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Der stellt einfach alles auf den Kopf

Essay

Unsere Welt befindet sich in einem kritischen Zustand, findet nicht nur Jürgen Schulz. Er hat sich für uns auf Spurensuche gemacht und erkundet, woher Ablehnung und Ausgrenzung kommen, welche Rolle sie politisch und theologisch spielen und ob es eventuell eine Perspektive geben kann. Er meint, wir leben grenzüberschreitend in einem selbstverursachten Schlamassel, aus dem alle rauswollen. Und er hat einen Vorschlag, wie das gehen kann.

Die Entwicklung der letzten Jahre weckt düstere Erinnerungen. „Der neue Kalte Krieg“, so oder so ähnlich titelten Anfang des Jahres diverse Zeitungen. Alte Feindschaften werden wieder beschworen. Alte Grenzen neu entdeckt. Alte Wunden neu aufgerissen. 

Feinde per Dekret

Mit den geopolitischen Veränderungen Anfang des 20. Jahrhunderts wurden aus den Deutschen in der Sowjetunion nur noch die Faschisten. Nicht wenige landeten in den berüchtigten Gulags Stalins, neben vielen anderen Ethnien, die schlicht aufgrund ihrer Identität im Verdacht standen, mit dem Feind zu kollaborieren. Auch für die Deutschen in Amerika änderte sich mit dem zweiten Weltkrieg alles. Innerhalb kürzester Zeit verzichteten sie auf ihre deutschen Traditionen, ihre nationale Folklore und das Pflegen der deutschen Sprache. Sie waren immerhin die größte ethnische Volksgruppe in Amerika. Als den „spektakulärsten Fall kollektiver Assimilation“ hat der Historiker John Higham die gravierenden Umwälzungen in der Mitte des 20. Jahrhundert bezeichnet. Aus Deutschen in Amerika wurden Amerikaner.

Krieg zieht Grenzen. Gravierende Umwälzungen stellen die eigene Identität in Frage. Ethnische Unterschiede werden zum Scheidepunkt. Menschen mit anderem Aussehen, anderer Sprache und anderen Traditionen werden kritisch bis feindselig beäugt. Und seien wir ehrlich: die Reaktionen sind nachvollziehbar. Es liegt in der Natur von uns Menschen, nach Sicherheit zu suchen. In Gefahr suchen wir nach Schutz und im Falle eines Angriffs verteidigen wir uns. Als Menschen ziehen wir Grenzen, denn Grenzen geben uns Sicherheit. Und wir brauchen Grenzen, denn ohne Grenzen sind wir orientierungslos.

Das Erschreckende an dem nationalen Bewusstsein der UdSSR ist nicht ein Verständnis für die eigene russische Seele, sondern die menschenverachtende Gewalt, die Angehörigen anderer Ethnien kollektiv entgegengebracht wurde. Das Leid der Japaner in Amerika weist ähnliche Parallelen auf. Menschen wurde verfolgt – nicht, weil sie tatsächlich Feinde waren, sondern qua Dekret zu Feinden erklärt wurden.

Gefangene im Chaos

Inmitten der geopolitischen Stürme stehen Kirchen und Christen und verkündigen die Worte Jesu: „Liebe deine Feinde“ (Matthäus 5,44). Diese Aufforderung ist kein sentimental-romantisches Gerede eines realitätsfernen Einsiedlers. Es sind die Worte des Menschensohnes, der tagtäglich mit Anfeindungen und Todesdrohungen konfrontiert war. Er wusste genau, wer seine Feinde waren, und entschied sich, sie dennoch zu lieben – und forderte seine Nachfolger auf, seinem Beispiel zu folgen. Erst wenn wir unseren Feinden ins Gesicht schauen, erkennen wir die tiefe Bedeutung dieser Worte. Dem Hass der Feindschaft mit Liebe zu begegnen, ist schlicht übermenschlich. Es übersteigt die Möglichkeiten von uns Menschen und zeigt uns Menschen unsere eigenen Grenzen auf. Und gerade das führt uns zum Kern des christlichen Glaubens: Das Evangelium ist eine gute Nachricht für alle Menschen, die sich ihrer eigenen Grenzen bewusst sind und diese überwinden wollen. Nur wer sich seiner eigenen Grenzen nicht bewusst ist, bleibt orientierungslos zurück (Lukas 5,31). 

Diese Orientierungslosigkeit ist eng verknüpft mit unserer Überheblichkeit. Als Geschöpfe wollen wir wie unser Schöpfer sein. Wir rebellieren gegen ihn, anstatt mit ihm und durch ihn ein Leben in ganzer Fülle zu haben. Durch unsere Rebellion schaffen wir uns unser eigenes Gefängnis und bauen Grenzen auf, die uns statt Freiheit und Frieden sprichwörtlich den Tod bringen. Ohne eine intakte Beziehung zu Jesus Christus bleiben wir Gefangene des Chaos, das wir selbst schaffen. 

Jakobus erinnert uns in seinem Brief so schmerzlich an den Ursprung einer jeglichen Krise, sei sie geopolitisch oder auch zwischenmenschlich: „Woher kommt Streit, woher Krieg unter euch? Kommt's nicht daher: aus euren Gelüsten, die da streiten in euren Gliedern?“ (4,1). Wir sehnen uns als Menschen nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Doch wenn wir nicht unseren eigenen Willen bekommen, sind wir bereit, über Leichen zu gehen. Die Sünde hat uns Menschen in ein Chaos gestürzt. Und je mehr wir versuchen, uns aus diesem Morast herauszuarbeiten, desto tiefer versinken wir. Wir sind dem Untergang geweiht.

„Es liegt in der Natur von uns Menschen nach Sicherheit zu suchen. In Gefahr suchen wir nach Schutz, und im Falle eines Angriffs verteidigen wir uns.“

Die Sünderin, von der uns der Evangelist Lukas erzählt, weiß das. Und gerade deswegen läuft sie zum Haus von Simon, einem Pharisäer. Aber nicht, weil Simon, immerhin ein Angehöriger einer tiefreligiösen Bewegung, sie vor dem Untergang bewahren kann. Sie weiß, dass Jesus von Nazareth dort zum Essen ist. Ohne Vorwarnung betritt sie das Haus. Tritt an Jesus heran und fängt an zu weinen. Ihre Tränen fallen auf seine Füße. Sie nimmt ihre Haare und trocknet sie ab. Sie küsst unaufhörlich seine Füße, öffnet ein Fläschchen mit wertvollem Parfüm und salbt sie. Die Begegnung zwischen Jesus und dieser Frau bricht mit allen gängigen Regeln. Simon reagiert absolut verständnislos. Dass so eine Frau alle Grenzen des anständigen Verhaltens übertritt, ist ja nicht anders zu erwarten. Dass Jesus so etwas akzeptiert, muss bedeuten, dass er kein Prophet ist. 

Sie verlässt das Haus in Frieden

Doch hier begegnet eine ausgegrenzte Frau, die sich ihrer eigenen Begrenzung so schmerzlich bewusst ist, Jesus, ihrem Erlöser. Sie weiß, dass sie dem Untergang geweiht ist. Aber sie weiß auch, dass Jesus sie genau davor bewahren kann. Teil der Szene ist aber auch Simon, der fromme Jude. Der sich seines eigenen Untergangs nicht bewusst ist. Voller Verachtung schaut er auf die Sünderin und Jesus. Und dann schaut Jesus die Frau an, wendet sich mit seinen Worten aber an Simon. „Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen genetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt“ (Lukas 7,44-46).

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Der Evangelist Lukas beschreibt die Begegnung im Haus von Simon im Detail. Er zeigt uns auf, wie Jesus gesellschaftliche Konventionen bricht und Überzeugungen neu ordnet. Wir sehen die Kraft des Evangeliums in Aktion. Lukas zeigt uns am Leben von Jesus den Weg des Friedens auf (Lukas 1,79). Als Menschen suchen wir nach dem Weg, der uns Ruhe und Sicherheit bringt. Als Christen bekennen wir: diesen Weg finden wir nur in der Nachfolge Jesu. Wenn wir mit Jesus auf dem Weg sind und seine Überzeugungen und Maßstäbe zu unseren machen, sind wir auf einem guten Weg. Das Leben ohne Jesus Christus zu gestalten, ist eben nicht gut. Es führt zu Streit und Anfeindungen, Hass und Ablehnung und letztlich sogar zum Krieg.

Die Sehnsucht nach dem Messias

Durch den Glauben an Jesus Christus werden Grenzen neu gezogen. Dort, wo dem Evangelium Glauben geschenkt wird, werden alte Grenzen aufgelöst. Durch das Evangelium werden wir Teil einer neuen Familie, die die Bedeutung der eigenen Blutsfamilie übersteigt (Lukas 8,19-21). Durch das Evangelium werden soziale Konventionen überwunden (Lukas 8,1-3). Durch das Evangelium werden aus Feinden tatsächlich Freunde (Epheser 2,14-15). Durch das Evangelium werden ethnische Unterschiede zweitrangig (Galater 3,28). Durch den Glauben hört der Kampf der Geschlechter auf (1. Korinther 11,11). Jesus trat in diese Welt und hat Grenzen neu geordnet. Er hat das Reich Gottes verkündet und den Weg in dieses Reich des Friedens freigemacht. 

Als Christen ist unsere Identität untrennbar mit Jesus Christus verwoben. Unsere Bürgerschaft ist im Himmel und unsere Hoffnung ruht auf dem neuen Himmel und der neuen Erde. Wir gehören schon jetzt zu Gottes Reich, leben aber noch in dieser Welt. Schon jetzt wird Gottes Reich sichtbar, in und durch seine Gemeinde. Aber noch leben wir in einer Welt, in der wir alle mit dem Chaos der Sünde konfrontiert sind. Gottes Reich ist eben nicht von dieser Welt (Johannes 18,36).

Ein Blick in Zeitungen und Nachrichtenportale genügt und wir sehen die Sehnsucht nach einem Messias. Die Schülerinnen und Schüler der „Fridays for Future-Bewegung“ wollen das Klima retten. Unzählige Hilfsorganisationen begegnen aufopferungsvoll der Herausforderung, Flüchtlingen zu helfen, und warten darauf, dass die Fluchtursachen gestoppt werden. Voller Spannung blickt alle Welt auf die Straße von Hormus, Nordkorea, Russland und die Ukraine und fragt sich, ob der Weltfrieden noch zu retten ist. 

Die Schwärmerei der Weltverbesserung

Auf politischer Ebene werden gerade tiefreligiöse Gefühle offen als die Motivation für das eigene Engagement angeführt. Aber keiner redet über den Messias, der schon gekommen ist. Wir leiden als Gesellschaft am Messias-Syndrom. Und überfordern damit uns und alle anderen. Natürlich setzen wir uns auch als Christen für die Schöpfung ein. Und ja, eine gute, christliche Ethik der Ökologie ist längst überfällig. Und wo auch immer ein jeder politisch steht: Das Leid der Flüchtlinge auf Lesbos und anderswo kann uns nicht kalt und passiv lassen. Und ja, wir sehnen uns alle nach Frieden und keiner will Krieg. Und bei alldem bleibt die Spannung: auf den Himmel warten wir noch. Noch leben wir in einer Welt, die unter den Auswirkungen der Sünde leidet. Ohne ein Bewusstsein dafür verfallen Menschen in politische Tagträume. Eine Schwärmerei der Weltverbesserung wird Menschen ohne ein Vertrauen auf den eigentlichen Messias ausgebrannt und sinnentleert zurücklassen. Noch steht die Politik vor der unlösbaren Aufgabe, den Frieden zu wahren mit Menschen, die darauf aus sind, Streit anzufachen und Krieg zu führen!

Wir sehnen uns nach diesem übernatürlichen Frieden zwischen Feinden. Und das ist gut so. „Liebet eure Feinde.“ Aber Gottes Reich wird eben in der Gemeinde gebaut. In der Gemeinschaft unter Christen und nicht in der Weltpolitik. Als Christen bauen wir kein politisches Gottesreich hier auf Erden. Wer diese Grenze verschiebt, ebnet dem Chaos, der Überforderung und Erschöpfung den Weg. In einer chaotischen Welt leben wir voller Hoffnung, weil wir eben nicht der Messias sind, sondern auf den Messias hinweisen und auf den Messias warten. Schon jetzt werden wir im Glauben durch den Messias verändert. Und schon jetzt setzen wir uns zum Wohl des anderen in der Gesellschaft ein. Aber Gottes Reich mit all seinen Segensverheißungen und Zusagen finden wir eben in der Gemeinde. Zuerst kommt das Heil und dann die Politik. Zuerst kommt die Gemeinde und dann die Gesellschaft. 

Im Glauben am Jesus erhalten wir Christen eine neue Identität, die in Gott und seinem Reich gegründet ist. Diese neuen Grenzen geben uns Orientierung. Verschieben wir sie, verlieren wir uns. Nehmen wir die Spannung an, als Christen in dieser Welt zu leben, finden wir Leben in ganzer Fülle. 

Magazin Herbst 2019