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Auf der einen Seite Gott, auf der anderen die Welt?

Persönlich

Was einem nicht alles einfällt, wenn man mal erst anfängt, Fragen zu stellen. Die nach Gott zum Beispiel und danach, wo der heute in der Welt zu finden ist. Wenn er denn zu finden ist. Bettina Becker ging für uns diesem Gedanken nach und schrieb auf, über was sie dabei stolperte.

Gott und die Welt. Manchmal macht mich diese Welt unsicher. Dann, wenn ich die Nachrichten lese, aber auch dann, wenn ich mich in meiner Stadt umschaue. Dann frage ich mich: Wo ist Gott denn hier? Ich finde, er ist manchmal wirklich schwer zu entdecken. Und ich sehe so viele Dinge, die nicht gut laufen, Menschen, die unter unfairen Bedingungen leben, die leiden, so dass es mir wie zwei komplett unterschiedliche Sphären vorkommt: Auf der einen Seite ist Gott – auf der anderen die Welt. Ich bin aufgewachsen mit einem Bild von hell und dunkel. Drinnen und draußen. Drinnen, das war die Gemeinde oder die Kirche, und draußen, das war die „Welt“. Drinnen war es hell, und draußen war es dunkel. Drinnen war Gott, draußen nicht. Und unsere Aufgabe war es, dann manchmal nach draußen zu gehen und ein Licht ins Dunkle zu bringen. Oder eine Brücke zu bauen zwischen Gott und dieser Welt. Eine schöne, aber auch etwas beängstigende Vorstellung. Denn so ein „Draußen“, so ein „Dunkel“ macht mich zuerst einmal unsicher. Aber: ich sollte mich irren – zum Beispiel im Jugendclub „Knast“.

Was haben wir im Knast verloren?

Kurz nachdem mein Mann Simon und ich nach Magdeburg gezogen sind, haben wir bei einem seiner Konzerte einige Jugendliche kennengelernt. Sie luden ihn ein, bei ihnen im Jugendclub aufzutreten. Der Jugendclub heißt "Knast", weil das Gebäude ein ehemaliges Stasi-Gefängnis ist. Kurz vor Ostern sollte dort eine Disco stattfinden, und sie waren der Meinung, es sei eine gute Gelegenheit, dass Simon dabei ein paar seiner Songs singen sollte. Naiv freuten wir uns über die Einladung und sagten zu. Als wir den Jugendclub betraten, war die Disco schon in vollem Gange. Man verstand sein eigenes Wort nicht, dafür aber überdeutlich die Texte der Songs. Texte, die ich nicht hören wollte. Texte, die ich auch hier nicht wiedergeben will. Texte, die menschenverachtend, erniedrigend, obszön und gewaltverherrlichend sind. Eigentlich ein Grund, direkt wieder zu gehen, vor allem, wenn man an das Lied „Pass auf, kleines Ohr, was du hörst“ denkt. Irgendwie hätte ich mir gewünscht, dass jetzt mal jemand „herausspaziert“ sagt, mich an die Hand nimmt und wieder zurück in so einen netten Jugendraum mit christlichen Sonnenuntergangspostern setzt, aber da kam keiner. Also blieb ich.

Und die Jugendlichen grölten mit. Während Simon seine Instrumente aufbaute, hatte ich Gelegenheit, mich ein wenig umzuschauen. Es gab eine Bühne, deren hintere Wand mit Graffitis gestaltet war: Übergroße Menschen zielten dort mit Pistolen in den Raum, Blut spritzte und manche der gemalten Figuren waren sehr spärlich bekleidet. Auf der Bühne war eine Stange, an der gerade ein ungefähr sechsjähriges (und das ist jetzt kein Schreibfehler!) Mädchen aus Spaß tanzte. Das alles wollte in dieser kurzen Zeit gar nicht in mein Hirn hinein. 

Ich sah Simon, der sein Keyboard aufbaute, dachte kurz an seine Lieder, sowohl von der Art als auch vom Inhalt, und wollte ihm ins Ohr flüstern: „Tu das nicht! Lass uns von hier so schnell wie möglich verschwinden. Wir haben hier nichts verloren!“ Aber meine Gedanken erreichten ihn nicht, und so ging er scheinbar unbeirrt auf die Bühne. Ich wäre am liebsten verschwunden und stellte mich auch schon mal vorsichtshalber in die Nähe des Ausgangs mit dem Autoschlüssel in der Hand. 

Dann ging es los. Simon schlug die Tasten an und sang. Ein Lied, das ich sehr gerne mag: „Save in my hands.“ Eine sehr ruhige Ballade, in der es um Sicherheit bei Gott geht – ich fragte mich kurz, ob es etwas Unpassenderes für diesen Moment gab? Doch dann traute ich meinen Augen und Ohren nicht als ich sah, dass die Jugendlichen sich plötzlich in den Armen lagen, ihre Feuerzeuge hochhielten und begannen, mitzusingen. Sie kannten den ganzen Text vom letzten Konzert noch auswendig, riefen nach einer Zugabe und waren anschließend stolz, selbst ins Mikro singen zu dürfen! Was für eine Stimmung. Die Disco vorher, das Bühnenbild, Simon davor – und dann dieses Lied!

Einige Wochen später luden uns die gleichen Jugendlichen zu einem 16. Geburtstag ein. Ein bisschen außerhalb an einem See. Mit dem Bollerwagen wurden die alkoholischen Getränke zum See gekarrt. Es war feuchtfröhlich. Aus einem Ghettoblaster kamen wieder harte Texte, und neben Zigaretten wurde vermutlich noch alles Mögliche sonst geraucht. Wieder so ein Ort, an dem wir eigentlich nichts zu suchen hatten. Doch irgendwann meinte das Geburtstagskind: „Jetzt will ich noch ‚Immer und überall‘ singen“ (ein Kinderlied von Daniel Kallauch)! Mir klappte die Kinnlade runter. Ich wusste, dass sie das Lied sehr mochte. Wir hatten es auf dem Sommerlager manchmal gesungen, aber hier, mit all ihren Kumpels war doch bestimmt nicht der richtige Ort!? Aber sie wollte. Simon griff zu einer Gitarre, und so saßen wir zwischen leeren und vollen Bierflaschen und sangen aus voller Kehle: „Vom Anfang bis zum Ende hält Gott seine Hände über mir und über dir.“ Dann wurde weitergefeiert. Als wir lange nach Mitternacht nach Hause gehen wollten, kam das Geburtstagskind noch zu mir und meinte: „Bettina, betest du noch für mich?“ Ich wollte gerade ganz dezent mit ihr ein wenig zur Seite gehen, als eine ihrer Freundinnen rief: „Ey, das macht ihr aber nicht alleine! Wir wollen alle!“ Also hielten wir uns plötzlich mit 10 Jugendlichen an den Händen und ich betete. Manche waren schon ein wenig wackelig auf den Beinen, aber das tat dem Gebet keinen Abbruch. Gott hört zu, wenn jemand zu ihm kommt. Egal in welchem Zustand.  

Das, was wir tun, ist mehr, als wir tun.

Wir hatten da wirklich nichts zu suchen, haben aber viel gefunden. Und zwar Gott. Der war nämlich schon da, mitten im Trubel. Er ist immer schon da. Auch dort, wo wir nicht mit ihm rechnen. Wir müssen ihn nicht erst hinbringen, wir dürfen ihn entdecken – gerade da, wo es dunkel scheint.  Ja, Gott ist in dieser Welt. Und er will sie heller und schöner machen. Nicht umsonst sollen wir beten „Dein Reich komme, wie im Himmel so auf Erden“. Ich bin sicher, er wird diese Welt nicht aufgegeben. Er wird sie verwandeln! Nicht auf magische Weise, nicht durch einen Helden, der plötzlich vom Himmel fällt, sondern durch und mit uns. Die erzählten Geschichten aus dem „Knast“ sind nur der Anfang, der Anfang von jahrelangen Beziehungen und Freundschaften, von Höhen und Tiefen, von Begleitung, Gespräch, Gebet, von Hoffnung und 

Scheitern. Von Fußballspielen und Schlägereien. Von der Suche nach kreativen Ideen, von Kooperationen mit Schulen und Sozialarbeitern. Weil wir hoffen. Weil wir glauben. Und weil Gott verspricht: „Das, was ihr tut, ist mehr, als das, was ihr tut.“ Nachzulesen im ersten Brief an die Korinther, Kapitel 15, Vers 58. 
Gott und die Welt, das heißt für mich: Wir und die Welt! Als Ansporn und als Hoffnung. Wir sind aufgefordert, diese Welt so kennenzulernen, wie sie ist, und uns dann mit allem, was wir haben und sind, hineinzubegeben. Sie heller und schöner zu machen. Mit dem einzigartigen Wissen: Er ist schon längst da.

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