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Meine Autos

Leitartikel

Mit einem Augenzwinkern geht er ran und schreibt von den Bindungen an die Autos seines Lebens und davon, was sie mit ihm gemacht haben. Eine durchaus lehrreiche Wanderung durch die letzten Jahrzehnte, auf die Detlef Eigenbrodt hier mitnimmt. Und bedeutungsschwere Gedanken für das, was noch kommt.

Ich gebe es zu. Ich liebe Autos! Und wenn ich so zurückdenke an meine Gefährte, dann kommen mir allerhand Geschichten in den Sinn, die ich manchmal schlicht vergessen hab. Mein erstes zum Beispiel. Hässlich wie die Nacht, wie ich heute finde, auch wenn irgendein Liebhaber auf einer Klassiker-Plattform über ihn schreibt: „Zudem fiel das Heck nicht so steil ab, sondern zeigte etwas mehr Eleganz. Neben dem komfortablen Innenraum überzeugte er mit einer vergleichsweise leistungsstarken Motorenpalette. Der Reihenvierzylinder leistete zwischen 34 bis 48 PS und beschleunigte den kantigen Wagen auf bis zu 140 km/h.“

Die Kiste zog nach rechts

Naja. Aber damals gab´s halt keinen anderen. Und meiner hatte tatsächlich die Grundausstattung mit den „leistungsstarken“ 34 Pferdestärken. An komfortablen Innenraum kann ich mich ebensowenig erinnern wie an das elegante Heck. Ich weiß nur noch, dass die Heizung nicht funktionierte. Was in damaligen Wintern im Hochsauerland nicht so richtig cool war. Dafür aber ganz schön kalt. Und dann war da noch dieser extreme Rechtsdrall. Mein Papa hatte so seine Idee, woher das kam. Mein Bruder auch. Beides Männer vom Fach. Solide ausgebildete Autoschlosser. Die wussten, was sie taten. Na, und die dachten, der Rechtsdrall muss ja irgendwoher kommen, es muss ja irgendeine Ursache dafür geben und die Vermutung, dass ich wohl etwas zu heftig gegen eine Bordsteinkante gefahren sei, wurde unverhohlen auf den Tisch gelegt. Damit war der Schuldige ausgemacht. Dass ich mich an nichts erinnern konnte und standhaft leugnete, änderte daran nichts. Mein Auto zog ständig nach rechts und ich, der Fahrer, war schuld. Also mal angenommen, das stimmte. Nur mal so angenommen. Dann hätte ich, also der, der Verantwortung für das Auto trug, zu irgendeinem Zeitpunkt an irgendeiner Stelle irgendeinen Fehler gemacht, der zu dem unerwünschten Ergebnis „Rechtsdrall“ führte. Leider konnten wir die Angelegenheit nicht klären und schon gar nicht lösen. Der Wagen kam in die heimische Werkstatt, er wurde inspiziert, eingestellt, bekam alle fachliche Zuwendung, die man sich nur denken kann, aber es half alles nichts. Er zog weiterhin elend nach rechts, so als würde er ein Eigenleben führen und uns sagen wollen, dass er die Richtung vorgibt, in die es geht. Ungeachtet der Tatsache, dass ich das Steuer in der Hand hatte, schien er mir sagen zu wollen: Ich weiß besser, wohin du mit mir willst. Komm, lass uns nach rechts fahren.“ Ich fand das ganz schön lästig und nachdem ich an meinem Auto diese Haltung nicht ändern konnte, habe ich mich am Ende von ihm getrennt. Nicht dass mir das besonders schwergefallen wäre. Der extreme Rechtsdrall brachte da das Fass nur zum Überlaufen. Und immer noch verfolgt mich die Frage, an welcher Stelle ich diese Fehlstellung der Spur verursacht hatte und warum es mir nicht aufgefallen war. Ich war ratlos.

„Der extreme Rechtsdrall brachte da das Fass nur zum Überlaufen. Und immer noch verfolgt mich die Frage, an welcher Stelle ich diese Fehlstellung der Spur verursacht hatte und warum es mir nicht aufgefallen war. Ich war ratlos.“

 

Der neue war gelb

Also besorgte ich mir einen neuen fahrbaren Untersatz. Und aus allen, die mir angeboten wurden, entschied ich mich für ein leuchtend gelbes Exemplar. Zugegeben, das war auf dem Land schon etwas exzentrisch und die Leute schauten mir ständig hinterher. Störte mich nicht. Und das Auto schien gleich immer noch ein bisschen mehr zu leuchten und zu strahlen, wenn es nur genug Beachtung bekam. Irgendein Vorbesitzer hatte da auch noch mitten über die Motorhabe und das Dach einen pinken Balken lackiert. Ganz schön heftig. Doch die inneren Werte zählten. Für damalige Verhältnisse war das Auto ganz schön edel ausgestattet. Feine Materialien, alles schnieke, elegant und repräsentativ. Immer, wenn ich mit dem Teil unterwegs war, hatte ich das Bedürfnis, das Fenster runterzudrehen und den linken Arm locker aufzulegen. Sonnenbrille auf, Radio an und ab gehts. Ich fühlte mich gut, genoss die Blicke der Leute, hatte den Eindruck, endlich die richtige Wahl des Fahrzeugs getroffen zu haben. Ich meinte, aufstrebend unterwegs zu sein, glaubte, modern zu sein und auf jede Frage eine Antwort zu kennen. Nur meine Freunde hatten den Eindruck, dass mir die gelbe Karre nicht guttat. Sie sagten, ich sei komisch geworden, würde mehr reden als tun, würde Werte und Ansichten vertreten, die mit ihnen, den sogenannten normalen Menschen vom Land, nichts mehr zu tun hätten und gleichzeitig immer wieder betonen, wie wichtig sie mir wären. Als ich dann irgendwann sagte, ich hätte einen Neustart hingelegt und würde meinen Weg sicher machen, zog sich einer nach dem anderen zurück. Mit einem, der nur schlau redet und - frei eingestellt, wie ich nun mal plötzlich war - nichts weiter draufhat, als sich um elitäre Randgruppen zu bemühen, konnten sie nicht viel anfangen. Das gelbe Auto musste schleunigst weg.

 

So einen fuhren praktisch alle

Ich kaufte ein rotes. Nicht so ganz richtig rot, aber schon irgendwie doch. Eins, das sich in der Menge all der anderen Autos kaum abhebt. Mit war wichtig geworden, einer von allen zu sein. Mein soziales Gewissen war erwacht, wohl auch als Ergebnis der schlechten Image-Erlebnisse, die mein alter Wagen mit sich brachte. Ich strebte Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit an, weil ich hoffte, damit gesellschaftlich wieder en vogue sein. Nicht mehr nur an mich denken, sondern an alle. Ans Große und Ganze. Manche nannten es das Kollektiv. Ich konnte aber nichts anfangen mit dem Begriff und war damit zufrieden, wenn alle zufrieden waren. Sich gut von mir behandelt fühlten. Dabei ging mir aber ganz schön schnell die Puste aus. War nicht einfach, gerecht zu sein im Umgang mit meinen Freunden. Die waren alle so unterschiedlich! Hatten ihre Lebensentwürfe, ihre Vorstellungen, die einen verdienten mehr als die anderen, so Sachen halt. Als ich irgendwann mal vorschlug, dass es doch toll wäre, wir würden alle gleich viel haben, naja, so richtig gut kam das nicht an. Und mir wurde die Frage gestellt, wie das gehen solle, und ob das denn dann gerecht wäre, wenn die, die viel leisten, weniger bekommen und die, die wenig leisten, dafür mehr bekommen. Leider wusste ich keine Antwort und zog mich mit Ausflüchten aus der Misere, setzte mich in mein rotes Allerweltsauto, bekam das Fenster nicht runter, weil die Kurbel abgebrochen war, schaltete das Radio ein und hörte Hans Eißlers „Auferstanden aus Ruinen“. Als ich den Sender wechseln wollte, fiel mir auf, dass das nicht geht. Das hatte der Typ, der mir den Wagen verkauft hatte, in einem Nebensatz erwähnt. Das Radio war ab Werk voreingestellt. Alle, die so ein Auto fahren, sollten auch die gleiche Musik hören. Das gäbe ein angenehmes Gefühl von Zusammengehörigkeit und verbände. So hatte er mir das erklärt. Warum fiel mir das erst jetzt auf? Na, wie auch immer. Mir war das etwas zu viel des Guten und ich suchte mir ein anderes Auto. Aber rot sollte das auch sein. Rot gefiel mir gut.

Es zog einfach nicht mehr richtig

Neues Car, neues Glück. Das hatte ich mir verdient. Gepflegt, nicht zu auffällig, aber auch kein Understatement. Gut ausgestattet, solide verarbeitet und – wenn ich den Prognosen glauben durfte – eine Anschaffung fürs Leben. Ich würde nie wieder das Auto wechseln müssen, könne mich jederzeit darauf verlassen, dass es mich nicht im Stich lässt. Die Reklame prangte in großen Lettern auf jeder Litfasssäule: „Für Dich!“ und gab mir tatsächlich das Gefühl, dass das stimmt. Für mich hatten sie das Auto entwickelt, meine Bedürfnisse dabei in den Vordergrund gestellt, für mich hatten sich die Arbeiter in den Fabriken krummgelegt und es gebaut, für mich sollte es jetzt ein ständiger und zuverlässiger Begleiter werden. Und bleiben. Nur in diesem Auto hatte ich das Gefühl, dass ich bekomme, was ich verdiene, als gerechten Lohn, sozusagen. „Arbeit hat ihren Wert“, sagten meine Bekannten und ermutigten mich, nicht müde zu werden, mich einzusetzen, anzustrengen und solide in meine Zukunft zu investieren. Und damit auch in die des ganzen Landes. Es ginge ja schließlich nicht nur um mich, sondern um uns alle. Und da müsse wirklich jeder seinen Beitrag leisten. Auch ich. Ich war bereit mich für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität einzusetzen. Schon auch deshalb, weil ich mich bei denen erkenntlich zeigen wollte, die mit so viel Mühe mein neues rotes Auto gebaut hatten. Dann allerdings fing der Motor an, Probleme zu machen. Erst zog er nicht mehr richtig, dann stimmte was mit dem Öl nicht und die Zündung war auch ständig verstellt. Ob ich vielleicht mal mein Glück mit einem Fahrrad probieren sollte?

„Dann allerdings fing der Motor an, Probleme zu machen. Erst zog er nicht mehr richtig, dann stimmte was mit dem Öl nicht und die Zündung war auch ständig verstellt. Ob ich vielleicht mal mein Glück mit einem Fahrrad probieren sollte?“

Das Neue fuhr mit Rapsöl

Immer wenn ich durch die Felder strahlender Sonnenblumen schlenderte, überkam mich dieser Gedanke erneut: Vielleicht ist das mit dem Auto ne doofe Sache. Vielleicht also doch ein Bike? Aber mir war schnell klar, dass das bei meinem Lebens- und Arbeitswandel nicht klappen kann. Ich war ja keine hochgestellte Persönlichkeit, die zwar ganz gern mal Rad fährt, aber ansonsten den Fuhrpark des Unternehmens nutzt. Oder für Reisen von hier nach dort einfach fliegt. Also kaufte ich doch kein Fahrrad, obwohl ich wirklich lange darüber nachgedacht habe, sondern ein Auto, das kein Benzin oder Diesel verbrauchte, sondern mit Rapsöl fuhr! Was für eine Revolution! Dieses Modell gabs zwar nur in leuchtendem Grün, was ich zunächst etwas merkwürdig fand, aber ich würde damit gleich jedem zeigen, dass ich auch darauf achte, der Umwelt gut zu tun. Und als Extra obendrauf gabs beim Kauf ein paar schöne warme selbstgestrickte Wollsocken. Was für ein schönes wohliges Gefühl. Dieses Auto, da war ich mir sicher, gab mir unausweichlich die Kraft, die nicht nur mich, sondern mit mir das ganze Land mutig, entschlossen und mit neuem Schwung aus jeder Krise in eine glorreiche und glückliche Zukunft führt. Da wollte ich mich natürlich nicht sperren. Allerdings – die Socken, die ich zum Auto dazubekommen hatte, kratzten wie Sau und dämpften meine neue Lebensfreude enorm. Als ich dann im Handschuhfach einen Flyer fand, der sich für den Schutz von Küken und für das Recht auf Abtreibung aussprach, fuhr ich rechts ran, und musste mich übergeben. Das Auto übergab ich kurz danach einem Händler, der mir zu einer schwarzen Limousine riet.

 

Die schicke, schwarze C-Line

„Mit diesem Fahrzeug, können Sie gar nichts falsch machen“, sagte er mir im Brustton der Überzeugung. „Es ist nicht nur tip-top gepflegt, sondern auch über Jahrzehnte super erfolgreich. Die C-Line ist einfach das Beste, was es auf dem Markt gibt.“ Also schaute ich mir den Wagen an. Schwarz, fand ich, sah halt schon ein bisschen traurig aus und man sah auch gleich jeden Flecken drauf. Aber ich fuhr ihn Probe und war gar nicht so unzufrieden. Griffige Materialien, ein schnurrender Motor, reichlich Kraft unter der Haube. Bequem, zuverlässig, erprobt. Ich unterschrieb den Vertrag, war nun Besitzer einer schwarzen C-Line und fragte mich, für was denn das „C“ wohl steht. So richtig herauszufinden war das allerdings nicht, ich spürte lediglich im Internet einen Kommentar auf, dass es sich wohl auf die Ideale und Überzeugungen des Firmengründers beziehen sollte. Aber das schien heute so weit an Bedeutung verloren zu haben, dass man sich eben nicht mehr sicher war.

 

Was für ein Hin und Her mit mir und meinen Autos. Irgendwie hatte jedes Modell seine Vorzüge und seinen Charme, alle haben zu gewissen Zeiten ihren Zweck erfüllt, aber alle waren auch nicht frei von Makeln und Anfälligkeiten. Wo das eine den Rechtsdrall hatte, zog das andere nach links – na, ich schrieb ja schon davon. Heute übrigens fahre ich einen Wagen mit Spurhalteassistent, der mir hilft, schön in der Mitte zu bleiben. Lenken muss ich trotzdem selber.

„Da wollte ich mich natürlich nicht sperren. Allerdings – die Socken, die ich zum Auto dazubekommen hatte, kratzten wie Sau und dämpften meine neue Lebensfreude enorm.“

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Detlef Eigenbrodt, M.A., Leiter der eigenen Agentur für Kommunikationsberatung, Coach, Trainer, Autor, TV-Moderator, Referent, PR-Berater und Redaktionsleiter dieses Magazins ist verheiratet, Vater von vier erwachsenen Kindern, leidenschaftlicher Südafrikafan und freut sich darauf, wenn die Zeit für den ersten eigenen Hund reif ist. myJabulani.com