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Der Gott, von dem wir reden

Leitartikel

Die einen behaupten steif und fest, es gibt nur einen Gott und der ist Ursprung aller Religionen und Glaubens. Die anderen sagen, das sei Unsinn und die Wirklichkeit sei weitaus komplizierter. Sind Sie bereit?

„Wir reden alle immer von dem einen und selben Gott, denn es gibt nur einen, und der liegt allen Religionen zugrunde und eint sie im Kern“. Auf der Suche nach Antworten hatte ich mich aufgemacht zum Interreligiösen Kongress der Universität Osnabrück und wollte wissen, was man dort so spricht und lehrt über das Interreligiöse. Geladen waren Redner sowohl der evangelischen als auch der katholischen Fakultät sowie Gelehrte des Islam und Judentums. Geboten wurden Impulsreferate, Podiumsdiskussionen und Möglichkeiten ausführlicher Pausengespräche. Gekommen waren 216 Vertreter der genannten Glaubensrichtungen, unter ihnen zahlreiche Studenten und Studentinnen. Mit einer sprach ich über interreligiöse Gottesdienste und fragte, welcher Gott im Zentrum stehe, wenn verschiedene Religionen gemeinsam anbeten. Ihre Antwort haben Sie bereits gelesen, ganz am Anfang dieses Beitrags.

Wenn ich mein allgemeines Bauchgefühl ausdrücken sollte, dann klänge das so: Die theologischen Positionen der evangelischen Gelehrten waren ausweichend, sich verlierend im steten Bemühen, politisch korrekt zu sein und möglichst nichts zu sagen, was irgendwen kompromittieren könnte. Die katholische Vertreterin ließ es an Deutlichkeit dagegen nicht so sehr mangeln. Und wirkte dabei ausgesprochen charmant und herzlich. Die innere thematische Festlegung der angereisten Rabbiner ist mir bis heute schleierhaft, ich kann nicht mehr sagen, wofür oder wogegen sie waren. Was ich ganz anders in Erinnerung habe von den Islamwissenschaftlern. Die traten mit einem Sendungsbewusstsein ans Rednerpult, das seines Gleichen suchte, argumentierten mit Versen der Bibel für ihre muslimische Position und hinterließen bei mir den Eindruck, ein ganz bestimmtes Ziel mit großer Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit zu verfolgen. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, waren deren Vorträge die Markantesten, schienen sie am überzeugtesten von ihrer Mission. Gefolgt von der katholischen Professorin, die ich bereits erwähnte. Alle anderen dahinter weit abgeschlagen, farblos, verschwunden. Aber das ist ja nur mein Bauchgefühl.

Was würden die Studenten als Pfund für ihr Leben und Arbeiten aus diesem Kongress mitnehmen? Was die Vertreter der Gemeinden? Was würde am Ende des dreitägigen Kongresses als Aussage dastehen – als etwas, das man mitnehmen und worauf man bauen kann? Machen wir einen Sprung von meinem Bauch zu meinen Notizen.

Dr. Muhammad Sameer-Murtaza

„Der säkuläre Staat darf sich mit keiner Religion identifizieren. Er muss allen Religionsgemeinschaften den gleichen Platz und den gleichen Anspruch auf Wahrheit zuweisen.“ Das fordert Dr. Muhammad Sameer-Murtaza und betont gleichzeitig, dass es für Muslime aufgrund der sehr unterschiedlichen Prägungen und Strömungen nicht möglich wäre, eine ähnliche Struktur aufzubauen wie die der beiden großen Kirchen in Deutschland. Ein Oberhaupt aller Muslime sei nicht vorstellbar. Sameer-Murtaza fragt, „ob die privilegierte Stellung der Kirchen in Deutschland noch vertretbar ist?“ und fordert die gleichen Rechte für den Islam, wie sie die christlichen Kirchen genießen. Und bleibt bei seiner Feststellung, dass der Islam so vielfältig ist, dass er niemals eine kirchenähnliche Struktur annehmen wird. Er vergleicht Muslime, die den deutschen Staat ablehnen, mit den Zeugen Jehovas, die das auch tun, prangert die herrschende Muslimfeindlichkeit in unserer Gesellschaft an und sagt, Muslime dürfen das nicht als unveränderbar hinnehmen, sondern müssten mutig für Gott werben. Eine Differenzierung der Gottesbegriffe gibt er nicht. Aber er schließt mit dem Zitat Jesaja 40,30: „Aber alle, die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.“ In der anschließenden Podiumsdiskussion fordert er islamische Lehrstühle, um den nicht gelehrten Muslimen, die in sozialen Netzwerken Anhänger suchen und nicht für den Islam sprechen könnten, Einhalt zu gebieten. Der Wiederspruch zu seiner eben gemachten Aussage, dass es so etwas wie „den einen Islam“ nicht gibt, scheint weder ihm noch den anderen Diskutanten aufzufallen oder wichtig zu sein. Die Runde schließt mit dem Statement des Moderators Prof. Dr. Roland Czada vom Institut für Sozialwissenschaften: „Die Religion darf nicht entscheiden, was richtiger Glaube im Sinn von Antworten auf die Fragen des Lebens ist. Das legt allein das Individuum fest.“

Prof. Dr. Jörg Imran Schröter

„Der Islam ist etwas sehr Individuelles“, sagt er. Und: „So wie jeder Christ sein eigenes Verständnis von Religion und Ausdruck hat, hat es auch jeder Muslim“. Dann fährt er fort und meint: „Der Islam kann nicht reformiert werden, weil es etwas wie den Islam ja gar nicht gibt. Maximal könne man die Wissenschaften reformieren.“ Schröter beschreibt die Reformation des Islam dann als „eher eine geistige, rückwärtsgewandte Stag-nation in Zeiten äußerer Bedrohung“ und meint: „Viel von dem, was wir heute erleben, ist die Reaktion auf die Demütigungen der westlichen modernen Welt in islamischen Gebieten.“ Abschließend fasst er zusammen: „Wenn Deutschland mehr islamische Bildung auch an den Schulen zuließe, würden all die extremen Positionen der Laien-Muslime verhindert und zurückgedrängt.“

Dass ich von den Vorträgen der anderen Referenten keine Notizen gemacht habe, mag ein seltsames Detail sein. Oder eines, das etwas über den jeweiligen Inhalt Auskunft gibt. Zusammengefasst wird die Konferenz von der NDR-Journalistin Katharina Lohmeyer mit den Worten: „Die Vertreter der muslimischen Religion haben immer wieder darauf hingewiesen, dass sie nicht bereit sind, sich der bekannten Struktur der Körperschaft des öffentlichen Rechts anzuschließen, sondern dass es nur selbstgeschaffene Strukturen sein dürfen und das Land dieses anzuerkennen habe.“ Und sie bemerkt, ihr falle auf, „dass es deutlich viele Deutsche sind, die zum Islam konvertieren und islamische Theologie studieren oder sie unterstützen.“ Über die anderen Beiträge bemerkt sie nichts.

Hier komme ich nicht weiter

Welche Religionen gibt es nochmal, und welche davon beziehen sich auf Gott? Die Buddhisten nicht. Sie schreiben auf der Webseite buddhateens.org über sich selbst: Eine Religion ohne Gott ist den meisten Menschen unverständlich. Tatsächlich ist der Buddhismus jedoch eine Lehre, die ohne Gott auskommt. Er ist daher atheistisch (sich auf keinen Gott beziehend) oder gottfrei. In der buddhistischen Mythologie erscheinende “Götter” oder “Gottheiten” sind nicht wirklich existent, sondern lediglich Sinnbilder (Metaphern) bestimmter Bewusstseinszustände.

„Verschiedene Intellektuelle und Heilige ließen die verschiedenen Götter und Göttinnen entstehen, um den verschiedenen Bedürfnissen der Massen zu entsprechen oder befriedigen.“

Bleibt anzufügen, dass auch Buddha keine Göttlichkeit beansprucht. Buddha ist kein Erlöser, kein Heiland, kein Gesandter Gottes, kein Prophet. Er ist ein gewöhnlicher Mensch, der seine Einsichten lehrend verkündete. Im Buddhismus ist kein Glaube (Fürwahrhalten) gefordert. Angesprochen ist allein die eigene Einsichtsfähigkeit. Gibt es keinen allmächtigen Gott, dann gibt es auch keine von einem allmächtigen Wesen erschaffene Welt. Der Buddhismus betrachtet die Entstehung von Welt und Kosmos auf der Grundlage einer dynamischen, fortschreitenden und sich selbst steuernden Entwicklung ohne göttlichen Eingriff. Zitatende. So scheidet diese Richtung also schon mal aus, wenn es um die Frage nach Gott geht.

Die Hindus kennen zwar einige Hauptgötter, haben dann aber noch rund 330 Millionen andere Gottheiten. Auf der Webseite hinduismus.ch wird das so beschrieben: Der Hinduismus zentriert sich weder um Götter noch um einen Gott und geht nicht aus einer den Menschen ausgedrückten Offenbarung hervor. Die hinduistische Religion ist grundlegend identisch mit dem Leben an sich; Lebenszyklen der Menschen und auch der Tiere und der Natur bilden ihre Grundlage. Die religiöse Praxis besteht darin, in Harmonie mit diesen Zyklen zu leben. Die Religion hilft außerdem dabei, dass die Wesen diesen Lebensläufen irgendwann entrinnen können und die höchste Stufe erreichen, von der es keine Wiederkehr mehr gibt. Hinduismus versteht sich in seiner Wirklichkeit als sanaatana dharma, also das Gesetz der guten Ordnung, die ewig besteht und weder Ursprung noch Ende hat. Die vedischen Hauptgötter umfassen beispielweise Indra für Regen, Sturm, Himmel und die Fruchtbarkeit, Varuna für Gesetz, Ordnung und Wahrheit. Agni ist zuständig für Feuer, Surya für die Sonne, Soma für Getränk, Yama ist der Totengott und Vayu kümmert sich um den Wind. Zu den Göttinnen gehören Erde, Kuh, Usha und Saraswati. Die Hauptgötter umfassen Brahma, Vishnu, Shiva, Ganapati und Subramanya. Die Hauptgöttinnen sind Lakshmi, Saraswati und Parvati. Warum es so viele Gottheiten gibt? Menschen unterscheiden sich in ihrem Geschmäckern, ihren geistigen Fähigkeiten und intellektuellen Ebene. Verschiedene Intellektuelle und Heilige ließen die verschiedenen Götter und Göttinnen entstehen, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Massen zu entsprechen oder sie zu befriedigen. Alle Götter gehören zum Unbegrenzten. Lediglich die Formen, die man dieser unbeschreiblichen Wirklichkeit zuweist, variieren. Ebenfalls raus: Polytheismus, Vielgötterei, kein Bezug zu einem Gott, geschweige denn dem der Bibel.

Bleiben die drei großen bekannten monotheistischen Religionen übrig. Die also, die sich auf einen Gott beziehen. Das Judentum als die älteste, gefolgt vom Christentum und schließlich dem Islam.

Gott im Judentum

Auf israelogie.de erklärt Markus Rehberg, wie ein Jude in den Himmel kommt. Er lehnt sich dabei an das gleichnamige Werk Rabbi Lionel Blues an, der 1930 in London geboren ist und dem reformierten Judentum angehört. Rabbi Blue versucht in seinem Buch vor allem den nichtjüdischen Personen die Spiritualität des Judentums näherzubringen. Seine Thesen machen vor allem deutlich, dass man sich als Jude nicht die Frage nach Erlösung stellt. Es stellt sich eher die Frage nach dem richtigen Handeln in jeder Lebenssituation. Traditionelle und reformierte Juden beschäftigen sich nicht groß mit der Frage des Jenseitigen. Für sie ist klar, wenn sie am Jom Kippur (Versöhnungstag) mit aufrichtigen Herzen zu Gott beten und den ganzen Tag fasten, dann haben sie an dem Leben nach dem Tod Anteil. Noch besser ist es, wenn sie während der Zeit vom Neujahrs- und Versöhnungsfest gute Taten vollbringen. Auch sollten sie bei anderen um Vergebung für Fehler bitten, die im zurückliegenden Jahr begangen wurden. Orthodoxe oder ultra-orthodoxe Juden dagegen sind überzeugt, dass reformierte oder traditionelle Juden keinen Anteil an der zukünftigen Welt haben werden. Denn für orthodoxe Juden leben diese nicht nach dem Willen Gottes. Sie halten die 613 Ge- und Verbote nicht korrekt nach dem Willen des Allmächtigen ein. Deshalb sieht man oft auch orthodoxe Juden auf dem Markt in Israel. Sie versuchen u. a. traditionelle Juden dazu zu animieren, dass sie sich die Gebetsriemen anlegen und beten. Ihrem Verständnis nach wird Israel erst Frieden und Wohlstand haben, wenn sich das gesamte Judentum an die Gebote und Weisungen Gottes hält, so wie sie diese verstehen.

Gott im Christentum

Nehmen wir zu Hilfe, was Wikipedia.org sagt: Das Christentum und die christlich beeinflusste Philosophie gehen davon aus, dass es einen einzigen Gott (griech. ϑεός, lat. deus) gibt. Die christlichen Vorstellungen Gottes erfuhren im Laufe der Zeit mehrere Änderungen. Das Christentum ging aus dem hellenistischen Judentum hervor und wurde sowohl von den jüdischen Gottesvorstellungen, aber noch mehr von der griechischen Philosophie beeinflusst. Im frühen Christentum hatte sich noch kein weithin akzeptierter Satz von christlichen Dogmen etabliert, so dass mehrere große christliche Glaubensrichtungen und Kirchen mit sehr unterschiedlichen Gottesvorstellungen koexistierten. Das Erste Konzil von Nicäa brachte u. a. das Glaubensbekenntnis hervor, das den einen Gott in Form der heiligen, göttlichen Dreieinigkeit aus den drei göttlichen Personen Gott dem Vater, Gott dem Sohn und dem Heiligen Geist beschreibt. Gemäß diesem Glaubensbekenntnis wurde Jesus Christus von der menschlichen Gottesmutter Maria geboren, war sowohl Mensch als auch Gott und wurde unter römischer Justiz als Krimineller durch Kreuzigung hingerichtet.

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Gott im Islam

Im frühen 7. Jahrhundert nach Christus wurde der Islam auf die Offenbarungen des Propheten Mohammed (570 – 632 nach Christus) hin in Arabien gegründet. Auf religion-ethik.de finden wir einen kurzen Abriss zur Entstehung und Bedeutung: Mohammed lebte in Mekka und Medina und empfing im Laufe seines Lebens immer wieder Botschaften von Gott. Diese Offenbarungen (Suren) sind im Koran gesammelt. Das arabische Wort Islām (islām/) leitet sich als Verbalsubstantiv von dem arabischen Verb aslama („sich ergeben, sich hingeben“) ab und bedeutet in etwa „Unterwerfung (unter Gott)“, „völlige Hingabe (an Gott)“. Die Bezeichnung für denjenigen, der dem Islam angehört, ist Muslim. Die eigentliche Bedeutung von Muslim ist also „derjenige, der sich (Gott) hingibt“. 

Mohammed ist für Muslime der letzte und wichtigste einer ganzen Reihe von Propheten und Patriarchen. Auch die biblischen Gestalten Abraham, David, Isaak, Jakob oder Mose gehören dazu. Sogar Jesus gilt als einer dieser Propheten, allerdings nicht als Gottes Sohn. Nach der Lehre des Islam gibt es nach Mohammed, dem Vollender aller Offenbarungen, keine göttlichen Sendungen mehr. In der 26. Nacht des Monats Ramadan 610 nach Christus soll Mohammed seine Berufung erlebt haben. Mohammed meditierte in einer Höhle auf dem Berg Hirâ nordöstlich von Mekka, die bereits damals Handels- und Pilgerstadt war. Während dieser Meditation ist Mohammed der Engel Gabriel erschienen und hat ihm Gottes Wort verkündet. Von diesem Zeitpunkt an warb Mohammed für den Glauben an den einen und einzigen Gott, an Allah. Allah wird als allmächtiger Schöpfer, Herr des Universums und barmherziger Richter der Menschen bezeichnet. Mohammed selbst ordnete sich als Erneuerer der Religion Abrahams ein, welche Juden und Christen verfälscht hätten. Demnach lehnt sich der Islam zwar an die christliche Lehre an, versteht sich aber auf direkte Anweisung des Engels Gabriel als dringend nötige Weiterentwicklung beziehungsweise Ablösung des Christentums. „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed der Gesandte Gottes ist.“ Dies ist das die shahâda, das Glaubensbekenntnis. Jeder, der Muslim werden will, muss diesen Satz vor Zeugen sprechen. Er gilt den Muslimen auch als Abgrenzung zur christlichen Trinität, bei der sich Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart. 

Auf die Überzeugung kommt es an

Betrachtet man Religion aus geisteswissenschaftlicher Sicht, wird man kaum umhinkommen, die Unterschiede zu bemerken. Jede für sich weicht in wesentlichen Punkten derart deutlich von den anderen ab, dass es absurd ist zu glauben, sie würden denselben Gott anbeten. Gott ist Gott. Er sagt, „Ich bin, der ich bin“ und er fordert die Menschen heraus, ihn zu suchen. Dabei gibt es manches zu entdecken. Und zum Staunen.

Magazin Sommer 2017