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Nicht nur von Frieden sprechen

Auslegung

Vor einigen Monaten hat sie angefangen, ihre Mitmenschen bewusst mit Shalom zu begrüßen. Damit will sie aber keineswegs ein politisches Statement setzen – so als würde sie zum Beispiel ihre Einstellung zur Situation Israels bekanntgeben und andere von ihrer politischen Agenda überzeugen wollen. Vielmehr möchte Dr. Eva Dittmann sich damit eine geistliche Realität vergegenwärtigen – ja, eine kulturell-theologische Vision verwirklichen.

Shalom ist in der Bibel nämlich ein eindrucksvolles Konzept mit einer machtvollen Botschaft. Die gängige deutsche Übersetzung „Frieden“ wird der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes dabei nicht ansatzweise gerecht. Denn der hebräische Begriff Shalom (שָׁלוֹם) kennzeichnet nicht einfach die Abwesenheit von Krieg, ein harmonisches Zusammenleben oder ein angenehmes Gefühl der Ruhe und Gelassenheit. Nein, wenn die Bibel von Shalom spricht, hat sie ein ganzheitliches Konzept im Sinn. Shalom beschreibt weltumfassendes Gedeihen, Ganzheit und göttliches Wohlgefallen. Ein Zustand, in dem die Menschen geistlich, sozial und körperlich aufblühen. Ein Zustand, in dem alle Bedürfnisse gestillt sind und jeder Mensch seine Gaben zur vollen Entfaltung bringt. Ein Zustand, in dem Gott, Mensch und Schöpfung in Gerechtigkeit, Erfüllung und Freude zusammenleben. Kurz gesagt, ein Zustand, in dem alles so ist, wie es sein sollte – so wie Gott uns erschaffen hat.

 

Was hat Gott sich dabei gedacht?

Timothy Keller vergleicht diesen Zustand des Shalom in seinem Buch „Generous Justice“ mit einem gewebten Stück Stoff, das aus unzähligen Fäden besteht, die miteinander verknüpft sind. Erst wenn jeder einzelne Faden an Tausenden von Punkten über, unter, durch und um die anderen herumgeht, kann aus den vielen einzelnen Fäden ein wunderschönes Gewebe werde. Ein solches Resultat erhält man aber nicht aus Zufall, sondern es ist das Produkt von bewusster Planung und liebevoller Sorgfalt. Die Bibel selbst greift dieses Bild auf und vergleicht die Erschaffung der Welt mit einem Gewand, das von Gott gewebt wurde (z. B. Psalm 104,2.4; Hiob 38,9). Gott hat seine Welt so erschaffen, „dass alle Dinge in ihr schön und harmonisch aufeinander bezogen und miteinander verwoben sind“ (Keller, S. 173). Alles passt zusammen und ist auf den Schöpfer ausgerichtet. Alle Beziehungen sind heil und dadurch kann alles zur vollen Entfaltung kommen. Dieses vollkommene Miteinander-verwoben-Sein ist Shalom.

 

Aber dann kam die Sünde in die Welt. Die Sünde reißt dieses Gewebe des SShalom wieder auseinander und hinterlässt ein gänzlich zerfranstes und brüchiges Stück Stoff mit entflochtenen, gerissenen und fehlenden Fäden. Von dem, was Gott so wunderbar miteinander verwoben hat, bleiben nur Fetzen zurück, die dieses mit Shalom durchzogene Kunstwerk Gottes kaum noch erahnen lassen. Jetzt ist nichts mehr so, wie es sein sollte. Alle unsere Beziehungen leiden unter dieser Shalom-zerstörenden Sünde: unsere Beziehung zu Gott, zu unserem Nächsten, zu uns selbst und zu der Schöpfung. Nur Gott selbst kann diesen ganzheitlichen Zustand des Shalom wiederherstellen und er lässt seine Schöpfung nicht in dieser absoluten Hoffnungslosigkeit zurück. Sein Sohn Jesus, der Prinz des Shalom (Jesaja 9,6.7), ist Fleisch geworden und richtet durch sein Leben, Sterben und Auferstehen das ewige Reich des Shalom auf. Und seine Jünger sind dazu berufen, am Bau dieses Reiches mitzuarbeiten; das Gewebe des Shalom durch ihre Arbeit in der Welt neu zu weben. Das ist die Mission der Gemeinde. Und sie verwirklicht sich auf vielfältige Weise.

„Shalom beschreibt weltumfassendes Gedeihen, Ganzheit und göttliches Wohlgefallen. Ein Zustand, in dem die Menschen geistlich, sozial und körperlich aufblühen.“

 

Was ich mir heute wünsche

Wenn ich mich also darum bemühe, mir die Begrüßung Shalom zu einer Gewohnheit zu machen, dann denke ich an genau diese theologische Realität. Ich wünsche mir, dass sie mein Herz prägt und mein Denken und Handeln verändert. Das hat vier Facetten:

 

Erstens möchte ich mein Herz damit nah an Gottes Herz bringen, seine Trauer über den gefallenen Zustand dieser Welt fühlen und seine Vision des Shalom zu meiner eigenen machen. Ich möchte lernen, meine Augen nicht mehr vor der grenzenlosen Ungerechtigkeit und dem himmelschreienden Leid in dieser Welt zu verschließen, und mein Herz gleichzeitig vor Abstumpfung zu schützen. Ich möchte lernen, die Menschen und die Welt so zu sehen, wie Gott sie sieht – voll Liebe und Barmherzigkeit, voll Trauer über ihre Verlorenheit. Und ich möchte lernen, mich nach diesem Shalom zu sehnen, mich aktiv danach auszustrecken, dass Gottes Vision Wirklichkeit wird. Nur er kann dieses Shalom wiederherstellen. Deswegen sage ich bewusst „‘Dein Wille geschehe! Dein Reich komme!‘ Und mein Reich gehe!“

 

Zweitens bekenne ich durch diese Begrüßung, dass wir dieses Shalom durch Jesus tatsächlich erleben können. Auch wenn es erst am Ende der Zeiten zur vollen Erfüllung kommen wird, dürfen wir doch schon jetzt in dieser neuen Realität, in dieser neuen, geistlichen Kultur des Shalom leben. Inmitten aller Herausforderungen des Alltags, inmitten des Chaos dieser Welt, inmitten allen menschengemachten Leids, halte ich mich deswegen bewusst und hoffnungsvoll an den göttlichen Shalom-Stifter und seine Werte.

 

Drittens verpflichte ich mich durch diese Begrüßung, aktiv an der Wiederherstellung des Shalom mitzuwirken. Gottes Vision soll zu meiner Mission werden. In und durch Jesus bin ich dazu berufen, zu einem Shalom-Weber werden. Ja, wenn Jesus in der Bergpredigt sagt: „Gesegnet sind die Friedensstifter“ (Matthäus 5,9), müsste man eigentlich sagen „Gesegnet sind die, die das Shalom neu weben.“ Und die einzige Möglichkeit, dieses Gewebe neu zu weben, besteht darin, dass ich mich selber dort hineinwebe. Mich durch meine Zeit, meine Mittel, meine Gaben – ja, meine Liebe – in das Leben und die Nöte der Menschen zu investieren. Immer wieder möchte ich durch meinen Job, meinen Lebenswandel und meinen Umgang mit anderen Menschen kleine Akzente setzen, um zum Shalom mit Gott, mit den Menschen, mit dem Selbst und mit der Welt beizutragen.

 

Und zuletzt drücke ich durch diese Begrüßung meinen Wunsch aus, dass meine Mitmenschen diese wunderbare Verheißung und Realität des Shalom auch in ihrem eigenen Leben erfahren. Dass sie dieses unglaubliche Geschenk annehmen und so selbst zu Hoffnungsträgern für diese verwundete Welt werden können. Denn die Welt braucht Jesus, den Shalom-Stifter.

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