Die blanke Angst im Nacken

Essay

Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie vielleicht „Eisoptrophobie“ - Angst, sich im Spiegel zu betrachten? Oder „Nomophobie“ – Angst, ohne Mobilfunkkontakt zu sein? Oder sind Sie so wie Chris Pahl und haben Angst vor Schlangen und davor, im Dunkeln allein zu sein? Der nimmt Sie mal kurz mit an einen Ort, an dem es tatsächlich Schlangen gibt und an dem er ziemlich allein war. Auch im Dunkeln.

Schon mehrmals war ich in dieser einsamen Hütte an einem See in Norwegen. Jedes Mal, wenn ich die fünf Kilometer lange Schotterpiste vom nächsten Ort in den einsamen Wald fahre, hüpft mein Herz vor Vorfreude. Ich liebe die Stille, die Natur und das einfache Leben ohne Strom und Wasser in „meiner“ Hütte. Die letzten Male war ich immer allein da. Müde vom Arbeitsalltag und sehnsüchtig, mich selbst und Gott in der Einsamkeit Norwegens zu finden. Doch beim letzten Mal war ich nicht allein in der Hütte. Da war noch jemand da: Meine Angst. Tagsüber ruhte sie meist, aber sobald es dämmerte, klopfte sie laut und deutlich an. Ich sperrte sofort die Tür ab und schloss alle Fenster. Aber die Angst war schon drin. Die Einsamkeit, die mir tagsüber so guttat und meine Seele erfrischte, schnürte mir nun das Herz zu. Und die Angst flüsterte: „Du bist hier ganz allein. Wenn jetzt jemand kommt, wird dir niemand helfen.“ Zugegeben, ich hatte meine Angst in den letzten Tagen noch mit schwedischen Krimis gefüttert. Nicht sehr hilfreich, wenn man gern mal ein Schisser ist. 

Was ist da auf dem Dach?

So lag ich im Dunkeln und lauschte jedem Geräusch. War da ein Knacken? Was klopft da auf dem Dach? War das der Schrei eines Vogels oder eines Menschen? Ich machte die Taschenlampe an und tat, was mir als Christ immer wieder geholfen hat. Ich wandte mich weg von meinen Problemen, hin zu Gott. Ich betete, las in der Bibel, sang ein Lied. Und die Angst? Sie ging nicht weg, aber sie schwieg zumindest. Irgendwann schlief ich ein und schreckte nach wenigen Minuten wieder hoch. Wie sehr ich den Morgen herbeisehnte. Wieder las ich in der Bibel. Und da traf mich dieser Satz: „In seiner Todesangst betete Jesus noch angespannter und sein Schweiß tropfte wie Blut auf den Boden“ (Lukas 22,44). Jesus hat Angst. Er betet wenige Stunden, bevor er gefangengenommen und gekreuzigt werden wird im Garten Gethsemane. Dieses Wort war mir beim Lesen noch nie aufgefallen: „Todesangst“. Jesus hat Angst! Das sprengte mein Jesusbild und meinen Glauben daran, dass wir Christen ja keine Angst zu haben brauchen, weil Gott immer bei uns ist. Denn Gott ist ja in diesem Moment bei Jesus und der hat dennoch Angst. Diese Erkenntnis trifft und beruhigt mich mitten im norwegischen Wald. Angst haben ist okay, auch als Christ. Und gleichzeitig lerne ich von Jesus, an wen ich mich in meiner Not wenden kann. Beruhigt schlafe ich wieder ein. Zumindest für einige Minuten …

Sie sah das wohl anders

Am nächsten Morgen saß ich übermüdet im Bett und schaute auf den See. Die Sonne kam raus und die Angst hatte sich verabschiedet. Aber ich spürte, meine Ängste kommen nicht von den schwedischen Psychothrillern oder irgendwie aus dem Wald. Meine äußeren Ängste zeigen etwas von meinem Inneren. Denn mein Urvertrauen hat in den letzten Jahren an zwei Stellen ordentlich gelitten. Zum einen war da das Scheitern meiner Ehe. Meine Frau verließ mich überraschend. Es war nicht einfach gewesen zwischen uns, aber „Trennung“ oder gar „Scheidung“ war für mich keine Option.

„Ich schrie um Hilfe, aber der majestätische Sound der Wellen schluckte jeden meiner verzweifelten und kläglichen Schreie.“

Ich liebte sie doch und wir hatten uns Treue versprochen. Doch sie sah das anders. Ich hatte ihr voll vertraut. Bei ihr konnte ich angstfrei sein. Dieser Raum war zerstört. Vertrauen zerbrochen. Und manche Frage an Gott wurde laut. Ich zweifelte nicht an seiner Gegenwart, dafür erlebte ich zu viel Trost und traf zu viele menschliche Engel. Aber ich hinterfragte seine Macht. Mein Urvertrauen, dass mir als von Gott geliebtem Kind so etwas nicht passieren kann, war erschüttert. In einer langen Auszeit rang ich mit mir und Gott und spürte, wie die Verletzungen nach und nach heilten. Vergebung wurde möglich. Nicht von jetzt auf gleich, das dauerte. Und doch ist damals mein kindliches Vertrauen von einer erwachsenen Hoffnung abgelöst worden. 

Sie machten keine große Beute

Das zweite Mal, als ich massiv spürte, dass Sicherheit nicht selbstverständlich ist, war an der Copacabana in Rio. Drei Wochen waren mein Kumpel und ich durch Südamerika gereist. Am vorletzten Morgen saß ich früh am Strand, schrieb in mein Tagebuch, betete und schaute auf das rauschende Meer. Plötzlich legte sich ein Arm im Würgegriff um meinen Hals. Ein zweiter hielt meine Arme fest. Weitere Arme pressten meine Beine in den Sand und eine flinke Hand durchsuchte meine Hosentasche. Ich schrie um Hilfe, aber der majestätische Sound der Wellen schluckte jeden meiner verzweifelten und kläglichen Schreie. Die vier Männer machten keine große Beute. Nur mein altes Handy und 5 Euro waren weg. Schnell verteilten sie sich in alle Richtungen am Strand und ließen mich verstört und mit Tränen in den Augen zurück. Neben dem bisschen materiellen Besitz verlor ich an diesem Tag noch etwas Wertvolleres: den Glauben daran, dass mir so etwas nicht passieren könne, weil ich doch Christ bin. Heute, mit Abstand, kann ich jedoch sagen: diese Männer haben mir meinen Glauben an einen guten Gott nicht gestohlen. Denn in meiner Schwachheit und Angst kam mir Gott in Jesus näher. Auch der wurde verlassen, ihm wurde Gewalt angetan, man nahm ihm alles. Dieser Jesus-Gott kennt mich und versteht mich, weil er in ähnlichen Situationen war und selbst Angst hatte. 

Die Angst lügt wie gedruckt!

Aber meine Ängste sind nicht nur von gestern. In der Hütte auf meinem Bett sitzend denke ich an die Zukunft. Mir stehen unsichere Zeiten bevor. Ein alter Job ist gekündigt, ein neuer in Aussicht, aber noch nicht zugesagt. Ich habe mich neu in eine Frau verliebt und wir lernen uns langsam kennen. Aber ob es wirklich klappen wird mit Job und Beziehung? Eine andere Angst allerdings traf ich in der einsamen Hütte nicht. Eine, die ich im Alltag sehr wohl kenne. Da flüstert sie dann immer in etwa so: „Was wohl die anderen von dir denken?“ oder „Wenn du so bist, dann mögen sie dich nicht“. Es ist die Menschenfurcht, die mir zu schaffen macht. Vielleicht eine der größten Ängste. In der Einsamkeit aber muss sie schweigen. Wie gut. Ich will sie nicht wieder laut werden lassen, denn sie hat einen beachtlichen Fehler: sie lügt wie gedruckt!

„Es ist die Menschenfurcht, die mir zu schaffen macht. Vielleicht eine der größten Ängste. In der Einsamkeit aber muss sie schweigen. Wie gut. Ich will sie nicht wieder laut werden lassen, denn sie hat einen beachtlichen Fehler: Sie lügt wie gedruckt!“

Mein letzter Besuch in der Hütte ist fast zwei Jahre her. In diesem Sommer fahre ich wieder hin. In die Flitterwochen. Die Frau, von der ich eben schrieb, wird diesen Sommer „Ja“ zu mir sagen. Wahnsinn! Wunderbar! Auf dem Weg dahin brauchte ich allerdings bei dem ein oder anderen Thema doch etwas mehr Zeit. Denn die Narbe des Scheiterns meiner ersten Ehe ist zwar verheilt, aber sie schmerzt immer mal wieder. Ich bin überrascht, dass ich so „gut“ neu vertrauen und wieder mit voller Überzeugung „Ja“ sagen kann. Obwohl ich weiß, auch diese Ehe könnte scheitern, auch diese Frau könnte mich verlassen. Oder ich sie. Aber in all meinen Ängsten und Rückschlägen bin ich gereift. Manchen kindlichen Übermut habe ich verloren. Gewonnen habe ich die Erkenntnis, dass diese Welt ganz wenig Sicherheit bietet. Weder die Tür einer norwegischen Hütte noch die Öffentlichkeit eines Strandes noch das Versprechen eines Menschen ist sicher. Umso mehr habe ich den Gott schätzen gelernt, der mitten in meiner Angst da ist und der in der Bibel so oft wiederholt: Fürchte dich nicht.

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