Undank, Habgier und die Liebe Gottes

Essay

Ist Undank mehr als nur die Abwesenheit von Dank? Hat er tiefere Wurzeln, verborgenere Ursachen? Und was wird aus einem, der sich dem hingibt? Fragen, die Dr. Steffen Schulte beschäftigt haben, und denen er neben dem reinen Menschenverstand auch einen Blick in die Bibel entgegensetzt. Mit einem erstaunlich schlichten wie nachvollziehbarem Ergebnis.

Gerade sah ich auf YouTube ein kurzes Interview mit einem obdachlosen Jungen aus Wales. Andy ist sein Name und er ist 21 Jahre alt. Sein Vater ist Alkoholiker. Er hat es bei ihm zuhause nicht mehr ausgehalten und lebt seit einigen Wochen auf der Straße. Er ist beschämt, dass er tagsüber mit einer Decke durch die Stadt laufen muss, aber er braucht sie nachts, sonst ist es ihm einfach zu kalt. Während er redet, kommen ihm immer wieder die Tränen. Er spricht über die Verachtung, die er erlebt und darüber, wie sehr er sich wünscht, von anderen Passanten als normaler Mensch gesehen zu werden. Er hofft, dass jemand auf die Idee kommt, ihm eine Zahnbürste und Zahnpasta zu geben, und dass er sich mal richtig waschen und rasieren kann. Am Ende fragt ihn der Interviewer, welches seine drei größten Wünsche seien: Arbeit, ein Haus und eine Familie. Er weint. 

Erwarte ich Dank?

Während der Abspann läuft, wird mir deutlich: Ich habe alles, was Andy sich wünscht. Trotzdem bin ich manchmal undankbar. Zudem frage ich mich, ob es nicht auch Dinge und Momente gibt, für die auch er noch dankbar sein könnte. Echt? Erwarte ich wirklich von Andy, dass er dankbar ist? Nein, das tue ich nicht! Das wäre doch grotesk. Gleichzeitig macht mir seine Situation bewusst, dass mein Undank, der immer mal wieder in mir hochkommt, keine Grundlage hat. Von mir erwarte ich Dankbarkeit, und während ich weiter über das Interview nachdenke, kommt in mir eine gesunde Verachtung für meinen eigenen Undank auf. Mir wird wieder klar, dass Dankbarkeit relativ ist. Sie ist relativ, weil sie davon abhängt, mit wem ich mich vergleiche und was ich erwarte. 

Ein Hindernis, das der Dankbarkeit entgegensteht, sind falsche Vergleiche. Unser Blick ist leider zu oft darauf fokussiert, was uns fehlt. Darauf zielt auch die Werbung. Sie lenkt unseren Blick auf das, was wir nicht haben, und verspricht uns ein besseres Leben durch das, was sie uns aufzudrängen versucht. Wir vergleichen unsere Situation leider meist, indem wir in die falsche Richtung schauen. Anstatt auf die zu blicken, die weniger haben, messen wir uns mit denen, die mehr haben und denen es vielleicht gerade – vermeintlich – besser geht. Dankbarkeit ist aber auch kein Automatismus. Nur weil es Dinge in meinem Leben gibt, für die ich dankbar sein kann, heißt das nicht, dass ich auch dankbar dafür bin. Dankbarkeit zu leben ist mühsam. 

Es muss nicht perfekt sein

Undank entsteht leider viel leichter und automatischer als Dankbarkeit. Auch bei Erwachsenen. Um dankbar zu sein, muss nicht alles perfekt sein. Jeder Mensch erlebt Enttäuschungen, Verletzungen und Verluste. All dies gehört zum Leben dazu. In der Bibel werden wir aufgefordert, Gott allezeit zu danken (z. B. Eph. 5,20). Das heißt aber auch, dass Gott uns immer Grund gibt zur Dankbarkeit. Somit ist Dankbarkeit kein Zufallsprodukt oder Glücksfall, sondern etwas, das wir durch unseren Glauben erlangen können! Dankbarkeit ist in allen Lebenssituationen möglich. Allerdings wird diese Aufforderung oft missverstanden, so als müssten wir für alles dankbar sein. Wir sollen für alles, was Gott für uns tut, und für alles Gute dankbar sein. Beides sollen wir uns immer vor Augen halten, gerade dann, wenn wir in schwierigen Lebenssituationen sind. Was uns die Bibel aber hier zeigt, ist, dass es auch in jeder schweren Lebenslage immer noch ausreichend Dinge gibt, für die wir danken können. Gleichzeitig – und dies ist sehr wichtig – bedeutet diese biblische Aufforderung nicht, dass man die Augen vor all dem Unangenehmen verschließen sollte. Wir müssen undankbare Emotionen nicht unterdrücken, und es hilft auch nicht, eine Maske der Dankbarkeit zu tragen, hinter der sich unsere wahren Gefühle verstecken. Solche Strategien des Ausblendens halten nicht lange. Sie sind ungesund und verhindern einen authentischen, lebensfähigen Glauben. 

Gott lädt uns ein

Aber wie geht das? Wie entsteht authentische Dankbarkeit in einer Welt mit so viel Leid und Ungerechtigkeit? Eben deshalb erhalten wir in der Bibel nicht nur den Auftrag zum Danken, sondern werden auch eingeladen, zu weinen und zu klagen. Dies sehen wir besonders in den Psalmen und natürlich auch in den Klageliedern. Dies tun wir als Christen, nach allem, was ich diesbezüglich wahrnehme, viel zu selten. Viele haben schon angemerkt, dass unser Liedgut in unseren Gemeinden die Aspekte des Klagens und Weinens viel zu wenig behandelt. Aber Gott lädt uns ein, ihm unser Leid zu klagen. Wir beklagen das Leid in der Welt. Das Leid in unserem Leben. Unsere eigene Unfähigkeit, so zu leben wie wir es wirklich wollen und sollten. Gesunde und heilsame Dankbarkeit kann nur dann entstehen, wenn wir ehrlich mit unseren Emotionen zu Gott kommen. Genau dies wird uns zum Beispiel in den Psalmen vorgemacht. Sie zeigen uns, wie wir mit Gott reden können. 

Wahre Dankbarkeit braucht auch das Klagen. Für die Dinge, die nach Wunsch sind, sollen wir Gott danken. Für alles, was wir im Glauben von ihm erhalten: die Vergebung unserer Schuld, dass wir seine Kinder sein dürfen, das ewiges Leben und vieles, vieles mehr. Ebenso für all das Gute in unserem Alltag: Essen, Strom, Freunde, Familie, Arbeit – ich könnte die Auflistung unendlich fortsetzen. Auch wenn nicht alles dabei ist, was wir uns wünschen, so ist doch Gott immer da und daher haben wir auch immer Anlass zur Dankbarkeit. Gleichzeitig ist dies auch eine Welt, in der es Ungerechtigkeit, Gier, Hass und unsagbar viel Böses gibt. Darum müssen wir auch klagen. Wer für das dankt, was sein Leben schön und lebenswert macht, und wegen all des Leides und der Ungerechtigkeit, die er trotzdem sieht, klagt, der wird merken, dass seine Dankbarkeit – weil sie in Gott gefestigt ist – immer weiterwächst. Der wird unheilbar dankbar.

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