Denk nicht, du seist verlassen

Biografie

Damals war alles, na, wie soll man sagen, besser, oder? Anders? Vielleicht bilden wir uns das aber auch nur ein. Betrachtet man das Erleben Georg Neumarks, legt sich jedenfalls der Schluss nahe, dass weder das eine noch das andere zutrifft. Johanna Postelt stellt den Mann vor, dessen in der Not geborenes Lied über Jahrhunderte hinweg Mut macht.

„Wer nur den lieben Gott lässt walten, und hoffet auf ihn allezeit. Den wird er wunderbar erhalten, in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ Da steht sie, diese erste Strophe eines alten Kirchenliedes. Groß und machtvoll und voller Hoffnung. Und ich entschließe mich, einmal genauer hinzuschauen auf den Verfasser und auf die Situation, in der sie entstanden ist. 

Neuanfang in Königsberg

Hinter dem Lied steht der Dichter Georg Neumark, geboren im Jahr 1621 in Mühlhausen. Entstanden ist das Lied, das noch sechs weitere beeindruckende Strophen hat, mitten im Dreißigjährigen Krieg. Der junge Georg, der sich schon als Jugendlicher für Musik und Poesie begeisterte, hatte im Jahr 1640 das Gymnasium abgeschlossen. Er entschloss sich, beruflich nicht der Kunst nachzugehen, sondern Jura im 450 km entfernten Königsberg zu studieren. Das bedeutete einen Neuanfang weit weg von der Heimat und so packte er alles ein, was er besaß und zog los voller Aufregung und Vorfreude. Die Reise mitten im Krieg war gefährlich – das wusste er. Außerhalb der befestigten Städte trieben Räuberbanden ihr Unwesen. Obwohl er sich einer großen, vermeintlich sicheren Reisegruppe anschloss, wurde diese in der Nähe von Magdeburg überfallen. Dabei kam Georg Neumark zwar mit dem Leben davon, er verlor aber alles, was er hatte. Und so musste er sich in den folgenden Monaten als Flüchtling durchschlagen. Das neue Leben war in weite Ferne gerückt. Er hatte nie genug zu essen, musste betteln und war darauf angewiesen, dass mitleidige Menschen ihm etwas zusteckten.

Wider die Sorgen

Doch Georg Neumark traf Menschen, die ihm halfen. In Kiel wurde ihm im Jahr 1641 eine Stelle als Hauslehrer angeboten. Er war so froh, wieder für seinen Lebensunterhalt sorgen zu können, dass ihm sein bis heute bekanntes Lied aus dem Herzen sprudelte. Er gab ihm die Überschrift: Trostlied, dass Gott einen jeden zu seiner Zeit versorgen und erhalten will. Aber nicht nur Trost vermittelt sein Lied. Georg Neumark schreibt auch: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“ An diesem Punkt werde ich hellhörig. So viele Sorgen treiben mich seit einem Jahr um, die immer wieder übermächtig werden. Die Sorge um das Fortbestehen des Betriebs in der Coronakrise. Die Sorge um unsere Kinder, die zum Teil seit Monaten nicht mehr in die Schule gehen dürfen. Georg Neumark sagt: Klagen und Sorgen hilft nicht weiter. Das macht es nur schlimmer. Er setzt sogar noch nach: „Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seist und dass ihm der im Schoße sitze, der sich mit stetem Glücke speist.“ Jetzt fühle ich mich ertappt. Dabei, dass ich so schnell in den „Klagemodus“ verfalle und am Ende sogar denke, Gott habe mich verlassen. Dass ich mich sorgenvoll verkrieche in mein Schneckenhaus und dabei vergesse, dass Gott so viel größer ist als meine Situation. Immerhin bin ich anscheinend nicht die Erste, der es so geht.

Georg Neumarks weiterer Lebenslauf verlief glatt und wie es aussieht unspektakulär. Irgendwann erreichte er Königsberg, studierte und zog nach einigen Jahren zurück nach Thüringen. Und er dichtete. Zum Schluss sogar als Hofpoet am Hof des Herzogs von Weimar. Keine seiner Dichtungen haben auch nur annähernd die Bekanntheit erlangt wie das Lied, das er als gerade einmal 20-Jähriger in der schwierigsten Zeit seines Lebens verfasst hat.

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