Wenn Gott "Beziehung" denkt

Essay

Sicher, aus unserer eigenen Perspektive heraus haben wir die Frage nach Beziehungen schon rauf und runter durchdacht: Zu Partnern, Kindern, Nachbarn und zu wem sonst noch alles. Sicher. Auch unsere Beziehung zu Gott, sei sie nun da oder nicht, haben wir angeschaut. Etwas schwerer tun wir uns mit der Frage, wie es mit Gottes Beziehung zu uns aussieht. Andreas Malessa navigiert uns durch einen wichtigen Perspektivwechsel.

„Glauben Sie an Gott?“ fragt der junge Leutnant Hartmann währen des Zweiten Weltkriegs den alten Luftwaffengeneral Harry Harras. Ein Dialog aus dem Theaterstück „Des Teufels General“ von Carl Zuckmayer, 1954 verfilmt mit Curd Jürgens. „Er ist mir nicht begegnet“, antwortet der Pilot, „aber das lag an mir. Ich wollte ihm nicht begegnen. Er hätte mich vor Entscheidungen gestellt, denen ich ausweichen wollte.“ In den weise und kraftvoll, wunderbar aussagestark und kindlich naiv formulierten Sprachbildern des biblischen Buches Genesis wird diese Beziehungsverweigerung so erzählt: „Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes, des Herrn, zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott, der Herr, rief Adam und sprach: Wo bist Du?“ (Genesis 3, 8b bis 9). 

Findet er die beiden nicht?

Auf der wortwörtlichen Textoberfläche müsste man nun darüber spekulieren, warum Gott, der Allwissende, die einzigen zwei Menschen im Wald nicht findet. Auf der darunterliegenden Sinn- und Aussage-Ebene aber wird klar: Der Mensch ist von Gott geschaffen (Genesis 1, 27 und 28), ist mit Freiheit beschenkt (Genesis 1, 28 bis 31) und mit Verantwortung ausgestattet (Genesis 2, 16 und 17) und kann deshalb dermaßen falsche Entscheidungen treffen („selber Gott sein wollen“, Genesis 3, 6 und 7).Was dazu führt, dass Schuld und Scham, Versteckspiel und Beziehungsabbruch sein weiteres Verhalten bestimmen (Genesis 3, 23 und 24). 

Hier könnte die Geschichte enden. Und die ganze Bibel hätte erst gar nicht geschrieben werden müssen. Gottes Wagnis, entscheidungs- und beziehungsfähige Kreaturen zu erschaffen, ist gescheitert. Das menschliche Leben, jenseits von Eden, muss ab jetzt halt nach eigenen Regeln gelingen. „Verbleiben wir doch so: Wir kommen alleine zurecht, vielen Dank, und du lässt uns bitte in Ruhe!“ Unser Agnostizismus, die Frage, ob es Gott wirklich gibt, wird mit der Zeit zum Atheismus, zur Überzeugung, dass es Gott nicht gibt.Und aus dem dreipoligen Grundgesetz für Beziehungen („Liebe Gott und Deinen Nächsten wie Dich selbst“) machen wir einen zweipoligen Kalenderspruch („Was Du nicht willst, dass man Dir tu´, das füg´ auch keinem andern zu“). Schluss, aus, Feierabend.

Pech für Gottesleugner: Der Erfinder und Erhalter des Lebens hält die Beziehung trotzdem aufrecht. Er mischt sich ein, er macht uns Menschen füreinander verantwortlich. Wieder mit einer Frage: „Kain, wo ist Dein Bruder Abel?“ (Genesis 4, 9). Und als Gott seinerseits den totalen Beziehungsabbruch beschließt (Genesis 6, 7), kommt ihm der rechtschaffene Noah und seine Verantwortung für ihn dazwischen (Genesis 6, 8 und 11), und er hängt den Kriegsbogen des Schützen (Sacharja 9, 10) an den Nagel – genauer: in Gestalt eines Regenbogens „stellt er ihn in die Wolken. Als Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde.“(Genesis 6, 13). Der gefährliche Schütze wird zum Schützenden vor Gefahr.

Gott hält die Beziehung aufrecht, er ruft, er redet, er setzt Zeichen, er schließt Frieden, er besiegelt Bünde – fünfeinhalbtausend Jahre Geschichte des Judentums lassen sich als ein Drama fortwährender Beziehungs-Bemühungen Gottes erzählen. Den Abraham lockt er in fremdes Land, zu Jakob redet er durch Träume, zu Josef durch rettende Wendungen und Wirkungen, zu Mose durch übernatürliche Wunder und Katastrophen, zu seinem Volk Israel durch Gebote und Gesetze, zu den Propheten durch halluzinative Visionen und Engel, zu König David durch kluge Gedanken und den Mund guter Berater und Freunde. 

Wer ist der Bettler an der Tür?

Der christliche Glaube nennt, grob sortiert, drei sogenannte „Offenbarungsquellen“ Gottes. Kommunikationsmittel also, durch die er sein Wesen und Wollen zu erkennen gibt: Gottes textgewordenes Wort, die Bibel. Gottes menschgewordenes Wort, Jesus Christus. Und Gottes geschehendes Wort, sein Reden und Handeln in der Geschichte und im Leben seiner Gemeinde. „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn“ – so fängt ein wichtiger Brief unbekannter Autoren an die Judenchristen des 1.Jahrhunderts an: Hebräer 1, Vers 1. Das heißt: Wer Gottes Reden hören und Gottes Handeln sehen will, soll sich das Leben und die Lehre des Jesus von Nazareth anschauen. An die Stelle menschlicher, irdischer und deshalb irrtumsbehafteter Repräsentanten Gottes und „Vermittler“ der Gottesbeziehung – Propheten, später Apostel, Päpste, Bischöfe und Priester – tritt der eine und einzige „Messias“ in Zeit und Raum: Jesus! Von Gott autorisiert durch die Auferweckung von den Toten. Gott selbst hat also seiner „Offenbarungsquelle Nr. 1“, der Bibel, eine zweite hinzugefügt, eine „Offenbarungsquelle Nr. 2“, die als Interpretations- und Verständnishilfe letztgültig ist: Christen lesen die Bibel, nachdem (!) Jesus gekommen ist, lebte, lehrte, starb und auferstand. Kein Ge- und kein Verbot des mosaischen Gesetzes kann und darf mehr platt und mechanisch an Jesus vorbei angewendet werden, so als hätte es ihn und seine Worte nicht gegeben. Das wäre „fundamentalistisch“ und nicht „bibeltreu“, denn dann wären Christen nicht „Christusnachfolger“, sondern ultraorthodoxe Juden oder buchstabenhörige Rigoristen.

„Wer Gottes Reden hören und Gottes Handeln sehen will, soll sich das Leben und die Lehre des Jesus von Nazareth anschauen.“

Für das typisch menschliche Versteckspiel („Mag ja sein, dass Gott redet und eine Beziehung zu mir sucht, aber davon merke ich nix.“) bedeutet das eine Herausforderung: Jesus ist auferstanden, er lebt, ist herausgetreten aus Raum und Zeit, also allen Menschen überall und gleichzeitig erfahrbar nah.

Der trauernden Maria Magdalena am Grab begegnet er als vermeintlicher Gärtner (Johannes 20, 14 und 15), den Fischern am See Tiberias als vermeintlicher Kollege (Johannes 21, 4 und 5), den enttäuschten Jüngern auf dem Heimweg nach Emmaus als irgendein Mitwanderer (Lukas 24, 15 und 16). Schon zu irdischen Lebzeiten hatte Jesus gewarnt, er würde als Bettler, als Obdachloser, als Gefangener, als Kranker an unsere Türen klopfen (Matthäus 25, 35 und 36). Wie bitte? In jeder vordergründig „normalen“ menschlichen Begegnung liegt die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme Gottes, einer „himmlischen“ Beziehungspflege? „Vergesst nicht, gastfrei zu sein, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Hebräer 13, 2). 

Zugegeben: Nicht in jedem Pfandflaschensammler, der mich am Bahnsteig um Geld oder Zigaretten anschnorrt, erkenne ich den auferstandenen Christus oder erwarte von ihm ein Reden Gottes an mich. Aber: statt den Bettler zu verachten, bewundere ich Christus dafür, dass er sich mit solchen Bedürftigen solidarisiert hat, parteilich auf ihrer Seite steht, ihr Heil und ihr Wohl will und unter anderem mich beauftragt hat, daran mitzuwirken. Statt immer herzenshärter zu werden („mir wird schließlich auch nix geschenkt“), werde ich immer empfindsamer, manche Christen sagen „hörender“, für mögliche Fingerzeige Gottes im Alltag und meine soziale (Spenden-)Verantwortung.

„Es gibt die schmerzliche Erfahrung geistlicher „Wüstenzeiten“, innerer Leere, spiritueller Dürre, sicher. Kein Bibeltext und kein Anbetungslied, kein Gebet und keine Predigt erreichen den Hörenden mehr.“

Wie, mein Eindruck täuscht?

Liest man im Alten Testament ständig „Und Gott der Herr sprach …“ oder „Das Wort des Herrn geschah zu …“, entsteht der Eindruck, Gott spreche ständig und überall in kritische Lebenssituationen hinein. Das göttliche Wort-wie-Donnerhall, die prophetische Eingebung, der seelsorgliche Rat als Normalzustand der Alltagskommunikation gläubiger Menschen. Der Eindruck täuscht, weil die Bibel nur jene seltenen, aber entscheidenden, prägenden, weichenstellenden Momente auswählt und erzählt. Abraham zum Beispiel wurde 175 Jahre alt (Genesis 25, 7), hörte Gottes direktes Reden aber nur wenige Male. Von Propheten wie Jesaja oder Jeremia, Elia oder Elisa, Amos oder Hosea lesen wir in einem jahrzehntelangen Leben nur von einer Handvoll markanter Gottesbegegnungen. Und die erfolgen bisweilen erst nach Phasen verzweifelter Gottferne, Einsamkeit oder Depression bis hin zum Suizidwunsch (1. Könige 19, 4). Jesus selbst hat als Mensch das Schweigen Gottes erlitten (Matthäus 26, 38 und 39) und, qualvoll sterbend, schreiend beklagt (Matthäus 27, 46).

„Warum höre ich Gottes Reden so selten?“ ist als Anklage eines Leidenden legitim. Als Selbstvorwurf oder als geistlicher Minderwertigkeitskomplex eines Gesunden jedoch unnötig. Es gibt die schmerzliche Erfahrung geistlicher „Wüstenzeiten“, innerer Leere, spiritueller Dürre, sicher. Kein Bibeltext und kein Anbetungslied, kein Gebet und keine Predigt erreichen den Hörenden mehr. 
Möglicherweise werden solche „seelischen Taubheiten“ aber von der überzogenen Erwartung gefördert, der Schöpfer des Universums müsse mehrmals täglich mit mir reden. Und mir immer helfen, das Richtige einzukaufen, den Haustürschlüssel zu finden und rechtzeitig an Geburtstagskarten für Oma und Opa zu denken. Oder es werden rationale persönliche Entscheidungen und emotionale Empfindungen als göttlich beauftragt deklariert. „Der Herr hat mir gesagt, ich soll …“ – den Job kündigen, lieber Isolde statt Irene heiraten, oder ein Elektro-Auto kaufen. Der Vorteil: Man ist nicht mehr alleine verantwortlich. Der Nachteil: Gott gerät wegen jeder missglückten Kleinigkeit unter Rechtfertigungsdruck. Die Langzeitfolge: Irgendwann hält man Gottes tatsächliches Reden und Eingreifen nur noch für eine selbstproduzierte Einbildung, eine Autosuggestion. Der Kollateralschaden: Die umstehenden Mitbetroffenen nehmen den derart „Gläubigen“ nicht mehr ernst.

Musste das wirklich sein?

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (Genesis 2, 18).Der bei Hochzeiten gern zitierte Satz aus der Schöpfungserzählung, bedeutet nicht, dass alle Menschen für die Ehe geschaffen sind. Sonst gäbe es keine glücklichen Mönche und Nonnen. Er bedeutet aber, dass kein Mensch für die Einsamkeit geschaffen ist. Der Mensch ist ein Beziehungswesen, und wenn er „nach dem Bilde Gottes geschaffen“ ist (Genesis 1, 27), dann ist auch Gott ein Beziehungswesen. Auf die berühmte Frage „Warum nur hat Gott den Menschen erschaffen?! Der Erde ginge es besser ohne ihn“ lautet die lapidare Antwort: Weil Gott Liebe ist und Liebe ein Gegenüber will. Weil wir Menschen aber immer nur in menschlichen Denk- und Sprech-Kategorien von Gottes Liebe reden können, gibt es den häufig zu hörenden Einwand „Ja, ja, aber Gott ist doch auch zornig, strafend und verdammend. Verschweigt das nicht, ihr Weichei-Prediger!“ Ein Missverständnis, weil „Liebe“ hier als menschliche Gefühlsäußerung verstanden wird, die ganz „natürlich“ Hass, Zorn und Aggressivität als Gegengewicht besitzt. Schon wenn wir sagen „Gott ist nicht nur, sondern auch“ haben wir ihn in unsere Attribute-Schubladen sortiert und ihm zwei Naturen angedichtet. Zorn, Sorge, Eifersucht und Strafe sind menschliche Eigenschaften und Triebe, mit deren Hilfe die biblischen Autoren und wir heute in aller Unvollkommenheit versuchen, einzelne Konsequenzen der Liebe Gottes zu etikettieren. Der evangelische Theologe und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer sagte dazu: „Wenn alles, was Menschen als ‚Liebe‘ verstehen und üben können, immer nur als menschliches Verhalten denkbar ist, dann bleibt hier ein Rätsel, was für die Bibel (!) ‚Liebe‘ sein könne. Die Bibel versagt uns aber die Antwort nicht. Sie heißt: ‚Gott ist Liebe‘. (1. Johannes 4, 16). Wir haben uns daran gewöhnt, das Wort ‚Liebe‘ zu betonen. Der Satz ist aber um der Klarheit willen mit der Betonung auf ‚Gott‘ zu lesen! ‚Gott ist Liebe‘, das heißt nicht ein menschliches Verhalten, eine Gesinnung, eine Tat, sondern Gott selbst ist Liebe. Niemand aber kennt Gott, es sei denn, dass Gott sich ihm offenbare (1. Johannes 4, 7).

Nicht ein Verhalten des Menschen, sondern das Verhalten Gottes ist Liebe!“

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