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Wachsam und ausgewogen

Politik

Wie aufgeheizt eine Debatte sein kann, haben die letzten Monate am Beispiel einiger Verordnungen des Staates deutlich gezeigt. Dass es dabei bisweilen gleichzeitig an solider Grundlage und Basis mangelt, auch. Uwe Heimowski sortiert Argumente und Gedanken und meint: Wer schläft, ist am Ende selbst schuld.

Paulus beschreibt einen Grundzug im Wesen Gottes: Wo Gott ist, da soll Frieden sein, Schalom. Das Gegenteil von Frieden ist nach dem, was Paulus den Korinthern schrieb (1. Korinther 14,33), Unordnung. Die Voraussetzung, damit Frieden möglich wird, ist daher eine funktionierende Ordnung mit Strukturen und Institutionen, geprägt von Recht und Gerechtigkeit.

 

Unterordnen?

Dieses Prinzip des Schalom hat viele Dimensionen. Eine kosmische: schon bei der Schöpfung ordnete Gott das Tohuwabohu, das Chaos der „Ursuppe“, durch sein Reden und durch Strukturen wie Tag und Nacht, Tätigkeit und Ruhe. Ein anthropologische: In jedem einzelnen Menschen rumort der Kampf zwischen Gut und Böse. Es ist der Heilige Geist, der die „Liebe Gottes ausgießt in unsere Herzen“ (Römer 5,5) und der dann unseren Charakter formt und „Früchte“ wie Friede, Freude, Güte, Freundlichkeit oder Geduld in uns hervorbringt (Galater 5,22). Und Schalom hat auch eine gesellschaftlich-politische Dimension: Gott setzt Recht, indem er universelle Gebote erlässt, und er nutzt staatliche Ordnungen, um ein gelingendes Miteinander möglich zu machen. Paulus schreibt über die Regierung: „Sie ist Gottes Dienerin, dir zugut“ (Römer 13,4). Er fordert Christen auf, sich der Obrigkeit, wie er es nennt, unterzuordnen. Christen haben also ein Ja zu staatlicher Ordnung, das weit mehr ist als ein bloßes Akzeptieren der gegebenen Umstände. Sie wissen: Anarchie und Chaos entsprechen nicht dem Wesen Gottes. Mit dieser Grundhaltung begegnen Christen, die die Bibel beim Wort nehmen, den Institutionen und Verantwortungsträgern des Staates, in dem sie leben.

 

Vertrauen?

Zur Zeit des Paulus war die Obrigkeit von unbeherrschten Despoten und willkürlichen Diktaturen geprägt. Um wieviel mehr sollten wir Heutigen, die wir im Jahr 2021 in Deutschland leben, in einem demokratischen Rechtsstaat, ein grundlegendes Vertrauen und Wohlwollen gegenüber den Regierenden in Bund und Ländern besitzen. Ein Herz, das den Schalom Gottes kennt, geht zunächst und grundsätzlich davon aus: Die Obrigkeit – also unsere Bundesregierung – ist von Gott eingesetzt, sie meint es gut mit Deutschland. Wir vertrauen ihr (bis zum Erweis des Gegenteils) und sind bereit, unseren Teil dazu beizutragen, dass Krisen bewältigt werden. Vertrauen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Vertrauen setzt Mut frei. Gerade in einer Krise. Darum sind Christen angehalten, als verantwortliche Bürger alles zu tun, um das Vertrauen in die Obrigkeit zu stärken. In Zeiten von Politikverdrossenheit gilt es für Christen, wertschätzend und respektvoll mit Verantwortungsträgern umzugehen. Wir sind gehalten, auf unsere Sprache zu achten: Wie reden wir über Menschen, gerade über diejenigen, die politische Verantwortung tragen? Wie gehen wir mit fragwürdigen Informationen um, die uns über soziale Netzwerke zugespielt werden, löschen wir, was wir nicht prüfen können, oder leiten wir es weiter, nicht wissend, welchen Schaden wir damit anrichten?

 

Und konkret: Engagieren wir uns in der Gesellschaft und für die Gesellschaft? Was tun wir für den Zusammenhalt, für den Frieden? Übernehmen wir Verantwortung? Oder begnügen wir uns mit dem Platz auf der Zuschauertribüne, von der aus sich alles so herrlich besser wissen lässt? Beten wir für unsere Obrigkeit? All das entspricht dem Wesen Gottes und dem Auftrag der Christen. Und wenn wir eine solche konstruktive Haltung entwickelt haben, nehmen wir die Bibel wieder in die Hand. Denn es wäre ein Missverständnis, dass Christen dazu berufen wären, angepasste Untertanen zu sein, die blind alles abnicken, was von oben kommt. Schlafschafe sind nicht Gottes Idee.

 

Gehorchen?

Der gleiche Paulus, der uns auffordert, der Obrigkeit untertan zu sein, schreibt an anderer Stelle: „Alle unsere Erkenntnis ist Stückwerk“ (1. Korinther 13,9) und wir lesen, dass Petrus sich selbst durch einen Gefängnisaufenthalt nicht einschüchtern lässt, als man ihm den Mund verbieten will, sondern klarstellt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,9). Das christliche Vertrauen in „die Obrigkeit“ ist nicht blind. Keine Regierung ist perfekt. Jeder Mensch ist begrenzt und macht Fehler, manche von ihnen sind korrupt und brechen das Recht zu ihrem eigenen Vorteil. Das lässt Gott nicht durchgehen. In der biblischen Überlieferung waren es die Propheten, die die Funktion innehatten, den Herrschenden kritisch entgegenzutreten, wenn diese die Gebote Gottes missachteten. Sie waren die Stimme für die „Witwen und Waisen“, wie die Bibel es nennt, für all diejenigen, die keine eigene Stimme hatten. In der Demokratie haben vor allem die Opposition und die Presse die Funktion, Fehler aufzuzeigen, aber auch die Zivilgesellschaft, zu der die Kirchen zählen, halten der Regierung den Spiegel vor.

„Wir sind gehalten, eine prophetische Stimme zu sein. Wir sollen an Gottes Maßstäbe für die Gesellschaft erinnern.“

Kritisieren?

Christen sollten dabei nicht das Haar in der Suppe suchen und bestimmt nicht alles schlechtreden in unserem Land. Aber wir sind gehalten, eine prophetische Stimme zu sein. Wir sollen an Gottes Maßstäbe für die Gesellschaft erinnern. Zwei aktuelle Beispiele aus der Zeit des ersten Lockdowns: Als Kirchen haben wir angemahnt, dass die Grundrechte schnellstmöglich wieder zur Geltung kommen. Die Einschränkung der Versammlungsfreiheit hatte unmittelbar das Recht auf freie Religionsausübung betroffen. Auch haben wir das Kontaktverbot zu Alten und Kranken in Pflegeheimen kritisch hinterfragt. Gespräch und segnendes Gebet ist etwas vom Heilsamsten, das ein Seelsorger einem Menschen und seinen Angehörigen geben kann; es galt, niemanden alleine zu lassen. Das Ziel dieser Kritik ist, die Ordnung, das Recht und damit den Frieden zu sichern. Gerade weil wir Christen ein grundsätzliches Ja zum Staat und Vertrauen in die Obrigkeit haben, werden wir dann nicht schweigen, wenn diese das Recht verletzt und ihre Macht missbraucht. Eine Kritik, die sich gegen die Institutionen an sich richtet, ist aber nicht Gottes Idee.

 

Grundsätzlich gilt: Vertrauen darf nicht blind machen. Kritik dagegen nicht bitter. Paulus schreibt: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet“ (Römer 12,12). Christen wissen: Das letzte Wort in dieser Welt hat Gott selbst.

Uwe Heimowski ist verheiratet und Vater von fünf Kindern. Der Diplomtheologe war Pastor der EFG Gera, Dozent und Referent für Menschenrechte bei Frank Heinrich, MdB, und ist seit 2016 politischer Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz. heimowski.net

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