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Halt mal eben

Essay

Was macht denn den Glauben aus: Verbote etwa, an die man sich zu halten hat? Oder Versprechen, die eingehalten werden wollen und sollen? Geht es ums Anhalten, um sich zu besinnen? Um ein Draufzuhalten, wenn es gilt, endlich entschlossen etwas zu tun? Oder schlicht auch darum, einfach mal eben – Verzeihung – die Klappe zu halten? Gedanken von Ulrich Müller.

Entsetzt wehrt der junge Mann ab, mit dem ich am Rand einer Feier ins Gespräch gekommen war: „Bleib mir vom Leib mit dem Glauben! Ich habe null Bock auf diese überholten Regeln von vorgestern!“ So denken viele. Sie sehen in der Bibel ein Buch mit tausend Verboten aus ferner Vergangenheit, in Gott einen schlecht gelaunten Aufpasser und in der Kirche eine Ansammlung von Spaßverderbern. Trifft das zu?

 

Gott mag wohl Strukturen

Es stimmt ja. Gott sortiert und ordnet zu. Das merkt man bereits auf den ersten Seiten der Bibel: Er trennt am ersten Schöpfungstag das Licht von der Dunkelheit; das Licht nennt er Tag, die Dunkelheit Nacht (1. Mose 1,4f). Am dritten Tag grenzt er das Meer vom Land ab (1. Mose 1,9f). Am siebten Tag legt er ein Wochenmuster fest: Jeder siebte Tag soll als Pause der Erholung dienen. Nicht zuletzt sorgt Gott dafür, dass alle Tiere einen eigenen, unterscheidbaren Namen bekommen (1. Mose 2,19f). Gott mag es offensichtlich, wenn Sachen gut und klar geregelt sind.

 

Die Halbwertszeit von Regeln

Gott regelt auch die Art und Weise, wie wir Menschen die Beziehung untereinander und zu ihm gestalten sollten. Was aber erstaunlich ist: Gott scheint dabei durchaus flexibel zu sein. Manche Regelungen des Alten Testaments hatten im Rückblick betrachtet nur eine gewisse Halbwertszeit, wie etwa das Verbot, Schwein zu essen oder Kleidung aus Mischgewebe zu tragen. Die ersten Christen wechselten den Pausentag vom Samstag (Sabbat) auf den Sonntag – um wöchentlich Jesu Auferstehung zu feiern, die an diesem Tag geschah. Sie schafften die (von Gott installierten!) Opferrituale, die Speisegebote und die Beschneidung ab. Diese Umstellung führte zu größeren Irritationen bei frommen Juden, die die bisherigen Regeln für ewiggültig und unantastbar hielten. Das, was ihren Glauben über Jahrhunderte ausmachte, sollte nun obsolet sein? Auch heute gibt es manche, die felsenfest davon überzeugt sind, dass Glaube im Wesentlichen im Befolgen ewig gleicher göttlicher Regeln besteht. Und sie wissen natürlich ganz genau, welche das sind und wie sie anzuwenden sind. Ich bin mir da nicht so sicher, ob das wirklich im Kern den Glauben ausmacht.

 

Ich bin schon überzeugt davon, dass die Grundlinien, die Gott vorgibt, etwa skizziert in den Zehn Geboten, als Basics unverhandelbar sind. Aber an den Zehn Geboten wird bereits deutlich, welche Funktion Lebensregeln haben, die Gott installiert: Sie wurden dem Volk Israel nach der Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten übermittelt (2. Mose 20,2). Sie sollen eben nicht einengen, keine Zwangsjacke sein, sondern im Gegenteil orientierende Hinweise für ein Leben in Freiheit geben! Gottes Regeln und Ordnungen haben den Zweck, uns zu einem gelingenden Leben zu verhelfen. Es geht nicht darum, dass wir Regeln halten, sondern dass Regeln uns halten, unser Leben „in Ordnung bringen“.

 

Wir sollen leben lernen

Die religiösen Leitfiguren hatten zur Zeit Jesu die alttestamentlichen Gebote detailliert ausgefächert – schossen dabei jedoch am eigentlichen Ziel vorbei (Matthäus 23,23). Jesus hat als Kontrast dazu die Gebote auf das Wesentliche konzentriert: Die Liebe zu Gott, zu sich selbst und zu den anderen Menschen (Matthäus 22,34-40). In der Bergpredigt (Matthäus 5–7) führt Jesus genauer aus, wie unser Leben nach Gottes Vorstellungen gestaltet werden sollte. Seine Botschaft ist revolutionär: „Ihr plagt euch mit den Geboten, die die Gesetzeslehrer euch auferlegt haben. Kommt alle zu mir; ich will euch die Last abnehmen! Ich quäle euch nicht und sehe auf niemand herab. Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir; dann findet euer Leben Erfüllung. Was ich anordne, ist gut für euch, und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last“ (Matthäus 11, 28–30 GNB).

 

Wir sollen also nicht in erster Linie Leistung erbringen und fromme Pflichten erfüllen, sondern von Jesus lernen, das heißt, aus der Beziehung zu ihm heraus unser Leben gestalten. Für alle, die sich an Jesus orientieren, gilt das „Gesetz Christi“ (Galater 6,2). Es ist das „Gesetz, in dem der Geist Gottes wirkt, der zum Leben führt“ (Römer 8,2 GNB). Es steht für „Freiheit zum Guten, Freiheit, die sich vom Geist Gottes führen lässt“ (Joseph Ratzinger). Gott will keinen blinden Gehorsam – er will seinen Maßstab in uns verankern, er will unser Herz verändern und erneuern. Wir dürfen uns in unserer Persönlichkeit, unserem Charakter, unserer Herzenshaltung und Priorisierung immer mehr von seiner Art prägen lassen! Wir leben aus der Gnade Gottes (Römer 6,14). Und in seiner Gnade schenkt Gott uns hilfreiche und konstruktive Hinweise zur Lebensorientierung, weil er uns nicht einfach laufen lassen will. Diese Tipps sollen auch uns helfen, ein Leben in Freiheit gut zu gestalten. Der Mensch ist nicht für die Regeln da, sondern die Regeln für den Menschen. Das heißt: sie sollen hilfreich und nicht erdrückend sein! Das ist ein gutes Kriterium, auch heutzutage zu überprüfen, ob Ordnungen Gottes Intentionen entsprechen: Geht es darum, dass ich Ordnungen halten muss, oder darum, dass die Ordnungen mich halten?

„Geht es darum, dass ich Ordnungen halten muss, oder darum, dass die Ordnungen mich halten?“

Achtung: Ansteckungsgefahr!

Im Gespräch mit dem eingangs erwähnten jungen Mann war der ganz erstaunt zu hören, dass ich mich bewusst an bestimmte Prinzipien halte (etwa bei der Steuererklärung keine Falschangaben zu machen), bewusst bestimmte Lebensregeln umsetze (ich versuche wirklich, immer ehrlich zu sein) oder Elemente einer festen Tagesordnung zu etablieren (ich habe mir angewöhnt, jeden Morgen über einen kurzen Bibelabschnitt nachzudenken). Nicht, weil ich muss oder weil mich jemand dazu zwingt, sondern weil ich merke, dass mir das gut tut.

 

Gott lädt uns ein, die Beziehung zu ihm in Ordnung zu bringen und dann, orientiert am maßstabsetzenden Beispiel Jesu Christi und im Austausch mit anderen Christen, konkrete Lebensregeln für unser Leben zu entdecken und zu entwickeln. Möglicherweise kommen wir bei der Umsetzung im Detail zu einer anderen Ordnung als andere – entscheidend ist, dass wir uns über den Kern einig sind, über das, was Gott wichtig ist. Wo immer Gott ins Spiel kommt, möchte er für den allumfassenden Frieden sorgen, den Shalom, den nur er schenken kann. Den brauche ich, der tut mir und anderen gut.

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