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Familie - Dasein für die anderen

Plädoyer

Man liest und hört heute immer wieder, dass Familie eher ein Auslaufmodell des verbindlichen Zusammenlebens ist. Größere Freiheit soll es geben, vielleicht auch Unverbindlichkeit. Heike und Christian Siegling halten dem ein leidenschaftliches Votum pro Familie entgegen, kein blauäugig stumpfes, sondern ein realistisch herzliches mit viel Lust, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Sie zeigen, wie gute Beziehung in Familie gelebt werden kann.

Wir bezeichnen unsere jetzige Lebensphase oft (scherzhaft oder leidvoll) als „Sandwich-Phase“: Sie ist geprägt durch die älter werdenden Eltern (oberes Brötchen) und die heranwachsenden Kinder (unteres Brötchen), dazwischen liegt das saftige (oder vielleicht auch schon etwas labberig gewordene eigene Beefsteak unserer Lebensmittekrise) und unsere Ehe ist das Ganze, was das alles zusammenhalten soll …

Für was werden wir dankbar sein?

Ein Wort voran: So sehr wir in manchen Augenblicken daran zweifeln, dem Abenteuer Familie wirklich gewachsen zu sein: Was zwischen Eltern und Kindern besteht, ist einzigartig schön. Ich kenne keine Eltern, die es bereut haben, Kinder bekommen zu haben, egal wie schwer manche Zeiten in der Familie auch waren. Ich glaube, es wird zu den wichtigen Dingen in meinem Leben gehören, Kinder großgezogen zu haben. Vielleicht werde ich sogar sagen: Es war das Wichtigste, was ich im Leben hervorgebracht habe. Ob berufliche Leistungen, Dienste in der Gemeinde, Reiseerlebnisse oder Besitztümer mir letztlich noch ebenso viel bedeuten werden? Ich bezweifle es. Es ist gut, sich das einmal mit etwas Abstand vom letzten Streit über den ausufernden Smartphone-Konsum des Teenies zu vergegenwärtigen und gleichzeitig zu versuchen, sich dieses Gefühl des Gesegnet-Seins und Dankbarkeit zu bewahren.

Ein schönes Bild für die Aufgabe der Eltern in der Phase der Ablösung der Heranwachsenden finden wir in 5. Mose 32, 11: Dort heißt es: „Ein Adler scheucht die Jungen aus dem Nest, damit sie selber fliegen lernen. Doch wachsam schwebt er über ihnen, und wenn eins müde wird und fällt, dann breitet er die Flügel unter ihm aus und fängt es auf und trägt es fort.“ So wie der Adler seine Jungen aus dem Nest wirft, damit sie flügge werden, so sollen auch wir Eltern unseren Kindern helfen, selbstständig und verantwortlich ins Leben zu finden. So wie der Adler sollen auch wir unseren Kindern helfen, ihnen Sicherheit geben und sie im richtigen Moment auffangen, wenn eine schwierige Situation eintritt.

Kürzlich erst gab es so einen Moment, als der Partner bzw. die Partnerin eines unserer Kinder die Freundschaft für beendet erklärt hatte – und das kurz vor einem geplanten gemeinsamen Urlaub zu zweit. Diese Nachricht erreichte Heike und mich selbst grade beim „Ansegeln“ auf einem Katamaran rund um Mallorca. Kurzerhand boten wir an: Setz dich in den nächsten Flieger und komm zu uns! Dann verbringst du mit uns (Alten) eine Woche auf dem Schiff und der frische Wind bläst dir den Kummer vielleicht ein wenig aus dem Kopf!“ Und so haben wir es dann tatsächlich gemacht, und mittlerweile gibt es für diese Situation auch schon wieder den einen oder anderen Lichtblick …

Der andere Lebensstil

Kinder loslassen heißt auch, sich nicht angegriffen zu fühlen, wenn Kinder einen anderen Lebensstil oder Lebensweg einschlagen: Es ist das Beste und Wertvollste, was wir unseren Kindern mitgeben können, die „Komme-was-da-wolle-Liebe!“. Egal, was du tust; egal, was passiert wir stehen zu dir und haben dich lieb! Das ist vielleicht besonders für christliche Eltern eine Herausforderung, wenn ihre Kinder gerade vielleicht keinen christlichen Lebensstil haben und pflegen. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir in der gesamten Erziehungszeit nur ein einziger Einflussfaktor sind und unsere Kinder immer auch noch eine eigene Entscheidung haben. Wir sollten diese Entscheidungen unserer erwachsenen Kinder respektieren und akzeptieren, auch wenn wir nicht immer der gleichen Ansicht sind. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass die in der Kindheitsphase und gemeinsamen Familienzeit gesäten Samen nicht völlig vergessen sind. Ermutigend war zu erleben, dass wir mit unserem erwachsenen Kind auf dem Segelkatamaran in Mallorca dann auch diese Notlage im Gebet gemeinsam vor Gott bringen konnten, was schon ein besonderes Ausnahmeerlebnis bedeutete.

Zu Hause aber äußerte unser Kind: „So, jetzt reicht es mir bei euch! Das ist mir hier viel zu stressig, ich fahre wieder in meine eigene Wohnung!“ Und das war und ist auch gut so für uns alle, und es war schön zu sehen, dass sich unser erwachsen gewordenes Kind auch das Alleineleben in schwierigen Situationen zutraut und doch bereit war, seine Not uns Eltern zu offenbaren und wir unseren Teil zur Hilfe und Lösung beitragen durften.

Funktioniert Familie eigentlich noch?

Gemeinsame Familienzeiten sind sehr selten geworden, nur noch das jüngste unserer Kinder (das gerade eine Berufsausbildung macht) wohnt bei uns Zuhause. „Lebt mit uns zusammen“, wäre schon fast eine Übertreibung, denn nach dem Feierabend verschwindet es oft auch gleich wieder, um mit Freunden zusammen zu sein. Wir merken, Familienalltag löst sich auf, nein: Hat sich schon aufgelöst. Zusammenleben mit unseren erwachsen gewordenen Kindern hat eher WG-Charakter.

Wenn wir die Beziehung zu unseren Kindern suchen, dann müssen wir ihnen hinterhertelefonieren oder WhatsApp-Nachrichten schicken oder sie langfristig zu Familienfeiern einladen. Mögen solche gemeinsamen großen Feierrunden in manchen Familien vielleicht große Auseinandersetzungen und Stressfaktoren bedeuten, kommt bei uns eigentlich jeder gerne, der es irgendwie einrichten kann. Das sind dann oft auch Highlights, wenn sich alle wieder einmal (wie in früheren Zeiten) um den großen Esstisch versammeln und man aktuelle Erlebnisse austauschen kann. Aber es ist unsere Herausforderung, für diese Gelegenheiten zu sorgen.

„Es ist das Beste und Wertvollste, was wir unseren Kindern mitgeben können, die „Komme-was-da-wolle-Liebe!“

In der eigenen Lebensmitte zu sein, heißt aber nicht nur zu erleben, wie die Kinder langsam groß werden und sich abnabeln, sondern auch wahrzunehmen, dass die eigenen Eltern alt werden. Sehr hat es mich (Heike) aufgewühlt, als meine sehr selbstständigen Eltern vor einigen Jahren mit einem Mal Hilfe brauchten, um das Geschäft aufzulösen und den Ruhestand zu

 regeln. „Haben meine Eltern nicht immer alles so gut im Griff gehabt? Haben sie nicht mich jahrelang unterstützt, in Notlagen aus der Patsche geholfen, mir – wo es ging – unter die Arme gegriffen? Und jetzt brauchen sie mich?“ Dieser Rollenwechsel trifft uns Kinder oft unerwartet und mit einem Schlag und zeigt uns, dass sich die Kräfte zwischen Eltern und Kindern verschieben. Ich merkte, dass meine Eltern auf meine Hilfe zunehmend angewiesen waren. Wie gehe ich damit um? Was bin ich da bereit zu geben? Hat sich der „Generationenvertrag“ heute so geändert, dass Eltern auch für die letzte Strecke ihres Weges allein verantwortlich sind, oder muss „Eltern ehren“ mehr beinhalten als im Herzen verbunden zu sein, einen guten Heimplatz zu finden und gelegentlich zu Besuch zu kommen?

Wir können und müssen Unterstützung anbieten und doch Grenzen setzen: Wofür bin ich zuständig und wofür nicht? Ich bin kein Kind mehr, welches herumkommandiert wird. Ich entscheide und helfe selbstständig. Ich regle, wo ich helfen muss, und plane mir ebenso freiwillig schöne Zeiten ein. Gleichzeitig ist es aber wichtig, die alternden Eltern, die uns vielleicht mit ihrem manchmal dementen und schwierigen Verhalten selbst an Kinder erinnern, als immer noch erwachsene und mündige Personen zu behandeln und nicht die Elternrolle umzukehren. 

Was ist, wenn ich alt werde?

An unseren Eltern nehmen wir die eine oder andere Macke wahr, die das Älterwerden mit sich bringt und verstärkt. Ich frage mich gleichzeitig: Wie ist das, wenn ich alt werde? In welcher Verfassung werde ich dann sein? Welche Macken werde ich meiner Familie, meiner Umgebung zumuten (müssen)? Dieses unmittelbare und verstärkte Zusammentreffen mit den eigenen Eltern bedeutet oftmals auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, den Erlebnissen und Prägungen der Kindheit: Was habe ich von meinen Eltern bekommen können und was nicht? Was hätte ich mir immer gewünscht, habe es aber nie erhalten? Wo haben mich meine Eltern verletzt, wo habe ich es zugelassen, dass ich darüber bitter geworden bin? Alte Bitterkeiten hindern uns, die neue Beziehung so zu gestalten, wie ich es kann und möchte. Vergebung aber schenkt Freiheit. In einer Situation habe ich das besonders gespürt: Mein Vater lag im Pflegebett im Krankenhaus, konnte aber den an dem Bettgalgen über ihm hängenden Klingelknopf nicht bedienen. Ich wollte ihm helfen und er schnauzte mich an: „Du hast doch keine Ahnung!“ Ich zuckte zusammen, denn genau diesen Satz hatte ich noch bitter im Herzen, weil er mir den in meiner Kindheit schon vorgehalten hatte. Jetzt war die Situation eine ganz andere: ER brauchte MEINE Hilfe, und obwohl klar war, dass ER in diesem Fall keine Ahnung hatte und auf meine Unterstützung beim Erreichen des Klingelknopfes angewiesen war, wühlte mich die Situation sehr auf und erinnerte mich an diese Nadelstiche in meinem Herzen. Alter Schmerz und Ärger kamen wieder hoch. So will ich nicht behandelt werden. Von niemandem und auch heute nicht. Jetzt aufzubrausen, wäre kindisch und sinnlos gewesen. Ich merkte wieder einmal:  Ich muss, will und kann Frieden schließen durch Vergebung!

Wenn wir zwangsläufig mit dem Älterwerden unserer Eltern konfrontiert werden, stellt sich unweigerlich auch für uns die Frage: Wie lange dauert das noch, bis es mir so ergeht? Was möchte ich bis dahin noch erlebt haben? Habe ich die Weichen in meinem Leben richtiggestellt? Wie möchte ich die nächsten 20 Jahre verbringen? Was möchte ich verändern? Hier ist es wichtig, dass jeder zu sich selbst eine gute Beziehung findet. Die Aufrechterhaltung eines bestimmten Status Quo und rein verstandesmäßige Logik („Ich muss eine gute Mutter und Hausfrau sein.“ oder „Schau mal, was ich alles investiert habe!“) helfen nicht wirklich bei der Bewältigung dieser Herausforderungen. Sondern ein Umfeld, das Spielraum beim Herausfinden der eigenen Sehnsüchte und Wünsche ermöglicht und fördert. Möglicherweise sind das Ideen und Träume, die die letzten 20 oder 30 Jahre wegen der Familienzeit nicht umgesetzt werden konnten. Die in einem schlummern, vielleicht schon fast beerdigt sind. Manchmal braucht man Hilfe beim Finden dieser Beziehung zu sich selbst. Der langjährige (Ehe-)Partner, aber auch gute Freunde oder ein professioneller Coach, können einem in dieser Phase zum vorwärtsbringenden Sparringspartner werden. Denn nur, wer eine gute Beziehung zu sich selbst hat, kann auch Beziehungen in der Familie ausgewogen und entspannt gestalten.

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