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Über Freude, Neugier und den Schluck aus der Feldflasche

Standpunkt

Wie Frauen wohl die Bibel lesen, haben wir uns gefragt. Wie sie sich und womit sie sich beschäftigen. Und Männer auch. Sind die Zugänge so unterschiedlich, wie man meinen möchte? Dass Frauen und Männer anders sind, haben wir begriffen. Ist es ihr Umgang mit dem Wort Gottes auch? Zwei, die ihr Leben in evangelischen Kommunitäten dem Dienst und dem Wort Gottes gewidmet haben, geben einen sehr persönlichen Einblick. Die Dame zuerst.

Da steht die Frage vor mir: „Wann habe ich eigentlich angefangen, die Bibel regelmäßig zu lesen?“ Sicher noch nicht als kleines Mädchen in der Kindheit, in der zwar Kinderbibel, altehrwürdige Bibel-Ausgaben im Studierzimmer meines Vaters mein Interesse weckten. Ich kannte auch viele, vom Vater bildreich erzählte, Geschichten des Alten und Neuen Testaments. Das eigenständige Lesen in Gottes Wort aber wurde erst eine unverzichtbare Größe, als ich mein Leben mit 18 Jahren Gott bewusst übergab. Aber die „Vorstufen“ im Entdecken von Gottes Wort spielten dabei eine große Rolle und ließen die Ehrfurcht in mir wachsen, die bis heute spürbar ist. Welche Größen spielen beim Bibellesen eine Rolle?     

Die Augen

Das klingt banal, ist aber wichtig, um vom Sehen zum Schauen zu kommen. Wo steht’s, was ich lese?  Im Alten oder im Neuen Testament, in Psalmen oder Briefen? Handelt es sich um einen Jesus-Bericht? Irgendwie gehe ich unterschiedlich mit den Textstellen um, wobei die Evangelien immer eine Vorrangstellung haben. 

Die Ohren

Auch das Hören spielt eine große Rolle. Nicht nur, dass ich mehr von einem laut gelesenen Text habe, sondern die Stille danach ist für mich wichtig, um Gottes Reden mit mir wahrzunehmen. So wird aus dem akustischen Hören das Lauschen mit dem Herzen.

Der Verstand

Die Berichte vom Leben und Umgang Jesu mit seinen Jüngern enthalten immer wieder Stellen, in denen die Jünger nicht 
verstehen, was ihr Meister meint. Nicht immer trauen sie sich, ihn zu fragen. Aber er geht auf das mangelnde Verständnis ein und gibt ihnen eine Antwort. So muss auch ich meinen Verstand nicht ausschalten. Was verstehe ich nicht? Was stört mich in meinem Gerechtigkeitssinn? Woran reibe ich mich? Manchmal dauert es Wochen, Monate, Jahre, bis ich an solchen Stellen durch eine schlüssige Antwort weiterkomme. 

Das Herz

Es ist wichtig, dass es mir gelingt, so viel Zeit auf das Lesen einer Textstelle zu verwenden, bis ich wahrnehme, was mir davon auf’s Herz fällt. Was muss und möchte ich in meinen Alltag umsetzen? Worüber möchte ich gerne noch mit anderen austauschen? Wer fällt mir ein, dem das eine Hilfe sein könnte, was mich am Text gefreut oder gestärkt hat? Manchmal geht ein Wort auch nachhaltig mit in den Tag und taucht in ruhigeren „Alltags-Nischen“ wieder auf.                    

Der Text darf mich ansprechen

Es wäre aber sicher nicht richtig zu meinen, dass diese erwähnten Eindrücke auf vier verschiedenen Gebieten so säuberlich getrennt abliefen. Sie gehen vielmehr ineinander über, je länger ich das Bibellesen praktiziere. So entsteht im Laufe des Lebens eine echte Entdeckerfreude. Für mich ist es sehr wichtig, mich zuerst selbst vom Text ansprechen zu lassen, ohne ihn gleich mit einer bestimmten Absicht zu lesen. 

Mein größter Wunsch ist es, wenn ich mit anderen über die Bibel rede, dass Freude und Neugier bei ihnen geweckt wird. Freude und Neugier darauf, Gott in seinem Wort kennenzulernen und mit dem Wort der Bibel das Leben zu meistern.

Soweit Schwester Ursula Metz. Die ihren Beitrag übrigens nur mit Zögern schrieb. Weil sie meinte, nicht die Richtige dafür zu sein. Und sie schrieb ihn, ohne zu wissen, was Bruder Hubert Weiler zu Papier bringen würde. Hören wir also mal hin, was er zu sagen hat. Ein Mann. Manche, die ihn schon am Schlagzeug erlebt haben oder die Gelegenheit zu einem persönlichen Treffen hatten, würden ihn wohl sogar liebevoll einen „echten Kerl“ nennen.

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Morgens der erste Schluck

Zur Bibel habe ich drei Zugänge. Als Erstes nehme ich am Morgen beim Aufstehen den „Schluck aus der Feldflasche“, wie es der Essener Pfarrer Wilhelm Busch nannte: die Tageslosung aus dem Losungs-Heft der Herrnhuter Brüdergemeine. Vor dem Frühstück kommt dann als Zweites der in eben diesem Büchlein vorgeschlagene Tagestext. Und Drittens lese ich seit etlichen Jahren einmal im Jahr komplett durch die Bibel.

Was willst du mir jetzt sagen?

Vorab möchte ich aber meine Motivation zum Bibellesen unterstreichen: wo ich als junger Christ mehr oder weniger unter einem „frommen Druck“ stand, bestimmte Formen und Dauer der Bibellese einzuhalten, ist das einer echten Freude auf Gottes Wort und einer Erwartungshaltung gewichen, mit dem begleitenden Gebet: „Herr, was willst du mir jetzt sagen, mich ermutigen, korrigieren?“  Manchmal schreibe ich nach dem still betenden Lesen des Tagestextes auch was, was mich bewegt hat. Ich bin überzeugt, dass sich das Bibellesen ausschließlich „im positiven Bereich“ – wie ich es nenne – bewegt. Ich muss also keine Leseleistung vor Gott erbringen, sondern er will mich durch das segnen, was ich von ihm lese und erfahre. Ob es an einem Tag mehr oder weniger ist, spielt keine Rolle.

Dem Vertrauen keinen Abbruch

Das Bibellesen hat dazu beigetragen, mein Gottesbild zu verändern: ich bin mit einem guten Vater, einem geliebten Herrn unterwegs, der mich beschenken will – auch durch sein Wort. Ich bin dankbar, dass Gott mir seit Beginn eine kindliche Haltung zu seinem Wort erhalten hat. Ich glaube es von A bis Z. Wenn ich was nicht verstehe, dann tut es meinem Glauben und Vertrauen keinen Abbruch.

„Wo ich als junger Christ mehr oder weniger unter einem „frommen Druck“ stand, ist das einer echten Freude auf Gottes Wort gewichen.“

Das Beste am Stück

Eine große Freude und innere Stabilisation gibt mir meine jährliche Bibellese. Nach Plan lese ich sie jedes Jahr einmal durch. Das teile ich mir gewöhnlich auf zwei bis dreimal am Tag auf. So bin ich immer von Gottes Wort begleitet. Am Liebsten fange ich am 1. Januar eine neue Bibel an, die dann am 31. Dezember durch mein Markierungs- und Anstreichsystem sehr bunt geworden ist. 

Gottes Wort kann sprechen

Noch eine Wirkung von Gottes Wort in meinem Leben: die entscheidenden Weichenstellungen in meiner Lebensführung waren durch ein Gotteswort ausgelöst. Um nur ein Beispiel zu nennen: als ich mich fragte, ob ich nach einer langen juristischen Ausbildung, wie mir geraten wurde, ein Theologisches Seminar besuchen sollte, war es das Bibelwort aus Römer 10,14b/15, das mir dreimal in ganz besonderen Situationen begegnete: „Wie sollen sie hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden?“ Nach der dritten besonderen Situation, von mir als Gottes-Moment bezeichnet, ließ ich mich mit 27 Jahren von diesem Plan nicht mehr abbringen. Und Gott hat es über die Jahre und Jahrzehnte deutlich bestätigt, dass er der Absender dieses konkreten Bibelwortes in mein Leben war.

Magazin Sommer 2016

Schwester Ursula Metz ist Dipl.-Sozial-Pädagogin und seit 1977 Schwester in der Diakonissen Kommunität Scherfede bei Warburg. Dort ist sie zuständig für die seelsorgerlich-geistliche Begleitung von Ratsuchenden und die Mitgestaltung von Tagungen.

Bruder Hubert Weiler ist Jurist und Gemeindepädagoge, seit 1988 Mitglied der Kommunität und heute Teil des Leitungsteams des Lebenszentrums Adelshofen. In seiner Freizeit spielt er Fußball und ist Gitarrist und Sänger der Unplugged-Band „Die Kurpälzer Kercheblueser“.