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Es wird gut sein, wie Gott es macht

Interview

Mit Erscheinen seines Buches trat Dr. Peter Tauber zu einem ungewöhnlichen Thema in die Öffentlichkeit: eine lebensgefährliche Darm-Erkrankung nahm den Generalsekretär der CDU unmissverständlich aus dem Rennen. Aus der Traum vom „Superpeter“! Detlef Eigenbrodt traf den Staatssekretär des Verteidigungsministeriums in seinem Lieblingscafé im hessischen Gelnhausen und fragte nach seinem Glauben. Taubers Fazit: es geht jederzeit auch ohne mich, aber ohne Gott geht es nicht!

Herr Tauber, warum New York und nicht Cape Town?
New York kenn ich schon, da weiß ich, was ich krieg, da bin ich wohl eher konservativ. Aber in Cape Town gibt es einen Lauf, an dem ich gern mal teilnehmen würde, den Two Oceans Marathon. Ein sehr guter Freund ist den schon zweimal gelaufen. Doch der Lauf ist immer so um Ostern herum, und das ist einer der Zeitpunkte, an denen ich nicht so gerne weg bin.

Weil das Familienzeit ist?
Ja. Da kommt die ganze Familie zusammen. Und ich komme ja nicht so oft dazu, in die Kirche zu gehen, wie ich gerne möchte, deshalb sind Ostern und Weihnachten unbedingt reserviert, da gehe ich eigentlich immer in meine Kirche und anderes muss sich unterordnen.

Was ist Ihre Kirche?
Die Marienkirche in Gelnhausen. Ich habe mir die Geodaten auf den Arm tätowieren lassen. Das mit dem Tattoo war damals vielleicht auch so ein bisschen Rebellion gegen das, was man von einem Generealsekretär der CDU erwartet. Ich wollte das unbedingt, aber dann fiel mir kein vernünftiges Motiv ein. Und so ein Allerweltsding wollte ich auch nicht. Dann kam mir die Idee mit dem Lieblingsort, also dem Ort, der mir der wichtigste ist: Meine Kirche. Damit habe ich zwei Bezugspunkte im Leben, ohne die ich nicht will. Den lieben Gott und meine Heimatstadt Gelnhausen. Durch das Tattoo habe ich sie jetzt immer irgendwie bei mir.

Ich habe gelesen, Sie stünden theologisch ganz außen am rechts-konservativen Rand?
Ich kann mit diesen holzschnittartigen Zuschreibungen und dem Einsortieren in Schubladen wenig anfangen. Aber tatsächlich, bei Fragen des Schutzes des Lebens werde ich ins Lager der Abtreibungsgegner gesteckt, und da würde ich mich auch selbst zuordnen. Obwohl ich mich nur sehr vorsichtig dazu äußere, irgendwie bin ich als Mann da ja in einer Position, dass es mich nicht direkt am eigenen Leib betrifft. Aber wir sollten schon auch laut sagen, dass bei uns jährlich Kinder in der Größenordnung einer deutschen Großstadt abgetrieben werden. Vermutlich ohne dass viele wirklich wissen, auf was sie sich da einlassen. Ich meine, wir müssten mehr Hilfesysteme an den Start bringen, die den Paaren helfen. Auf der anderen Seite war ich einer ersten in der CDU, der für die Gleichstellung der Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren eingetreten ist. Das ist jetzt nicht so die Position des evangelikalen Lagers. Vielleicht entspricht das meiner evangelischen Freiheit, mal konservativ, mal liberal zu sein in meiner Positionierung …

… und dafür dann auch Kritik einzustecken?
Sicher. Wenn man sich po-sitioniert, muss man auch bereit sein, es durchzutragen. Menschen werfen mir das durchaus auch vor und sagen: Warum redest du darüber, dass du gläubig bis? Politik und Kirche haben doch nichts miteinander zu tun. Du kannst uns doch nicht vertreten, wenn du gläubig bist und wir nicht. Ich meine aber: ich will denen, die mich wählen, zumuten zu wissen, was ich denke und wo ich stehe. Das haben sie verdient. Insgesamt erlebe ich eine latente Christenfeindlichkeit, die nicht von Juden oder Muslimen ausgeht, sondern eher von Menschen, die gar nichts glauben. 

Wie kommen Sie darauf?
Ich erlebe ja, wie sie auf das reagieren, was ich sage oder tue. Zum Beispiel: ich habe die Losung auf Twitter abonniert, und wenn ich meine, dass die aktuellen Verse zu tagespolitischen Ereignissen passen, dann teile ich sie. Da gibt es immer Reaktionen, ich kriege da Zuspruch, aber auch Ablehnung.

Ist es denn überhaupt möglich, als Christ seine Überzeugung in die Politik einzubringen? Immerhin ist das in einer Demokratie nicht der einzige Wert, der zählt …
Habermas, der jetzt nicht unbedingt bekannt ist als Vertreter christlicher Gedanken, hat sinngemäß gesagt: „Unsere Gesellschaft kann nicht auf Christen verzichten, sie braucht das Korrektiv“. Aber Christen müssen eben auch verstehen: wir können und müssen unsere Position einbringen, aber wir dürfen nicht den Anspruch haben, dass sie in jeder Lage wirkungsmächtig ist. Wir sind nur eine Stimme in der pluralistischen Gesellschaft. Eine wichtige zwar, aber nur eine von vielen.

Ist Ihnen der Glauben anerzogen worden?
Nein, das würde ich nicht so sagen. Aber ich bin in einem Umfeld großgeworden, in dem er sich positiv entwickeln konnte. Ich bin getauft, konfirmiert, immer mal wieder mit meiner Mutter in die Kirche gegangen und habe nach der Gute-Nacht-Geschichte mit meiner Oma gebetet. Das war alles irgendwie Teil des Alltags, aber nicht eine reflektierte Entscheidung. Man kann es christliche Erziehung nennen, jedenfalls hab' ich das so nicht wahrgenommen.

Gab es für Sie ein geistliches Aha-Erlebnis, durch das Ihre Beziehung zu Gott auf eine andere Stufe gerutscht ist?
Das geschah wohl am ehesten durch besondere Begegnungen mit Menschen, die mich im Glauben herausgefordert haben. Ich denke an eine Predigt – ich war sehr jung und der Pfarrer hat das Judasbild provokant in Frage gestellt: musste Judas nicht Jesus verraten, damit die Geschichte funktioniert? Und dürfen wir deshalb überhaupt Judas richten? Sicher, das mag theologisch eine sehr freie Interpretation gewesen sein, ich bin da kein Fachmann, aber ich fand die Frage spannend. Was macht das mit einem, wenn man Dinge tun muss, damit sich die Geschichte erfüllt? Mein Fazit daraus ist: sind wir nicht oft zu schnell mit unserem Urteil über andere Menschen dabei und brechen den Stab über sie? 

Im Februar haben Sie Ihr Buch „Du musst kein Held sein“ veröffentlicht. Wie sind die Reaktionen anderer Politiker dazu ausgefallen?
Mehrheitlich sehr positiv. Was mich unheimlich freut. Viele finden es gut, weil sie nachvollziehen können was ich schreibe. Diejenigen, die das falsch finden, die sagen mir das nicht offen. Aber die wird es sicher auch geben. Viele Kollegen meinten, es sei mutig.

Warum mutig?
Weil ich Schwäche zugebe. Und für Schwäche ist das politische System nicht ausgelegt.

Hat es Sie denn Mut gekostet?
Ne, Mut nicht. Als der Verlag mich anfragte, ob ich meine Geschichte aufschreiben wolle, sagte ich erstmal: „Wen interessiert das denn?“ Die sagten dann: „Sie glauben ja nicht, wie viele sich mit ganz ähnlichen Fragen beschäftigen, Menschen, die in der Mitte ihres Lebens stehen, hingefallen sind, versagt haben und nicht wissen, wo sie hinwollen.“

Ist denn „Hingefallen“ das richtige Wort in Ihrem Fall?
Ja, ich meine schon. Ich habe nicht genug auf mich selbst geachtet, hatte kein Regulativ, bin an mir und meinen Ansprüchen durchaus gescheitert und hingefallen.

Deshalb heißt das Buch dann auch „Du musst kein Held sein“?
Für mich stand alles super. Bevor ich krank wurde hatte ich ein fast unverschämtes Gefühl der Unverwundbarkeit. Ich war aktiver Sportler, hatte einen Spitzenjob in der Politik, saß jeden Morgen neben Merkel am Tisch. Ich fühlte mich tatsächlich wie ein Superheld.

Höre ich hier die Gegenüberstellung von Hochmut vor der Krankheit und Demut danach?
Ja, vielleicht, ein bisschen ganz sicher. Ich glaube, ich war immer demütig im Sinne von dankbar sein, aber das auf mich achten und mir meine Grenzen einzugestehen, das konnte ich nicht gut. Da kam sicher der Hochmut raus.

Die Plötzlichkeit Ihrer Erkrankung hat Sie dann ja von jetzt auf gleich aus dem Spiel genommen. Waren Sie da nicht im Grunde dankbar, dass das Leben eine Entscheidung für Sie getroffen hat, die Sie selbst nicht zu treffen bereit waren?
Eigentlich schon. Ich wusste ja, dass das irgendwann kommen wird und meine Kraft einfach nicht mehr ausreicht, aber ich wollte den Schritt nicht tun. Da war auch immer die Frage dabei, was die anderen wohl von mir denken. Jetzt hatte ich plötzlich nicht mehr mitzureden, mein Körper gab mir vor, was zu tun war. Was andere über mich dachten, spielte plötzlich keine Rolle mehr, ich hatte auch gar keine Kraft mehr, mir darüber Gedanken zu machen. 

Haben Sie in dieser Zeit in der Bibel gelesen?
Immer wieder. Ich habe so eine Bibel App, da habe ich kreuz und quer gelesen, dann mal rund um die Losungstexte, auch Musik wie die Lieder von Paul Gerhardt haben mir sehr geholfen.

Und Hiob?
Nee, der nicht so. Eher ein Ausspruch von Friedrich Rückert: „Füge dich der Zeit, erfülle deinen Platz und räum ihn auch getrost: Es fehlt nicht an Ersatz!“ Ich meine, das ist eine gute Haltung im politischen Alltag. Das Loslassen fiel mir nicht so schwer, aber, wie gesagt – auch erst, nachdem ich die Entscheidung aus der Hand genommen bekam.

Insgesamt geht es also ohne Tauber?
Es geht sowieso immer ohne Tauber, die Frage ist nur, ob Tauber ohne das kann, was er hat und macht.

Kann er?
Jetzt ja, früher durchaus sehr schwer bis eher nein. Ich bin sehr dankbar für dieses „zweite Leben“, das mir geschenkt wurde, ich feiere tatsächlich zwei Mal Geburtstag.

Haben Sie denn nicht manchmal Angst vor morgen?
Nein.

Warum nicht?
Weil ich Gott vertraue. Es wird schon gut sein, wie er es macht!

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Herr Tauber. Ich wünsche Ihnen Gutes, Gesundheit und Gottes Segen.

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