Gespenstische Stille

Existenziell

Für manche hat das Corona-Virus alles auf den Kopf gestellt, zum Beispiel für Johanna und Nico Postelt, Hoteldirektoren-Ehepaar und Eltern von drei Kindern, deren Leben plötzlich hin- und hergerissen war zwischen Glauben und Verzweiflung, Hoffnung und Aussichtslosigkeit, Zuversicht und Frustration. Johanna wagte sich nur zögernd an diesen Beitrag, denn es ist noch lange nicht vorbei. Umso wichtiger ist die aufrechte Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken.

Es ist Ende Februar. Wir besuchen Freunde in der Schweiz. Hinter uns liegt ein wunderbarer Skitag mit viel Sonne, perfektem Schnee und begeisterten Kindern. Jetzt sitzen wir zusammen bei einem leckeren Abendessen, reden miteinander und lachen zusammen – ehrlich gesagt, auch ein bisschen über den Trubel um das fremde Coronavirus. Nach diesem Urlaub fühlen wir uns sehr glücklich, sehr dankbar, dass wir so schöne Tage erlebt haben.

Das Lachen ist uns vergangen

Schon zwei Wochen später können wir nicht mehr über Corona lachen. In den Medien liest man, dass alle Messen wegen des Coronavirus abgesagt werden. Auch eine große Messe in Stuttgart ist betroffen. Das Landschloss wäre die ganze Woche durch Messegäste ausgebucht gewesen. Und dann passiert alles innerhalb weniger Stunden: alle Zimmer für die Messewoche werden storniert, außerdem eine große Veranstaltung fürs Wochenende und eine Tagung. Ab jetzt geht das jeden Tag so. Ein Storno folgt dem anderen. In einem Monat, in dem bei uns das Jahr sonst so richtig anläuft, leert sich der Kalender von Tag zu Tag. Zwei Wochen lang klingelt das Telefon nur noch für Stornierungen. Alle Tagungen und alle Feste für die nächsten Wochen werden abgesagt. Dann klingelt das Telefon fast gar nicht mehr. Wir sind wie im Schock. Kein Gast mehr im Hotel, kein Mitarbeiter hat noch etwas zu tun. Es herrscht fast gespenstische Stille. Zu Hause ist der Shutdown ebenfalls eingetreten. Alle drei Kinder sind zu Hause. Keine Schule mehr, kein Fußballtraining, keine Freunde treffen mehr am Nachmittag. Hier herrscht keine Stille, sondern das Leben spielt sich jeden Tag komplett in unserem Haus ab. Zusammen mit den Kindern richten wir uns auf das Homeschooling ein. Ab jetzt muss jeden Morgen wenigstens einer von uns Eltern zu Hause sein, um zu unterstützen. Gerade für den Erstklässler ist das Lernen allein zu Hause schwer. 

Immer zwischen Tür und Angel

Innerhalb von wenigen Tagen müssen wir viele Entscheidungen treffen. Aber nicht in Ruhe, sondern immer zwischen Tür und Angel, zwischen Hotel und zu Hause, zwischen Panik und Zuversicht. Wir entscheiden uns, im Hotel alle in Kurzarbeit zu gehen. Aber nicht zu 100%. Das Hotel soll wenigstens eingeschränkt geöffnet sein. Alle Mitarbeiter sollen wenigstens ein paar Stunden in der Woche arbeiten können. Wir möchten dran bleiben an den Gästen, die sich um ihre Hochzeitsfeier sorgen. An den Mitarbeitern, die von der Arbeit leben. Wir möchten erreichbar sein, wenn es Fragen gibt. Wir füllen Anträge und Formulare aus, um das Überleben des Betriebs zu sichern. Wir planen und überlegen und haben dabei das Gefühl, völlig im Nebel zu stochern. Die Tage haben sich geändert. Jeder Tag fühlt sich an wie ein schwerer Brocken. Erreichbar bleiben bedeutet eben auch, schwierige Telefonate zu führen, weiterhin mit Menschen umzugehen, die allesamt im Ausnahmezustand sind. Und mitzukriegen, wie alle finanziellen Sicherheiten für die nächsten Monate verschwinden. Wir spüren großen Druck, merken, dass unsere Ausstrahlung auf die Mitarbeiter großen Einfluss hat. Wenn wir zuversichtlich sind, wirkt sich das positiv aus. Wenn die Sorgen bei uns Überhand nehmen, negativ. Abends danken wir Gott, wenn wir wieder einen Tag geschafft haben. Wir sind Menschen, die Dinge gern in die Hand nehmen, die normalerweise agieren, statt zu reagieren. Wenn etwas nicht perfekt läuft, erhöhen wir den Einsatz, damit es besser wird. So lief es bisher. Jetzt ist alles anders. So viel wir auch strampeln und uns abmühen, rutscht uns bei der Arbeit doch alles aus der Hand. Wir spüren totale Machtlosigkeit. Das ist schwer auszuhalten.

An einem Morgen lese ich in der Bibel: „Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.“ Das trifft unsere Situation. Wo wir sonst gestalten, Ideen umsetzen, Anweisungen geben, ist es nun unsere Aufgabe, an der Stelle, an der wir sind, treu unsere Arbeit zu tun und den Druck auszuhalten. Ausharren statt loslegen. An Ostern haben wir die Idee, ein To-go Menü zu verkaufen. Wenigstens etwas wollen wir gestalten. Und die Gäste nehmen es an. Ab sofort verkaufen wir jede Woche viele Menüs. Die Gäste genießen es, aber sie wissen auch, dass wir Unterstützung benötigen.

„Aber wir spüren, dass wir nicht allein sind. Wir erleben, dass Gott nicht nur uns, sondern ganz besonders auch unsere Kinder im Blick hat.“

Die Leichtigkeit ist schwer geworden

Zu Hause sind die Kinder weiter im „Homeoffice“. Sie machen es gut. Sie kriegen viel von unserer Belastung mit. Familie und Arbeit lassen sich schwer trennen, wenn man als Ehepaar auch den Job teilt. Trotzdem wirken die Kinder entspannt, fast gelassen. Ganz sicher nicht, weil wir Gelassenheit ausstrahlen. Das Gegenteil ist ja der Fall. Aber wir spüren, dass wir nicht allein sind. Wir erleben, dass Gott nicht nur uns, sondern ganz besonders auch unsere Kinder im Blick hat. Und wieder spüren wir Dankbarkeit.

Ende Mai dürfen Restaurants wieder öffnen. Wir haben aber kein klassisches Restaurant. Das Landschloss lebt davon, dass viele Menschen sich begegnen: bei Feiern und bei Tagungen. Das bleibt erst einmal verboten. Drei Wochen später dürfen wieder Veranstaltungen unter strengen Vorschriften stattfinden. Hochzeiten ohne Singen und ohne Tanz. Viele möchten in diesem Sommer unter diesen Bedingungen nicht mehr feiern und verschieben auf das nächste Jahr. Die Firmen dürften wieder tagen, tun dies aber nicht, da sie nun auch sparen müssen. Für uns ist das Ende der Krise noch lange nicht in Sicht. Es gibt Tage, da fühlen wir uns so unsicher wie zu Beginn der Krise. Im Moment ist nicht absehbar, wann das Landschloss wieder genug Umsatz machen wird, um alle Mitarbeiter wieder voll bezahlen zu können. 

Nicht die Dankbarkeit von früher

Und dann schaue ich zurück und sehe, dass Gott uns nun schon einige Monate versorgt hat. Im Hotel und auch zu Hause, wo wir beschenkt sind mit schönen Momenten. Mit spontanen Grillabenden auf der Terrasse, mit tiefen Gesprächen und dicken Freunden, mit unseren fröhlichen Kindern. All das macht mich dankbar. Aber es ist gerade nicht die Dankbarkeit, die ich von früher kenne. Dankbarkeit war im Kopf eng verknüpft mit Freude, mit schönen Erlebnissen, mit Glücksgefühlen. Jetzt erlebe ich Dankbarkeit gleichzeitig mit großer Angst, mit Machtlosigkeit und Unsicherheit. Es ist kein erhabenes Gefühl. Im selben Moment, in dem ich Gott für etwas danke, fühle ich mich hilflos und allein gelassen. 
Ehrlich gesagt: ich freu mich wieder auf die überschäumenden Momente voller Glück und voller Dankbarkeit. Ich glaube, dass sie wiederkommen. Und bis dahin ist es wohl dran, zu tun, was uns möglich ist, zu vertrauen und auszuhalten.

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