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Rückgrat will ich haben

Essay

Du sollst dankbar sein! Was klingt wie das elfte Gebot, ist tatsächlich eine in Sprache und Form leicht abgewandelte Anweisung von Paulus aus dem Neuen Testament: seid dankbar in allen Dingen! Aber lässt sich das einfach so befehlen? Ist Dankbarkeit nicht ein Produkt aus Aktion, Empfindung und Reaktion – und sollte zutiefst freiwillig geschehen? Pascal Würfel, Pfarrer einer evangelischen Gemeinde in Karlsruhe, nimmt uns mit auf eine gedankliche Entdeckungsreise.

Eine kleine Szene aus unserer Nachbarschaft: Über sechs Monate lebte ein junges Paar in unserem Gemeindehaus. Viel haben wir gemeinsam erlebt: manche schwierigen Momente durchstanden und uns über positive Nachrichten gefreut. Viel Hilfe war nötig, wir haben sie gerne gegeben. Vor zwei Wochen verabschieden sie sich Hals über Kopf, ziehen weiter. Sagen einfach: Auf Wiedersehen. 

Ortswechsel: Beim Metzger, freitags auf dem Wochenmarkt: Ein junger Familienvater kauft ein, im Schlepptau seine vielleicht vierjährige Tochter. Als alle Wünsche geordert und bezahlt sind, gibt es eine obligatorische Scheibe Wurst für das Kind, der Vater reicht sie seiner Tochter, schaut sie auffordernd an und als sie dann immer noch keine Anstalten macht etwas zu sagen, ermahnt er: „Wie sagt man?“ Die Tochter schaut verlegen zur Seite und beißt in ihre Wurst. Der Metzger grinst und freut sich trotzdem.

Beim Arzt, vor einigen Jahrhunderten: Eine schwierige Krankheit macht die Runde, gleich zehn Freunde sind von ihr befallen. Existenzen sind bedroht. Wer wen angesteckt hat, wissen sie nicht. Aber sie haben ziemliche Schmerzen. Einer kommt auf die Idee, diesen Jesus um Rat zu fragen. Gesagt, getan – und er hilft ihnen. Alle freuen sich, sind überglücklich und starten sogleich in ihren Alltag. Einer kommt zu Jesus zurück und sagt: Danke.

„Jesus fordert den Dank ein, und gleichzeitig war es für ihn keine Voraussetzung, den Menschen zu helfen.“

Und wenn die Wurst nicht schmeckt?

„Undank ist der Welt Lohn“, lautet ein Sprichwort. Man könnte meinen, diese Geschichten laufen nur auf diese triviale Erkenntnis heraus. Naja, da haben es ein paar Leute nicht ganz verstanden wie das mit dem Danke sagen so geht. Und wie gut es wäre, wenn sich das als Herzenshaltung einüben ließe. Schließlich wissen das schon unsere Kinder: Bekommst du was, bedanke dich dafür. Sonst wird es peinlich, am meisten vermeintlich: für die Eltern. Dabei mag die Tochter aus dem Beispiel vielleicht gedacht haben: Warum soll ich mich für etwas bedanken, das ich noch gar nicht probiert habe? Mir stellt sich unweigerlich die Frage: Lässt sich Dankbarkeit verordnen? 

Danke sagen geht leicht von der Lippe, wenn mir etwas besonders gut gelungen ist, wenn ich von einer Krankheit geheilt wurde oder doch keine 6 im Mathetest hatte. Wenn mein Stoßgebet erhört wurde, kommt mir leicht ein „Danke“ über die Lippen. Aber die Geschichte aus der Bibel zeigt auch: Selbst, wenn eine existentielle Krise abgewendet werden konnte, ist der Blick auf die Dankbarkeit verstellt. Zumindest bei neun der zehn Freunden. Jesus mahnt das an. Ziemlich harsch. Zu harsch? Vielleicht haben die anderen bereits die Erfahrung gemacht, dass sie der Freude über die Gesundheit nicht trauen können und die Angst vor einem Rückfall ihren Dank noch zurückhalten lässt. Vielleicht kennen diese Neun auch noch neun andere Kranke, und sind unzufrieden damit, dass denen nicht geholfen wurde. Vielleicht sind sie noch immer verbittert, dass es sie überhaupt getroffen hat mit dem Aussatz, und sie wollen und können deshalb noch nicht für ihre Heilung danken. Vielleicht sind sie einfach auch nur noch zu schwach. Sie wollen den Dank nachholen, haben aber diesen einen schon einmal vorgeschickt. Vielleicht aber halten sie ihre Gesundheit auch schon wieder für sehr selbstverständlich. Und vergessen darüber, sich bei demjenigen zu bedanken, der dafür verantwortlich ist. Ähnlich denen, die schon wenige Tage nach Lockerung der Corona-Regeln wieder ohne Mundschutz und Abstand freimütig am Feiern gewesen sind. 

Glaube, Wirkung, Veränderung

Vielleicht – es sind Mutmaßungen. Die Bibel erzählt nichts darüber, sondern zeigt lediglich auf den einen, der sich bedankte. „Steh auf“, sagt Jesus am Schluss, „geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.“ Jesus spannt den Bogen weiter: Dein Leben ist gerettet, du gehörst jetzt zu mir. Eine Veränderung, die wirkt, die bleibt. Jesus fordert den Dank ein, und gleichzeitig war es für ihn keine Voraussetzung, den Menschen zu helfen. Ich erlebe das oft: Dass ältere Menschen, mit denen ich spreche, dankbar sind, dass Gott ihnen noch Gesundheit schenkt. Sie erfüllen damit genau das, was Jesus in der Geschichte verlangt. 

Ist es am Ende also eine Altersfrage, wenn ich darüber nachdenke, ob man Dankbarkeit verordnen kann? Ich glaube nein, denn: Man kann es schlicht nicht. Weil zu viel in meinem Leben den Blick auf die Dankbarkeit verstellt. Ich will sie trotzdem einüben. Jeden Tag, vielleicht. Und vielleicht gerade jetzt, in dieser Zeit. Ja, es war manches schwierig in den vergangenen Wochen und ist es immer noch. Ja, Corona beschwert und erschwert meinen Alltag. Und Homeschooling und Homeoffice machen irgendwann einfach keinen Spaß mehr. Aber ich bin noch immer gesund, keiner meiner Freunde hat sich infiziert, der Staat hat zumindest in Deutschland die Krankheit gut eindämmen können. Da gibt es viele Gründe zum Danken. Wenn ich dankbar bin, kann ich anders und jeden Tag neu auf das eigene Leben schauen. Dann suche ich nach den Spuren Gottes in meinem Leben und mir wird das Wunderbare im Alltag wichtig. Das Privileg, zu sein. Im 103. Psalm betet einer: „Lobe den Herren meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Die Bibel kennt dabei keine Prioritätenliste. Paulus betont beispielsweise immer mal wieder die Wichtigkeit „in allen Dingen“ dankbar zu sein. (1.Thessalonicher 5,18). Es kommt also nicht im Einzelnen darauf an, wofür ich dankbar bin, sondern dass ich dankbar bin.

Gestärkt durchs Leben

Entscheidend ist vielmehr die Blickrichtung. Das Wissen, an wen ich meine Dankbarkeit richten kann. Ich wünsche mir, dass die Dankbarkeit zu meinem Rückgrat wird. Ein Rückgrat, mit dem ich gestärkt durch mein Leben gehe, und dabei auch über Menschen oder Situationen hinwegsehen kann, die mir gegenüber ihre Dankbarkeit gerade nicht zeigen können. Oder niemals gelernt haben, dankbar zu sein. Ich bin mir sicher: Nicht nur der Metzger vom Wochenmarkt hat ein solches Rückgrat. Sondern Jesus, der hatte es auch. Ein ziemlich starkes Rückgrat der Dankbarkeit.

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