Ich kann das einfach nicht

Ratgeber

Als wir Tillmann Klein baten, für uns zu schreiben, war dies seine erste Reaktion: „Euer Ernst? Ihr fragt mich doch nur, weil ich so oft selbst nicht zurechtkomme, wie soll ich da jemandem Rat geben?“ Unsere Antwort war: „Wir bitten dich um diesen Beitrag, weil du etwas zu sagen hast. Autoren, die meinen, schon alles zu können, sind uns nicht so wichtig.“ Und dann schrieb er. Von der feinen Kunst, richtig aufzugeben.

Ja, es ist wohl wahr. Wir alle haben Dinge in unserem Leben, die wir einfach nicht können. Seien es Fertigkeiten oder Wissen, das wir nicht haben, Aufgaben, die wir nicht bewältigt bekommen, oder Situationen, die wir nicht aushalten können. Es ist nur zu menschlich, dass wir an Grenzen kommen, denn wir sind nun mal Menschen – würden wir keine Grenzen erleben, dann wären wir wohl eher Gott.    

Perspektive

Können ist relativ – immer, wenn wir den Eindruck haben, etwas nicht zu können, haben wir in der Regel ein Bild vor Augen, wie es aussehen würde, wenn wir es doch können würden. Wir vergleichen uns mit denen, die offenbar können, was uns nicht gelingt. Und hier liegt der Knackpunkt. Kann ich erst Fußball spielen, wenn ich es in die Bundesliga geschafft habe? Kann ich die Fremdsprache erst, wenn ich sie wie ein Übersetzer beherrsche? Manchmal muss ich einfach nur zurückschauen und mich fragen: was habe ich bereits gelernt? Wenn ich sehe, wie viel ich bereits erreicht habe, bin ich motiviert, weiter zu lernen. Der Australier Nick Vujicic ist ein überragendes Beispiel dafür. Er wurde ohne Gliedmaßen geboren. Er hat keine Arme und keine Beine, lediglich einen unfertig entwickelten Fuß, der direkt an der Hüfte angewachsen ist. In seinem Buch Leben ohne Limits beschreibt er, wie er ausbrach. Er begann sich zu sagen: „Ich werde nie so sein wie andere Menschen, aber ich kann das Beste aus MEINEM Leben machen.“ Er überwand unzählige Hürden (versuchen Sie mal, sich ohne Hände die Zähne zu putzen …) und kann heute zum Beispiel schwimmen und surfen. Er meisterte die Herausforderungen, weil er aufhörte, sich mit anderen zu vergleichen, und anfing zu sehen, was er lernen konnte. Nicht umsonst ist er heute einer der gefragtesten Motivations-Redner der Welt.

„Wenn wir den Eindruck haben, etwas nicht zu können, haben wir in der Regel ein Bild vor Augen, wie es aussehen würde, wenn wir es doch können würden.“

Prioritäten

Was muss ich eigentlich alles können? Manche Dinge in unserem Leben sind entscheidend. Wenn wir sie lernen, ist unser Leben erfüllt, ausgeglichen und sicher. Andere sind vielleicht nett, unterhaltsam und bereichernd, aber wenn wir sie nicht lernen, wird unser Leben nicht wirklich dadurch erschüttert. Seth Godin erklärt in seinem Büchlein „The DIP“ (Ich würde es hier sinngemäß als „das Tal“ übersetzen), dass die meisten Menschen nie die Kunst des richtigen Aufgebens gelernt haben. Eigentlich will ich ja Spanisch lernen, weil es eine tolle Sprache ist, die mich beruflich weiterbringen würde. Aber wenn es schwierig wird, gebe ich auf, setze ich mich hin und schau mir die Sportschau an – denn das kann ich schon. Seth Godin ermutigt seine Leser: Entscheide, was wirklich wichtig für dich ist. Und dann konzentriere dich mehr darauf als auf das, was du schon kannst. Halte das Tal in deinem Lernprozess aus!

Natürlich ist das keine leichte Sache und darum muss man sich auch die Frage der Strategie stellen. Oft lautet unser ganzer Aufschrei ja so: „Hilfe – ich kann das nicht“. Und hier geht’s um den wesentlichen Punkt: „Hilfe“! Wer oder was kann mir helfen, das zu lernen, was ich lernen muss?  Ich bin überzeugt: Wir alle können viel mehr lernen als wir ahnen. Aber die wenigsten können es allein. Wir brauchen die Unterstützung anderer. Denn etwas (noch) nicht zu können, ist kein Problem. Das Problem ist, dass man sich nicht helfen lassen will.

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