Den Test der Zeit bestanden

Essay

Eine ganz persönliche Liebeserklärung schreibt er da. Beherzt, bedacht, besonnen. Wild aber auch irgendwie, wesentlich auf jeden Fall. Roland Werner hat eine ganz besondere Beziehung zur Bibel. Hat sie übersetzt, zumindest das Neue Testament. Er liest sie, liebt sie, lebt sie. Und macht ganz sicher keinen Hehl daraus, dass er überzeugt ist: Die Bibel ist das bemerkenswerteste Buch aller Zeiten.

Wie aktuell ist die Bibel eigentlich? Kann man mit diesem alten Buch heute, im 21. Jahrhundert, überhaupt noch etwas anfangen? Viele würden diese Frage verneinen. Schließlich haben wir in der Schule gelernt, dass die Bibel von Menschen geschrieben ist und deshalb nicht Gottes Wort sein kann. Und außerdem hat die Bibel doch ein Weltbild, das durch die Naturwissenschaft längst überholt ist.

So und ähnlich würden die Antworten sich anhören, die viele Zeitgenossen auf die Frage nach der Aktualität und Bedeutung der Bibel geben würden. Auf der anderen Seite ist da aber die erstaunliche Tatsache, dass das „Buch der Bücher“, wie es oft genannt wird, läuft und läuft und läuft. Die Bibel ist nicht nur der absolute Spitzenklasse-Bestseller aller Zeiten, sondern auch der stärkste Longseller. Die Nachfrage bleibt und scheint zu wachsen. Das Buch ist einfach nicht totzukriegen.

Lauter Superlative

Es stimmt: Die Bibel ist das meistgedruckte, meistverbreitete, meistgelesene und meistbekämpfte Buch der Weltgeschichte. Und es ist das Buch, das in mehr Sprachen übersetzt wurde als jedes andere, die ganze Bibel in über 500 Sprachen. Das Neue Testament kann man in über 1.000 Sprachen lesen. Erstaunlich ist dabei, dass Menschen in verschiedenen Kulturen und Gesellschaftsschichten gleicherweise einen Zugang zu diesem alten Buch finden: Der Taxifahrer in New York genauso wie der Banker in Singapur, der Bauer in Mexiko genauso wie der Fabrikarbeiter in England, der indische Professor genauso wie die Händlerin auf einem Markt in Afrika.
Supergefährlich

Die Bibel vereinigt Menschen auf der ganzen Welt. Und das trotz des wirklich erstaunlichen Widerstandes, der immer wieder gegen die Bibel aufgefahren wird. In nicht wenigen Ländern ist der Besitz oder die Einfuhr von Bibeln verboten. Menschen riskieren bis auf den heutigen Tag Freiheit und Leben für die Bibel. Was ist es, das dieses Buch so gefährlich macht? Warum sind gerade diktatorische Regime allergisch gegen die Bibel? Und warum empfiehlt auf der einen Seite Mohammed im Koran die Lektüre der Bibel, während viele streng islamische Länder die Bibel verbieten?

Und sie lesen sie doch

Fragen über Fragen. Die Bibel ist in der Tat ein seltsames Buch. Ein spannendes Buch. Doch sie ist auch ein Buch, das sich nur dann öffnet, wenn der Leser selbst sich ebenfalls öffnet und die Botschaft an sich heranlässt. Vielleicht liegt darin auch ein tiefer Grund dafür, dass die Bibel in unserem Land zwar zum geistigen Allgemeinbesitz gehört, anders als in vielen anderen Ländern jedoch nur wenig gelesen wird. Denn nur an einer antiquierten Sprache, wie sie uns in der Lutherbibel trotz immer neuen Revisionen entgegenkommt, kann es nicht liegen. Ich habe bei vielen Aufenthalten in Afrika selbst gesehen, wie Menschen, die in der Schule nur eine rudimentäre Ausbildung erhalten haben, dennoch mit großem Einsatz und Geduld mit der Bibel in der Hand dasaßen und sie Wort für Wort durchbuchstabiert haben. Offenbar war ihnen das, was sie dort lesen konnten, so wichtig, dass sie die Mühe der langsamen Entzifferung nicht scheuten. 

Es ist wahr: Die Bibel übersteigt alle Grenzen und berührt Menschen weltweit, bis auf den heutigen Tag. Und doch bleibt die Frage: Wie können wir, hier in unserem Land, in unserer Gesellschaft, als Menschen des 21. Jahrhunderts, noch einen Zugang zur Bibel finden? Ich will eine ganz persönliche Antwort versuchen. Also: Warum bedeutet mir die Bibel heute noch etwas? 

Spiegel, Kompass, Fenster und Co.

Erstens: Die Bibel ist wie ein Spiegel. In ihr erkenne ich, wie Menschen sind, und damit auch, wie ich selbst bin. Ungeschönt beschreibt sie das Drama unseres Lebens: Schuld und Scham, Sehnsucht und Segen, Schönheit und Scheitern. In den Seiten der Bibel finde ich mich selbst.
Zweitens: Die Bibel ist wie ein Kompass. Sie zeigt uns, wie Leben gelingen kann. Sie zeigt die Richtung, in der Friede und Freiheit liegen. Sie hält uns auf dem Kurs der Wahrheit und Wahrhaftigkeit. In der Bibel finden wir Maßstäbe, die den Test der Zeit bestehen.
Drittens: Die Bibel ist wie ein Fenster. Sie öffnet uns den Blick in eine andere Welt, in die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. In der Bibel hören wir von Gott, der ewig und allmächtig ist, und zugleich voller Liebe und Barmherzigkeit. In der Bibel entdecken wir das Herz Gottes.
Viertens: Die Bibel ist wie ein Feuer, das in der Dunkelheit der Weltnacht Wärme und Geborgenheit schenkt. In ihrem Licht rücken wir eng zueinander und finden Gemeinschaft und Trost. In der Bibel finden wir die Kraft, einander in Liebe anzunehmen und beieinander zu bleiben.
Fünftens: Die Bibel ist das Buch der Bücher, Krimi und Liebesroman, Thriller und Gedichtband, Geschichtswerk und Zukunftsfantasie in einem. Die Bibel ist einzigartig. Sie erzählt von Gottes Wirken und Reden in dieser Welt. In allem lenkt sie unseren Blick auf die Hauptfigur, auf Jesus Christus. Sein Reden und Handeln, sein Leben und Leiden, sein Sterben und Auferstehen bilden das Zentrum der Weltgeschichte. Denn hier berühren sich Himmel und Erde, Gott und Mensch, Vergangenheit und Zukunft. 

Der ewige Wind Gottes

Das und viel mehr ist die Bibel. Sie ist wie ein Meer, das nie auszuschöpfen ist, wie eine Landschaft, die wir durchwandern, wie eine Geschichte, die sich immer weiter entfaltet, und die uns so stark in sich hineinzieht, dass wir am Ende selbst zu Personen in der Erzählung werden. Deshalb lese ich die Bibel. Deshalb liebe ich die Bibel. Deshalb respektiere ich die Bibel. Ich spüre: In diesen Seiten weht der ewige Wind Gottes. Sein Geist, sanft und stark zugleicht. Deshalb ist die Bibel mein Buch und wird es bleiben.

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