Wenn einer mit dem Leben zahlt

Biografie

Das, was ihm passierte, liegt schon eine Weile zurück. Doch das macht es nicht weniger bedeutungsvoll. Denn mit dem Abstand, der sich gebietet, stellt seine Geschichte uns auch heute vor die ganz konkrete Frage: Ist der Weg, den Gott seine Nachfolger führt, denn nicht von seinem Schutz gekrönt? Wie gefährlich es sein kann, Gott zu folgen, zeigt das Leben und Sterben von Jim Elliot. Und es zeigt auch, wie schnell wir dabei mit unseren menschlichen Bewertungen an Grenzen stoßen. Eine Reportage von Dr. Simone Flad.

„Im Schatten des Allmächtigen“ – unter diesem Titel hat Elisabeth Elliot die Tagebuchaufzeichnungen ihres kurz zuvor verstorbenen Mannes Jim Elliot herausgegeben. Diese Worte sind Teil eines Zitates aus Psalm 91: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe“ (Verse 1 + 2). Es geht um die Sicherheit, die der Psalmbeter bei Gott erfährt. Er beschreibt Gott  als eine Burg, als Zufluchtsstätte vor vielerlei Nöten, als Bergungsort vor Seuchen und Angriffen von Feinden. Was für ein eindrückliches Bild! Aber im Leben von Jim Elliot war doch genau das Gegenteil passiert!?

Jim Elliot (1927 – 1956) erlebte eine behütete Kindheit in einer gläubigen christlichen Familie im Nordwesten der USA. Im zarten Alter von sechs Jahren erklärte Jim seiner Mutter, dass er nun auch zu Gott gehöre. Die Bibel wurde daraufhin sein ständiger Begleiter. Mit 18 Jahren trat er ins Wheaton College bei Chicago ein. Er hatte ein klares Ziel vor Augen: Pioniermissionar wollte er werden, einem Volk oder Stamm das Evangelium bringen, einem, der bisher noch keine Chance gehabt hatte, von Gott zu hören. Diesem Ziel wollte er alles unterordnen, keine Zeit oder Kraft mit etwas verschwenden, das ihn davon ablenken würde. 

Das Risiko war klar

1952 war es dann soweit, mit einem Freund reiste Jim nach Ecuador aus. Dort heiratete er 1953 Elisabeth, die er schon im College kennengelernt hatte. Sie arbeiteten unter den Ketschua (auch Kichwa genannt) im dichten Regenwald von Ecuador, an einem der zahllosen Nebenflüsse des Amazonas. Von Anfang an hatten sie auch das benachbarte Volk der Aucas (auch Huaorani oder Waorani genannt) auf dem Herzen. Die wenigen Kontakte, die dieser Stamm mit Weißen gehabt hatte, waren alle gewaltvoll verlaufen. Auch mit anderen Indianervölkern gab es nur wenig, und wenn dann meist feindlichen, Kontakt. Diese ganz abgeschottet lebenden Menschen wollten Jim und Elisabeth Elliot und ihre Kollegen mit Gott bekannt machen. Dafür waren sie bereit, ein großes Risiko einzugehen. Nach langer, gründlicher Vorbereitung mit vielen indirekten Kontakten sahen sie im Januar 1956 die Zeit gekommen, einen direkten Kontakt zu wagen. Was verheißungsvoll begonnen hatte, endete beim zweiten Zusammentreffen mit dem Tod von Jim Elliot und vier anderen jungen Missionaren. Zurück blieben fünf junge Frauen und insgesamt sechs Kleinkinder.

„Ich trachte nicht nach einem langen Leben, sondern nach einem erfüllten, gleich dir, Herr Jesus.“

Jim Elliot und seine Freunde waren von den Aucas ermordet worden. Mit Speeren. Nichts mit „wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“ – wie es in Psalm 91,7 heißt, nur ein paar Verse nach „Wer unter dem Schirm des Höchsten wohnt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt …“. Jim Elliot und seine Mitmissionare hat es aber getroffen. Wie kommt seine Witwe dann dazu, sein Leben mit „Im Schatten des Allmächtigen“ zu überschreiben? Ist das nicht ein Hohn? Der Psalm verspricht Sicherheit und Schutz – aber Jim Elliot und die anderen jungen Männer wurden ermordet. Überhaupt, wenn Gott jemand beschützen sollte, dann doch die, die für ihn unterwegs sind, die ihm mit ihrem ganzen Leben dienen wollen. Oder etwa nicht? Jims Bruder Bert beschäftigte diese Frage auch, nachdem er vom gewaltsamen Tod seines Bruders erfahren hatte: „Wenn wir uns selbst Gott hingeben, in Gehorsam seinem Wort gegenüber, sollte er uns dann nicht beschützen, da wir für ihn leben?” Das war für ihn eine sehr persönliche Frage – nicht nur, da es sich bei einem der Ermordeten um seinen Bruder handelte, sondern auch, weil er selber mit seiner Familie als Missionar im Dschungel Perus unterwegs war. Sollte Gott seine Leute nicht beschützen? Gerade die, die für ihn unterwegs sind? Es waren junge, begabte Männer, die noch so viel für Gott und die Menschen hätten bewegen können. Was für ein Verlust! Was für eine Tragödie! Ist Gott doch nicht allmächtig? Nicht wirklich gut? Gelten die Verheißungen der Bibel doch nicht? Oder nicht für alle? Hatten die Männer etwas falsch gemacht? War ihr Tod etwa Gottes Wille? Hatte er ihnen den Rücken zugekehrt? Warum hatte er sie nicht beschützt? Solche oder ähnliche Fragen mögen uns durch den Kopf schwirren.

Ich möchte dir dienen

Was hätte Jim Elliot zu solchen Gedanken gesagt? Seine Tagebuchaufzeichnungen geben uns einen Einblick in sein Denken – auch über diese Fragen. Seine Bereitschaft, als Pioniermissionar in den südamerikanischen Dschungel zu ziehen, gründete in seiner Hingabe an Jesus Christus. Ganz bewusst wollte er als junger Student sein Leben Jesus zur Verfügung stellen, sich von ihm leiten und gebrauchen lassen. „Ich trachte nicht nach einem langen Leben, sondern nach einem erfüllten, gleich dir, Herr Jesus.“ Nur etwas später schrieb er ein Gebet nieder: „Heiland, ich weiß, du hast mir volle Freiheit gegeben, dir zu dienen oder meinen eigenen Weg zu gehen. Ich möchte dir auf ewig dienen, denn ich liebe meinen Meister. Ich will nicht nach meinem Eigenwillen leben.“ Dass zu dieser Hingabe auch die Möglichkeit gehörte, für seinen Herrn zu sterben, dessen war sich Jim Elliot bewusst. Als er über Opferungen im Alten Testament nachdachte, schrieb er: „Vater, nimm mein Leben, ja mein Blut, wenn du willst, und verzehre es in deinem Feuer. Ich will es nicht behalten, denn es ist nicht mein, dass ich es für mich behielte. Nimm es Herr, nimm es ganz. Gieß mein Leben aus als Opfergabe für die Welt.“

„Eine der großen Segnungen des Himmelreiches ist die, dass wir seinen Wert schon hier auf Erden kennen lernen. Der ist kein Narr, der hingibt, was er nicht behalten kann, um zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.“

In dieser Zeit spielte auch sein Bruder mit dem Gedanken, in die Außenmission zu gehen. Er hatte seine Gedanken dazu, auch seine Bedenken, Jim geschrieben. In seiner Antwort macht Jim Elliot deutlich, dass seine Hingabe letztlich im Vertrauen auf
Gott gründet: „Mach dir keine Sorge, Bob, du würdest durch Tropenkrankheiten vorzeitig hinweggerafft werden – wie dein Leben, so ist auch die Dauer deines Lebens in Gottes Hand. Denk daran: Gott lässt dich nicht sterben, ehe dein Werk getan ist.“ Er war sich sicher, dass alles, was ihm geschah, letztlich aus Gottes Hand kam und Teil seines großen und guten Planes war: „Ein Christ darf dies wissen: Jedes Geschehnis, das uns widerfährt, lässt Gott in genau dem richtigen Augenblick geschehen, so dass es uns zum Besten dient. Gottes Wege sind vollkommen.“ Diese Gewissheit begleitete ihn in allen Lagen seines Lebens.

Ganz und gar nicht lebensmüde

Es war in einer ungewissen Zeit, direkt nach seinem College-Abschluss, als er nicht wusste, welche die nächsten Schritte sein würden, als er in einer Art Wartezustand bei seinen Eltern lebte und sich mit Biografien von Missionaren befasste. Diese Lektüre brachte ihn zu seinen wohl bekanntesten Worten: „Eine der großen Segnungen des Himmelreiches ist die, dass wir seinen Wert schon hier auf Erden kennen lernen. Der ist kein Narr, der hingibt, was er nicht behalten kann, um zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.“ Jim Elliot war bereit, sein irdisches Leben hinzugeben, da er das ewige Leben, das Gott ihm durch Jesus Christus geschenkt hatte, immer im Blick hatte. Sein Leben auf dieser Erde war ganz eng an seinen Herrn gebunden. Der Tod beinhaltete für ihn an sich keinen Schrecken, sondern nur den Schritt in die himmlische Heimat zu seinem Herrn und Retter.

Das bedeutet nun nicht, dass Jim Elliot in irgendeiner Weise lebensmüde war. Ganz und gar nicht. Während seiner Schiffsreise nach Ecuador beschreibt er die pure Freude, die er empfand: „Was ich zurzeit erfahre ist die reine Freude des In-Einklang-Seins mit Gott und das Bewusstsein, dass er uns bisher in allem gelenkt hat. Gott war mit uns bei dieser ganzen Reise, und wenn mein Leben jetzt zu Ende ginge, ich könnte wie Simeon sagen ‘nun, Herr, entlässt du deinen Knecht nach deinem Wort in Frieden‘. Nicht weil ich das Gefühl hätte, mein Werk sei getan, das keineswegs, aber ich bin zufrieden und glücklich, weil Gott mir sein Wort so deutlich bestätigt.“ Als dann in seinem Leben im Dschungel des Amazonasgebietes auch Krankheit und Schwachheit in sein Leben kamen, machte er dies auch nochmal deutlich: „Ich bin bereit zu sterben, aber ich möchte leben und Gottes Wort verkündigen.“ 

In der Auseinandersetzung mit den Plänen, die Aucas mit dem Evangelium zu erreichen, war sich Jim Elliot ebenso wie die anderen Missionare im Klaren, dass es sie das Leben kosten könnte. Die Frage, die er seinem Tagebuch anvertraute, zeigt auch sein Ringen damit: „Die Aucas. O Herr, wer ist dieser Aufgabe gewachsen?“ Ein paar Tage später berichtet er: „… habe mich von neuem dargeboten für die Arbeit bei den Aucas, mit größerer Bestimmtheit als zuvor; habe gebetet um Tapferkeit im Geist, um deutliche und wundertätige Führung.“ Mit dieser erbetenen Tapferkeit und der Sicherheit, dass Gott sie so führt, brachen Jim Elliot und die anderen Missionare zu den Aucas auf – und mit derselben Tapferkeit und Sicherheit ließen ihre jungen Ehefrauen sie ziehen. 

Darin liegt die Sicherheit

„Im Schatten des Allmächtigen“ – aus Jim Elliots Sicht hat seine Frau sicher eine sehr passende Überschrift über sein Leben gewählt. Seine Sicherheit im Leben beruhte nicht darauf, dass alles gut gehen würde und der Tod weit weg blieb. Gott selbst war für ihn seine Sicherheit. Sie hatte nicht mit äußerlichen Umständen wie Gesundheit oder Errettung aus allen Gefahren zu tun. Sondern mit seiner Sicherheit, auf seinem Weg von Gott geführt zu sein – egal, was kommen würde. Und dass dies auf alle Fälle ein guter Weg sein würde. Mit dieser Gewissheit konnten Jim Elliot, seine Frau und ihre Mitmissionare sich und ihr Leben Gott anvertrauen und die gefährliche Arbeit unter den Aucas wagen. Was auch passieren würde, sie wären immer in Gottes Hand – oder wie der Psalmbeter es sagt – unter seinem Schirm oder in seinem Schatten. Darin lag ihre Sicherheit – ihr ganzes Leben lang.

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