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Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen

Psychologie

Den kennen wir, hm? Der eine schenkt etwas her, der andere überlegt bereits fieberhaft, wie er wieder aus der Nummer rauskommt. Wäre ja wohl noch schöner, wenn sich das Geschenk nicht durch ein Gegengeschenk toppen ließe. Es fühlt sich eben nicht so gut an, nur beschenkt zu werden und sich dadurch irgendwie abhängig zu fühlen. Dr. Martina Kessler geht den Ursachen auf den Grund und meint: ein schlichtes „Danke“ ist nicht immer die Lösung.

Ich hatte eine Freundin, die mich mit Geschenken überschüttete. Während ich ihr zum Geburtstag eine liebevoll ausgewählte Kleinigkeit schenkte, bekam ich von ihr einen dicken Blumenstrauß und immer noch etwas zusätzlich. Mit der Zeit wurde mir das zu viel. Selbst als wir fast nichts mehr miteinander zu tun hatten, behielt sie diese Praxis bei. Später fand ich an vielen meiner Geburtstage ihre Geschenke vor der Haustüre. Ich hatte ihren Geburtstag „mal wieder“ vergessen, weil wir uns auseinandergelebt hatten. Nach einigen Jahren hatte ich genug. Ich schrieb ihr einen Brief – mit der Hand! Damit wollte ich Wertschätzung ausdrücken, aber ich wollte auch deutlich machen, dass die – nun einseitige – Schenkerei dem Beziehungsstatus nicht mehr entspricht. Nun ja, das war das Ende einer langen Beziehung, was mir heute noch leidtut. Was war da passiert? Kann ich mir etwa nichts schenken lassen? Dieser Tage brachte eine andere Freundin eine große Schüssel mit reifen Kirschen aus dem eigenen Garten vorbei. Dankbar haben wir sie verzehrt. Wir könnten gerne noch mehr Kirschen haben, sagt sie. Ihr Mann fällte bei uns im Garten einige Bäume. Dankbar nahmen wir diesen Freundschaftsdienst an. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals in ihrem Garten mitgearbeitet haben. Aber als die beiden in großer innerlicher Not waren, standen wir ihnen intensiv bei. Ich erkenne: Doch, ich kann dankbar etwas annehmen, ohne eine Gegenleistung zu erbringen.

Dankbarkeit ist wie ein Echo

Dankbar ist man nur für etwas Gutes. Man beantwortet empfangenes Glück und macht so seinerseits mit Dankbarkeit glücklich. Man verlängert das Glück und so ist es ein sekundärer Genuss. 

Die Tugend der Dankbarkeit macht frei, die Gegenwart zu genießen. Sie bewegt sich zwischen der Traurigkeit, etwas nicht bekommen zu haben, und dem alles selbstverständlich und gierig für sich einzunehmen. Um dankbar sein zu können, braucht es nach dem katholischen Philosophen Roman Guardini drei Bedingungen: Dank gibt es nur zwischen Personen, Dank braucht Freiheit und ist sinnlos, sobald er erzwungen wird und Dank gibt es nur in gegenseitiger Achtung. Ohne Achtung wird er zur Kränkung. Wer dankbar ist, erkennt: Ich bin abhängig von anderen. Dankbarkeit kann deshalb auch als fröhliche Demut oder demütige Freude bezeichnet werden. Der undankbare Mensch behält die Freude für sich – er ist egoistisch, weil er Freude nicht teilt.

„Manche Menschen müssen andere in ihre Schuld bringen, damit sie selbst einen Gewinn davon haben.“

Da ist zunächst die Beziehung zwischen Freunden: Hier fällt es den meisten Menschen leicht, in der Schuld anderer, ohne Gegenleistung, zu verharren. Langfristig wird man davon ausgehen, dass sich das Konto ungefähr ausgleicht, weil gesunde Freundschaften gleichwertige Partnerschaften sind. 

Auch in der Beziehung zu Fremden ist es zumeist nicht sonderlich schwer, dankbar zu sein und sich nicht in der Schuld der anderen zu erleben. Wenn mir ein fremder Mann in der Bahn seinen Platz anbietet, nehme ich diesen dankbar an. Wenn mir eine Verkäuferin ein kleines Weihnachtsgeschenk in die Hand drückt, freue ich mich. Wenn mir der Postbote ein schweres Paket bis in den Hausflur trägt, bin ich erleichtert. In keinem der Fälle erbringe ich eine Gegenleistung.

Dankbarkeit ist nicht ganz einfach

Es gibt aber auch Leute, die nicht gerne in der Schuld anderer stehen. Vielleicht haben sie erlebt, dass die Rechnung auf dem Fuße folgt. Vielleicht wurden sie dadurch mit Erwartungen konfrontiert, die sie nicht erfüllen wollten. Vielleicht denken sie dann sogleich: „Wie kann ich das wieder gut machen?“ oder „Jetzt muss ich mich noch mehr anstrengen.“ Die Beschenkten fühlen sich unter Druck, weil sie sich nicht mehr frei fühlen, und manchmal sind Schenkenden schnell unter Druck, weil sie denken: Das wird von mir erwartet. 

Schwierig wird es auch, wenn bei dem Geschenkten unterschwellig Dinge mitschwingen, die man nicht so gut erfassen kann. Mit Geschenken wird der andere genötigt zu lieben. Sicher, für manche Menschen ist das eine Liebessprache. Und doch muss man sich die Frage stellen: Will ich den anderen durch Geschenke lenken? Manche Menschen brauchen jemanden in ihrer Schuld (auch Helfersyndrom genannt): Ein typischer Satz solcher Leute ist: „Es ist so schön, wenn der andere dann dankbar ist!“ Sie müssen andere in ihre Schuld bringen, damit sie selbst einen Gewinn davon haben. Ich hatte eine kleine Operation und war danach auf Hilfe angewiesen. Hätte mir das Personal nur geholfen, wenn ich dafür überaus dankbar gewesen wäre? Wären sie bei meiner zweiten Bitte weniger freundlich gewesen, weil ich bei ihrer ersten Hilfsaktion nicht genügend Dank gezeigt hätte? Das wäre fachlich voll daneben gewesen. Leider kann man das aber im Alltag immer wieder beobachten. Auf diese Weise werden andere zur Dankbarkeit verpflichtet. 

Ein Geschenk wird benutzt, um zwischenmenschliches Gefälle in zwei Richtungen zu zeigen. Zum einen vom Schenkenden zum Beschenkten: hier macht die schenkende Person deutlich, dass sie ein Gutmensch ist, aus großer Fülle oder unermesslicher Gnade heraus beschenkt, das heißt: mit dem Geschenk wird Ungleichheit transportiert und manifestiert. Und zum anderen vom Beschenkten zum Schenkenden: Wenn ein Geschenk mit einer Anspruchshaltung verbunden ist im Sinne von: „Das habe ich verdient“, dann kommt man gar nicht erst auf dem Gedanken, in der Schuld anderer zu stehen, sondern man erhebt sich über den Schenkenden, der nur tut, was von ihm erwartet wird. Wer andere so in seine „Schuld“ bringt, handelt fragwürdig. 

Dankbarkeit ist wegweisend

Als Christin erlebe ich in meiner Beziehung zu Gott eine tiefe orientierungsgebende Dankbarkeit. Die mir von Jesus erwiesene Gnade der Errettung kann ich nur so wahrnehmen. Was könnte ich denn auch zum Ausgleich tun? Alles, was ich täte, wäre nichts im Vergleich zu dem, was Christus für uns Menschen, und damit auch für mich, getan hat. Ich kann seine Gnade und Liebe nur dankbar annehmen. Jeder Leistungsgedanke würde Gottes Gnade und Liebe schmälern. Also: halten wir es aus, in der Schuld anderer Menschen zu stehen, und üben uns darin, Gutes durch Dank zu verlängern!

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