Auf den Straßen Armeniens

Bericht

Dieses Volk musste viel aushalten, meint Baruir Jambazian, und spricht dabei nicht nur vom jüngsten Krieg mit Aserbaidschan. Der frühe Genozid und anhaltende Konflikte und Aggressionen könnten Armenien in die Knie zwingen, ohne dass die Welt es wirklich mitbekommen würde. Dann erzählt er vom Leben in diesem wunderschönen Land, vom Alltag, und kämpft mit den Emotionen. Dieser Bericht wird sich einprägen. Ganz sicher.

Es ist der Spätherbst 1998. Die Triebwerke des Flugzeuges verstummten langsam, fast alle Passagiere des Fluges von Jerevan nach Frankfurt hatten die betagte Tupolev bereits verlassen. Doch ich konnte mich nicht rühren. Wenn ich jetzt aufstehe, dann bin ich wieder zurück in der Realität, zurück aus einem zwei Wochen währenden Traum, dem Besuch meiner Heimat Armenien. 

Die Menschen faszinieren

Ein älterer Mann steht mit seinem Enkel an der Grenze zur Türkei, ehemals Westarmenien, am Kloster Chor Virap und lässt seinen Blick über den heiligen Berg der Armenier, dem Ararat schweifen. Majestätisch steht er da, der schneebedeckte Gipfel schimmert im Sonnenlicht. Zum Greifen nah, und doch so fern. Die Wachtürme der Grenzanlagen sind nur wenige hundert Meter entfernt. «Schau Grossvater, hier endet Armenien», sagt der kleine Junge. Langsam schüttelt der alte Mann den Kopf. «Nein mein Kind, hier beginnt Armenien…»

Armenien und das Volk der Armenier kann man nicht losgelöst von seiner leidvollen Geschichte verstehen. Unauslöschlich ist das Bewusstsein zu einem Volk zu gehören, das auf Grund seiner Rasse ausgerottet werden soll, in die Identität und das Selbstverständnis der Armenier eingebrannt. Der uralte Traum von der Unabhängigkeit Armeniens wurde mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach langer Zeit endlich wieder wahr, doch der Start 1991 war denkbar schwer. Das verheerende Erdbeben 1988, welches etwa 25.000 Menschen das Leben kostete und der erste Karabach Krieg in den 1990er Jahren, stürzten das Land in eine schwere wirtschaftliche Krise. Die dunklen Jahre, wie diese Zeit genannt wird, stellten die Menschen vor unglaubliche Herausforderungen. Doch trotz Arbeitslosigkeit und Armut strahlen die Armenier eine ganz eigene Lebensfreude aus. Nur wer Leid und Trauer kennt, kann wohl den Wert des Glücks wirklich schätzen. Und so sind, neben der atemberaubend schönen und rauen Natur, die Menschen das Faszinierende an Armenien.

Gepflegte Traditionen

Die Hauptstadt Jerevan präsentiert sich als abwechslungsreicher Mix zwischen sowjetischer Architektur und modernen Bauten. Im Sommer ist die Stadt bis spät in die Nacht belebt. Familien flanieren mit ihren Kindern durch die Parkanlagen, spontan wird zu den Klängen der Straßenmusiker getanzt. Das Leben spielt sich im Freien ab. Überhaupt wird darauf Wert gelegt, vieles gemeinsam zu unternehmen und die Kinder überall zu integrieren. Der Umgangston ist herzlich. Trifft man betagte Menschen, werden diese mit Großvater oder Großmutter angesprochen, selbst wenn man sie nicht kennt. Die Traditionen werden gepflegt, weil man von ihnen überzeugt ist. Vor allem die Familie nimmt in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert ein. Die Kinder wachsen mit ihren Cousins und Cousinen auf, und im ganzen Land gibt es kaum Altenheime. Es gibt einfach keinen Bedarf, denn die Großeltern leben in der Familie ihrer Kinder. In den Dörfern scheint die Zeit stillzustehen. Man fühlt sich 100 Jahre zurückversetzt . Abseits der leidlich gut ausgebauten Überlandstrassen führen meist mit Schlaglöchern übersäte Wege in die Dörfer. Das Dorfleben ist insbesondere in den Bergregionen hart. Die raue Natur macht es den fleißigen Menschen nicht einfach, ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten.

„Unsere Werte, Familie, Bildung, Heimatliebe und der Glaube sind dieselben geblieben, doch die neue Wirklichkeit, in der wir leben, ist nicht greifbar und nur schwer zu fassen.“

Jeder packt mit an

Sobald man den Hof eines Dorfhauses betritt, wird man ohne Umschweife auf einen Happen oder zumindest einen Kaffee eingeladen. Ob du willst oder nicht, hier lassen dich die Leute nicht gehen, ohne dich zu bewirten. Hier ist alles noch sehr ursprünglich. Der Käse ist selbstgemacht, die Kräuter selbst gesammelt, die Kartoffeln, die in dünnen Scheiben geschnitten auf dem Blech des einfachen Holzofens gar werden, aus dem eigenen Garten. Jeder packt mit an. Noch vor dem Unterricht helfen die Kinder ihren Eltern, machen den Kuhstall sauber, melken die Tiere, versorgen das Vieh. In den Sommerferien wird hart gearbeitet, Heu gemacht, Schafe gehütet. In einem Dorf zu leben, bedeutet ein sehr einfaches, genügsames Leben zu führen.

Für mich als in Deutschland aufgewachsener und sozialisierter Armenier ist es faszinierend und wertvoll, von diesen Menschen zu lernen. Trotz der Armut, den vielen Sorgen und dem harten Leben, sieht man kaum verbitterte Leute. Die Menschen halten sich an den einfachen Dingen fest, suchen und finden ihre Lebensfreude in den kleinen Geschenken des Lebens. Die Lebensumstände brechen sie nicht, sie werden angenommen und es wird versucht, sich darin zurecht zu finden. 

Armenien, wohin gehst du?

Heute, nach dem Krieg, scheint es fast so, als beschreibe man ein längst vergangenes Zeitalter. Unsere Werte, Familie, Bildung, Heimatliebe und der Glaube sind dieselben geblieben, doch die neue Wirklichkeit, in der wir leben, ist nicht greifbar und nur schwer zu fassen. Gerade in Krisenzeiten suchen die Menschen nach Antworten. Antworten auf die existentiellen Fragen. Nach Sinn. Pastor Aharon von der freien Gemeinde in Jervesh hat keine freie Minute mehr. Fast ohne Ausnahme ist jeder in Armenien in irgendeiner Weise von dem Krieg betroffen. Und so spendet er unermüdlich Trost, gibt Rat, kümmert sich um die trauernden Menschen, um Flüchtlinge, um Verwundete. Und dieser Dienst ist wichtiger denn je, unsere Zukunft, die Existenz Armeniens ist ungewiss und das gesamte Volk trauert. Frisch sind die Gräber auf dem Soldatenfriedhof Yeraplur in Jerevan. Frisch aufgerissen sind auch die nie verheilten Wunden des armenischen Volkes. 

Armenien erklärte als erstes Volk 301 n.Chr. das Christentum zur Staatsreligion. Unser Glaube hat uns durch die schweren Tage unserer Geschichte durchgetragen. Und auch heute braucht Armenien Gebet, braucht Heilung, und diese Heilung finden wir nur bei Gott. Dem Gott, der uns wissen lässt: «Und wenn dann mein Volk, über dem mein Name ausgerufen ist, sich demütigt und zu mir betet, wenn es meine Gegenwart sucht und von seinen bösen Wegen umkehrt, dann werde ich es vom Himmel her hören, ihre Sünden vergeben und ihr Land heilen.» 2.Chronik 7,14.

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