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Unauffällig, unerwünscht, unerkannt

Wie Frauen in Deutschland auf der Straße (über)leben

Dieses Bild kennen wir: ein Mann, schlecht rasiert, eingehüllt in mehrere Lagen abgetragener Kleidung, wirres Haar und leerer Blick. Wenn er lächelt zeigt er Zähne, die dringend mal wieder von einem Arzt in Augenschein und Behandlung genommen werden müssten.

Das ganze persönliche Hab und Gut in einer oder zwei großen Plastiktüten einschlägig bekannter Discounter. Vielleicht ein altes Fahrrad, das er schiebt. Ein Hund an der Leine. Als seinen besten Freund und treuen Begleiter. Ansonsten ist er allein und ungebunden. Zwar hat er Bekannte, aber Freunde hat er nicht. Und das Leben scheint an ihm vorbeizurauschen, unaufhaltsam wie eine U-Bahn, die vergessen hat, anzuhalten. 

Was wir weniger oder gar nicht kennen, ist dies: Den Anblick einer obdachlosen Frau. Dabei leben mehr als 70.000 von ihnen allein in Deutschland auf der Straße. Bei geschätzten 380.000 Obdachlosen im Land bis 2016 wäre somit immerhin jeder fünfte auf der Straße Lebende eine Frau. Sie kommen aus völlig unterschiedlichen sozialen Milieus, teilen weder Alter, noch nationale Herkunft. Was sie aber eint, ist die Furcht, erkannt zu werden. Deshalb sind alle in diesem Beitrag erwähnten Namen geändert.

Martha sieht aus wie eine freundliche Omi. Immerhin, sie ist weit in den Sechzigern. Kurze Locken umranden ihr verschmitzt lächelndes Gesicht, in dem eine runde Brille mit Goldfassung sitzt. Als es die DDR noch gab, hat sie in Meißen als Porzellanmalerin gearbeitet. Aber das ist lange her. Nach der Trennung von ihrem Mann vor wenigen Jahren landete sie auf der Straße.

Hanna ist knapp dreißig, trägt Dreadlocks, viel zu große Hoodies und hat viele Jahre im Ausland gelebt. Als sie zurückkam, war sie völlig pleite. Die deutsche Stadt, in der sie jetzt lebt, hat sie vor ihrer Rückkehr sorgfältig ausgesucht. Nach ausgiebiger Internetrecherche wusste sie, wo besonders viel für Obdachlose getan wird. Und sie wusste auch, was möglichst weit von ihrer Familie entfernt ist. Denn mit den Eltern will Hanna nichts mehr zu tun haben.

Susanne ist nicht sicher, ob sie 48 oder 49 Jahre alt ist, nennt niemals ihren echten Namen, vielleicht erinnert sie sich auch an den schon nicht mehr. Mal schimpft sie laut, weil sie meint, jemand verfolge sie. Mal, weil sie betrunken ist. Wer immer sich mit Susanne, Hanna oder Martha trifft, wird schnell eins entdecken: Sie kommen nie zur zweiten ausgemachten Verabredung. Und trifft man sie durch Zufall doch noch mal irgendwo, werden sie sich bestimmt nicht daran erinnern, dass man sich schon mal gesehen hat.

Sie versuchen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, nicht aufzufallen und nicht erkannt zu werden. „Die Würde dieser Frauen ohne Wohnung basiert darauf, dass sie so unauffällig wie irgend möglich sind“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Brigitte Sellach, die seit drei Jahrzehnten über Frauenthemen forscht. Obdachlose Frauen, die diese Unauffälligkeit nicht mehr leisten können, seien in der Regel psychisch krank oder in einer Sucht gefangen. Viele Frauen ohne Wohnung seien alleine unterwegs und achteten – im Gegensatz zu den männlichen Pendants – peinlich genau auf ihr Äußeres, auf Kleidung und Körperpflege. Man soll ihnen ihr Schicksal nicht ansehen. Viel zu groß ist die Scham und Furcht vor dem Stigma der Gesellschaft. Deshalb ist es auch so gut wie unmöglich, mit den Frauen selbst zu reden. Leider. Aber manche haben manchen was erzählt und helfen uns so, ein wenigstens vages Bild zu bekommen.

Hanna zum Beispiel. Wenn sie von ihrer Familie spricht, dann nutzt sie den Begriff „Herkunftsfamilie“ und berichtet von „Gewalterfahrungen in der Familie, auch sexueller Gewalt.“ Mit ihrer reflektierten Sprechweise und dem therapeutischen Jargon wirkt sie auf den ersten Blick selbst wie eine Sozialpädagogin. Vielleicht auch, weil sie über sich selbst redet, als handele es sich um eine unbeteiligte Dritte. Hanna wirkt intelligent, weiß offenbar, wie sie an Informationen kommt, und hat Ideen, wie es jetzt weitergehen könnte. „Ich war schon mal selbständig“, sagt sie, „ich könnte mir vorstellen, Kindern Kunst zu vermitteln.“ Das Wort „Neuanfang“ fällt oft, wenn sie von ihrer Zukunft spricht.

Das Spektrum der betroffenen Frauen ist groß, zwischen 18 und 80 Jahren, von freiberuflichen Unternehmerinnen bis zur drogenerfahrenen Punkerin, von Studentinnen bis hin zu alten Damen, die auf Grundsicherung angewiesen sind und damit nicht zurechtkommen. Viele von ihnen haben psychische Probleme, nehmen aber selbst da, wo es kostenlose Hilfe gibt, diese nicht in Anspruch. „Ich kann mir selbst helfen“, sagt eine von ihnen und spiegelt damit die Meinung vieler wider. „Außerdem habe ich Freunde, die soziale Arbeit studieren, mit denen kann ich auch reden.“ Das ist schade. Belegt doch eine empirische Studie, dass psychologisches Fachpersonal „in der Arbeit mit wohnungslosen, gewaltbetroffenen und psychisch erkrankten Frauen von großer Bedeutung, hoher Dringlichkeit und nachweislich erfolgreich“ ist.

„Sie glaubt sich zu erinnern, von ihrem Freund und dessen Kumpels auf Chrystal vergewaltigt worden zu sein.“

Viele halten die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt für einen der Gründe, warum auch immer mehr Frauen auf der Straße leben und die Tatsache, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer. Oder sie geben Beziehungsproblemen mit Demütigungen, Gewalt und Ohnmacht die Schuld daran, dass Frauen flüchten. Müssen. Auch wenn man hier gewiss nicht verallgemeinern darf und es immer mehr Gründe gibt als die, über die man offen spricht, wenn man überhaupt darüber spricht: Es scheint, als wären es wieder einmal die Damen, die den Kürzeren ziehen. Immer noch. Wie lange noch? Sie laufen Gefahr, Opfer von Übergriffen und sexueller Gewalt zu werden und wissen, dass sie sich schützen müssen. Und das geht am besten, indem sie versuchen, so wenig wie möglich aufzufal
len, sich zu pflegen, so gut das eben geht, sich ordentlich und sauber zu kleiden und sich an Orten aufzuhalten, an denen niemand so schnell auf die Idee kommen würde, dass sie nur deshalb da sind, weil sie kein Zuhause haben. Der seelische und psychische Druck fügen der eigentlich prekären Lebenssituation noch eine weitere Dimension bei. Wie hochproblematisch es für die Frauen ist, sich unsichtbar zu machen, zeigt das, was eine von ihnen so zusammenfasst: „Am schlimmsten ist es, dass ich gar nicht mehr gesehen werde. Dass die Menschen einfach durch mich hindurchgucken.“

Die Prognosen stehen nicht gut. Frauen, die aus welchem Grund auch immer auf der Straße leben, werden es auch zukünftig extrem schwer haben, befinden sich in einem echten Teufelskreis. Sie schämen sich, wollen nicht als Obdachlose erkannt werden. Damit schützen sie ihre Privatsphäre, nehmen sich aber auch eine Chance auf Zuwendung und Hilfe. Sie ziehen in Beziehungen oft den Kürzeren und verlassen im Streit mit dem Partner dann auch oft die gemeinsame Wohnung. Und landen draußen. Viele dieser Frauen kommen mit dem, was sie verdienen, nicht über die Runden. Können sich kein neues Zuhause schaffen. Wie Simone, die als Alleinerziehende mit 950 Euro in München schlicht nicht mal die Miete zahlen könnte. Vorausgesetzt, jemand würde ihr überhaupt eine Wohnung geben. Alleinerziehende Mütter sind nicht das, was Vermieter sich so vorstellen. Und dann ist da noch Ingrid mit ihrer ganz eigenen Geschichte. Auf Chrystal Meth hat sie sich das Gesicht zerkratzt und aufgepult und kann sich nicht erinnern, was sie das letzte halbe Jahr gemacht hatte. Sie glaubt sich zu erinnern, von ihrem Freund und dessen Kumpels auf Chrystal vergewaltigt worden zu sein, fühlt sich aber nach wie vor sehr zu ihm hingezogen. Die Anzeichen einer vermutlich drogeninduzierten Psychose machen es nahezu unmöglich herauszufinden, was und wie viel von der Geschichte wahr ist. Nachdem Ingrid zwei Wochen in einer Obdachlosenwohnung einen Unterschlupf gefunden hatte, ging sie zurück. Zurück zu ihrem Freund und zurück in den Kreislauf.