Schade, ich bin nur eine Frau...?

Essay

Schauen Sie mal in die Nachrichten. Eine starke Lobby fordert „Frauen an die Macht!“ als Gegenbewegung dazu, dass sich dort die Herren der Schöpfung krampfhaft an Stühle und Sessel klammern. Wir wollten wissen, wie sich der Wettstreit der Geschlechter anfühlt, ob Frauen Männern nachstehen und wie eine moderne Gesellschaft diesen Diskurs aufrecht führen soll. Astrid Eichler nahm sich dieser Frage an und kommt zu einem bemerkenswerten Schluss.

Was ist denn das für eine Überschrift? Ist das ernst gemeint? Was soll ich denn dazu sagen? Mir fallen sofort einige Erlebnisse ein. Sie sind wie Blitzlichter, die mein Erleben als Frau beleuchten. Gar nicht so einfach, das mit Männern und Frauen! Wenn wir das doch alle gemeinsam so sehen würden. Manchmal habe ich das Empfinden: Nach langen Jahrhunderten des Patriarchats sind wir auf dem Weg ins Matriarchat. Auch wenn es an vielen Stellen noch um die Benachteiligung der Frauen geht und es in anderen Ländern und Kulturen noch sehr viel davon gibt, so nehme ich in unserer Kultur wahr, wie die Frauen – den Männern ganz gleich – um Positionen, Einfluss und Macht kämpfen. Ich ahne, wie das in 200 Jahren aussehen könnte. Und ich wünsche mir, dass Männer und Frauen merken, dass die Machtübernahme der anderen Seite nicht die Lösung des Konfliktes ist. 

Das ist nichts für Mädchen

Ich bin mit vier großen Brüdern aufgewachsen. Das war gar nicht so einfach. Mein Umfeld war männlich dominiert und es war selbstverständlich und „normal“, was die Jungen toll fanden, was sie wollten und was sie durften. Sonntagabend, zur damals üblichen Westernzeit im Fernsehen, war klar: „Das ist nichts für Mädchen. Du musst jetzt gehen.“ Das fand ich überhaupt nicht gut. Ausgesperrt. Ausgegrenzt. Das war eine der Stellen, wo ich empfand, „es ist doof ein Mädchen zu sein.“ 

Mein Vorteil in der Familie war, dass ich ein Wunschmädchen war. „Endlich noch eine Tochter“. Ich war gewünscht und ersehnt. Das gab mir Freiraum und öffnete Möglichkeiten, mein Leben zu gestalten, unabhängig von meinem Geschlecht. Wertschätzung, Wohlwollen, Annahme – wo sie das Klima prägen, ist Raum dafür, Verschiedenheit zu leben und zu gestalten. Wo das Klima bestimmt ist von Abwertung und Ausgrenzung, da gibt es viele Verletzungen. Sie machen das Leben eng und führen immer wieder in den Kampf.

Gehen die denn nicht arbeiten?

In der ehemaligen DDR, in der wir auf-wuchsen, war das mit der Emanzipation der Frau eine gesellschaftliche Selbst-verständlichkeit. Kurz nach der friedlichen Revolution ging ich mit Westbesuch durch die Straßen der Kleinstadt, die in der Nähe meines Dienstortes als Pfarrerin lag. Überall wurde gearbeitet, erneuert und gebaut. Auf unserem Weg wurde der Bürgersteig aufgegraben. Einige Frauen standen in den Gräben und buddelten Spaten um Spaten, Meter um Meter. Mein Besuch wandte sich mir erstaunt und ungläubig zu: „Ist das normal bei euch?“. „Ja, klar! So ist es in der DDR schon immer gewesen. Männer und Frauen machen hier dasselbe.“ Es stand schon in der Verfassung: „Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben die gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifikation, ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe“ (Verfassung der DDR Art. 20/Abs. 2), Männer und Frauen sind gleich. Da gab es keine Unterschiede. Ob nun beim Straßen aufgraben, Mähdrescher und Traktor fahren oder in anderen Bereichen der Gesellschaft. Ich weiß noch, wie eigenartig es mir vorkam, als ich bei einer meiner ersten Westreisen zu einem Frauenfrühstück eingeladen wurde – Mittwochvormittag. „Gehen die Frauen da nicht arbeiten?“ Ich erlebte einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Ost und West, den es (damals noch) gab. Frauen in der DDR waren mit großer Selbstverständlichkeit berufstätig. In der BRD waren sie mit ähnlich großer Selbstverständlichkeit zu Hause. Das ist heute kaum noch vorstellbar. Die Veränderung geht tief. Ist sie wirklich so gut? Mir stellt sich die Frage: Verlieren wir nicht an Vielfalt, wenn alle(s) gleich ist, und sind wir nicht hoffnungslos überfordert, wenn wir alle alles können und schaffen müssen?

Immer besser als die Männer sein

Als junge Pfarrerin besuchte ich sehr oft Gemeindeglieder in den Dörfern, für die ich zuständig war.
Eines Tages war ich bei einem Ehe-paar. Der Mann war allein zu Hause: „Meine Frau ist noch zur Versammlung. Sie wissen ja, sie ist Bürgermeisterin. Der geht’s wie Ihnen als Frau in einem solchem Beruf, da muss man, wenn man gut sein will, immer besser sein als die Männer.“ Ich horchte auf und hörte in mir alle Alarmglocken „… immer besser sein als die Männer …“ Auf dem Rückweg im Auto traf ich eine Entscheidung: „Da mach ich nicht mit. Ich gehe nicht in den Wettstreit mit den Männern. Ich will nicht besser sein als sie, nicht in Konkurrenz treten. Ich will ihnen nichts beweisen.“ Ich ahnte, wie anstrengend es würde, wenn ich mich in diesen Kampf hineinbegebe. Nein ich wollte nicht Pfarrer, sondern Pfarrerin sein. Ich bin davon überzeugt, dass es etwas anderes ist, nicht besser und nicht schlechter! Für mich ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen auch ein Schutz. Ich muss mich nicht abkämpfen. Und ein Leben ohne diesen Wettstreit gibt mir eine große Freiheit.

Halten wir die Unterschiede noch aus?

In meinem Dienst bin ich einerseits sehr viel in Gremien und Kreisen, wo viel mehr Männer als Frauen sind. Eine der Fragen ist dann: „Warum sind hier so wenig Frauen? Wie können wir mehr Frauen gewinnen, dabei zu sein?“ Meine Antwort ist dann oft: „Ich kenne nur wenige Frauen, die sich das hier antun würden.“ Wenn das der ehrliche Wunsch ist, Frauen den Männern gleichzustellen, ist es wirklich Gleichberechtigung, wenn Frauen dann tun, was bisher die Männer getan haben, auf gleiche Weise in gleicher Art? Andererseits erlebe ich in meinem Dienst bei Solo&Co, dem Netzwerk für christliche Singles, dass dort deutlich mehr Frauen als Männer sich vernetzen und engagieren. Hier heißt dann die Frage: Warum sind hier so wenige Männer? Wie können wir mehr Männer gewinnen, dabei zu sein? Wenn wir darüber reden, wird deutlich: Frauen sind anders. Männer auch. Können wir einander in diese Freiheit entlassen, verschieden zu sein, zu denken, zu fühlen, zu entscheiden und zu gestalten? Oder dürfen wir so gar nicht mehr denken? Halten wir Unterschiede aus, ohne zu bewerten? Oder glauben wir inzwischen wirklich, dass wir alle gleich sind? Der Kampf der Geschlechter – er tobt überall und führt dazu, dass wir uns abgrenzen und ausgrenzen. Und wenn denn die Frauen so können, wie sie wollen, dann machen sie es oft gar nicht anders als die Männer. 

„Wenn das der ehrliche Wunsch ist, Frauen den Männern gleichzustellen, ist es wirklich Gleichberechtigung, wenn Frauen dann tun, was bisher die Männer getan haben, auf gleiche Weise in gleicher Art?“

Ein Spiegel der Schönheit Gottes

Was für ein Schmerz ist das für unseren Gott? Er hat uns geschaffen – männlich und weiblich. Damit hat er seine Schönheit in unser Leben gelegt. Gemeinsam spiegeln wir die Schönheit Gottes wider. Und wir dürfen es nicht vergessen: Gemeinsam sind wir von Gott beauftragt und gesegnet für diese Welt. In 1. Mose 1,28 (LU) heißt es: „Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Hier sind beide angesprochen, Männer und Frauen. Wir sind gerufen, Gott gemeinsam zu dienen. Gemeinsam seinen Auftrag zu erfüllen. Wenn wir das ergreifen und versöhnt, gleichwertig, gleichrangig, aber verschieden unserem Gott in dieser Welt dienen, dann tun sich grenzenlose Möglichkeiten auf. Wir strahlen dann die Schönheit Gottes aus und können mit der Liebe Gottes Menschen dienen.

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