sich von ihm Heilung von Krankheiten versprachen. Oder die einfach neugierig waren und irgendein Wunder sehen wollten.
Ihr kanntet Jesus ja schon.
Ja. Wir grüßten uns, und Jesus bat uns – also, bat Simon – ob wir ihn nicht ein Stück vom Land weg rudern könnten. Er wollte von da aus zu den Leuten reden. Weißt du, der kleine Fischereihafen von Kapernaum ist so halbrund und das Ufer steigt etwas an. So ähnlich wie… wie heißen diese Theater, die die Griechen und Römer überall in ihren Städten bauen, und wo man noch in den hinteren Reihen verstehen kann, was auf der Bühne gesprochen wird?
Amphitheater.
Ja, Amphitheater. So ähnlich sieht es da aus. Und wenn Jesus vom Boot aus sprach, konnten die Leute ihn auch nicht so dicht umdrängen, so dass seine Stimme nicht verschluckt wurde. Wir fuhren also mit ihm ein paar Bootslängen vom Ufer weg, und er begann zu predigen.
Da wart ihr beide also gezwungen, zuzuhören.
Ich habe ja schon gesagt, dass ich ziemlich müde war, und ehrlich gesagt, auch dadurch etwas schlecht gelaunt. Aber als Jesus dann zu reden anfing war das alles im Nu verflogen. Weißt du, wenn Jesus redet, bist du sofort gefesselt. Dann vergisst du alles andere um dich her. Er predigt nicht wie die Schriftgelehrten mit ihrem Blabla. Also, ich will ja nicht respektlos sein, aber deren Predigten reißen doch keinen vom Hocker. Oder von der Ruderbank. Sie kauen nur wieder, was man schon tausendmal gehört hat. Ganz abgesehen davon, dass sie nicht gerade leuchtende Vorbilder darin sind , ihre eignen Lehren in die Tat umzusetzen. Bei Jesus aber bist du vom ersten Wort an fasziniert. Nicht nur, weil er ja durch viele Wunder bewiesen hat, dass Gott mit ihm ist. Sondern auch durch das, was er sagt. Du fühlst, dass es dir nicht nur in den Kopf geht, was er sagt, sondern ins Herz. Du weißt sofort: Hier ist von mir die Rede. Und es liegt die Kraft in seinen Worten, etwas in dir zu verändern. Sie fordern dich heraus. Sie machen dir Mut. Sie klären die Prioritäten: An ersten Stelle Gottes Sache, und alle Sorgen und andere persönliche Anliegen rücken an die nachgeordneten Stellen. Was die Pharisäer und Schriftgelehrten lehren, mag alles richtig sein. Aber was Jesus sagt ist nicht nur richtig, sondern im tiefsten Sinn wahr. Und wirksam. Das… das haut dich einfach um, das… ich weiß nicht, wie ich es noch erklären soll…
Verstehe.
Ich glaube nicht, dass du es wirklich verstehst, wenn du es nicht selbst erlebt hast.
Ich verstehe, dass ich es nicht wirklich verstehe. Und dann kam die Sache mit dem Fischzug?
Das war vielleicht zunächst so etwas wie ein Dankeschön von Jesus, dass wir unser Boot zur Verfügung gestellt haben. Ein toller Fang als Bootsmiete für eine Stunde. Aber im Grunde war es natürlich mehr. Es war der Einstieg in unsre Nachfolge.
Er sagte, ihr solltet noch einmal die Netze auswerfen?
Ja. Am Tag, wo die Fische flüchten, wenn sie den Bootsschatten über sich sehen! Und nachdem wir in der Nacht schon die Pleite erlebt hatten! Aber Simon sagte: „Wenn du uns aufforderst, Herr, dann werden wir es tun.“ Ich gebe gern zu, dass Simon mir auch in solchen Glaubensschritten immer etwas voraus war. Jesus hat wohl den Fischen befohlen, sich da an der Backbordseite in Massen zu versammeln. Ich habe es sofort gesehen an der Spannung in den Seilen. Es zerrte und zappelte wie verrückt. Als wir das Netz herausziehen wollten war es so schwer, dass wir es gar nicht über die Bordwand kriegten! Sowas habe ich noch nie erlebt. Wir haben unsre Freunde gerufen und herbei gewunken, Jakobus und Johannes, auch zwei Brüder und Fischerkollegen. Die haben uns geholfen. Und als wir den Fang schließlich im Boot hatten, sank das so tief, dass es fast untergegangen wäre.
Wahnsinn!
Und noch etwas sank: Simon nämlich, auf die Knie. Mitten zwischen die noch zappelnden Fische, vor Jesus, der bis zu den Waden im Fang stand. Simon war mal wieder schneller, während ich noch verblüfft und staunend zuschaute. Simon sagte: „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch!“ Nun, das war nichts Neues, dass Simon ein sündiger Mensch war, das hätte ich ihm auch sagen können. Aber hier, vor Jesus, im Angesicht Gottes, war ihm das wohl erschreckend klargeworden. Mir übrigens auch.
Da hattet ihr ja nun für Wochen genug Fische.
Wir nicht, aber unsre Familien. Wir sind gleich mit Jesus mitgegangen. Er sagte zu Simon: „Ich will dich zum Menschenfischer machen.“ Und er lud uns ein, ihm zu folgen. Übrigens auch unsre Kollegen Jakobus und Johannes. Wir haben also deren Vater Zebedäus und den anderen alles überlassen und sind mit Jesus fortgegangen. Und haben es nie bereut…. 

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