Dem Menschen helfen. Auch gegen seinen Willen

Ethik

Ob ein Mensch das selbstbestimmte Recht hat, sein Leben zu beenden, wenn er möchte, wird hart diskutiert. Ob ein anderer ihm dabei helfend zur Seite stehen darf, auch. In Politik, Kirche und Gesellschaft treffen zum Teil sehr unterschiedliche Argumente aufeinander. Wir baten Professor Armin Schmidtke um eine Einschätzung.

Wenn Menschen freiwillig sterben wollen, berührt uns das in der Regel so, dass wir es kaum akzeptieren und verstehen wollen. Mir ging es in der Ausbildung zur Psychotherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie so, dass ich voller Unverständnis vor jungen Menschen stand, die ihrem Leben ein Ende setzen wollten und ich oft deren Motive und den letzten Anlass nicht nachvollziehen konnte. Sie hatten nach meinem Verständnis doch noch ihr ganzes Leben vor sich. Dies war auch der Grund für meine späteren „lebenslangen“ Forschungen zu Suizidalität und deren Ursachen. In der Beschäftigung mit diesem Verhalten, was damals von Ethikern teilweise noch als Sünde und obstruktives gesetzeswidriges Verhalten beurteilt wurde, stellte ich aber bald fest, dass es sich meist um Menschen handelte, deren Entscheidung für den Suizid in der Regel keine positive Entscheidung für das Sterben und den Tod, sondern eine gegen die Hoffnungslosigkeit und Angst vor der Zukunft unter den jetzigen Lebensumständen war. Sie fühlten sich gefangen oder eingeschlossen in ihren gegenwärtigen Lebensbedingungen, existentiell verzweifelt und hilflos, und sahen in der Option „abzutreten“ die einzige Möglichkeit, ihre Hilflosigkeit, Panik, Verzweiflung und Angst vor der Zukunft zu lindern. 

Ein Glaubenskrieg und autonome Annahmen

Der Satz des Sozialpsychiaters Finzen, zum Humanismus gehöre das Recht des Menschen, dass ihm auch gegen seinen eigenen Willen geholfen werden sollte, wenn er sich in einer solchen schwierigen Lage befindet, war mir daher sehr einleuchtend und immer Maxime des Handels; vor allem, da ich oft sah, dass nach der Lösung der Krise Suizidgedanken sehr häufig verschwanden und die Rate von Suizidversuchswiederholungen meist nur etwa ein Drittel betrug.

Leider wurden manche Meinungen dazu in diesem Bereich in der letzten Zeit mehr im Sinne eines Glaubenskrieges geführt. Es verschwimmt dabei immer mehr, aus welchen Quellen welche Informationen stammen, ob sie stimmen und mit welcher Intention sie verbreitet werden.

Bei der heutigen Diskussion um selbstbestimmtes Sterben und Sterbehilfe geht es, unabhängig von gesetzlichen Bestimmungen und religiösen Auffassungen, um einen Konflikt zwischen verschiedenen Werten: Der Autonomie eines Menschen, selbst über sich zu bestimmen, und der mitmenschlichen Hilfe für einen Menschen, der nicht mehr leben will. Es wird bei dieser Frage häufig implizit angenommen, dass das höchste Ziel für eine Person die Autonomie und die Selbstbestimmung über das eigene Leben und damit auch über das eigene Lebensende sei. Von einigen Autoren wird dies als „prospektive“ Autonomie bezeichnet. Die Frage, ob die Menschen eigentlich wirklich sterben wollen, also sich den Tod wünschen, oder nur unter den Bedingungen, unter denen sie jetzt leben oder die auf sie zukommen könnten, nicht mehr leben wollen oder können, bleibt oft offen. Vertreter der Autonomie weisen meist darauf hin, dass diese Freiheit des Menschen ein hohes Rechtsgut sei, das nicht angetastet werden dürfe. Implizit wird damit auch Suizidprävention als paternalistisches und übergriffiges Vorgehen in Frage gestellt. Vergessen wird dabei aber gerne, dass nach Auffassung vieler Philosophen absolute Autonomie zum Chaos führt.

Wohlerwogener Suizid und mündige Menschen

Schwieriger wird die Beurteilung, wenn eine entscheidende Determinante des Sterbe- und Suizidwunsches Angst vor der Zukunft im Leben ist und vor einem Leidenszustand, der im Augenblick noch gar nicht vorhanden ist. So zeigen Untersuchungen, dass Personen oft Angst vor entwürdigender Behandlung in den letzten Stunden ihres Lebens haben. Auch bei Furcht vor zukünftigen Erkrankungen will man zu einem Zeitpunkt sterben, an dem diese Krankheit noch nicht präsent oder nicht sehr ausgeprägt ist. Es kann dann zu sogenannten präemptiven Suiziden kommen. Falls z. B. die Genetik weitere Fortschritte macht und man einigermaßen sicher vorhersehen könnte, dass man selbst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit an einer genetisch bedingten Krankheit leiden und sterben wird, will man, wenn man noch kann, möglicherweise schon in einem noch nicht erreichten Zustand das Leben beenden wollen. Zu diesem Zeitpunkt ist man aber noch nicht krank, die Entscheidung ist daher durchaus auch noch als rational anzusehen. Aber ab wann wird es dann gerechtfertigt sein, sich vor diesem Zustand zu retten? Beispiele sind Suizide berühmter Personen, die Angst vor Demenz, Verlust der Potenz, Selbstwertverlust und so weiter hatten. 

Die Frage des wohlerwogenen Suizides bei vollkommener psychischer Gesundheit ist daher nicht abschließend zu entscheiden. Manche halten sie für eine rein akademische Frage; in jedem Fall ist sie – statistisch gesehen – im psychiatrischen und psychotherapeutischen Alltag eine marginale. Und doch: Die Grundannahme, dass der Mensch prinzipiell mündig sein kann, auch den Tod zu wählen, und die Achtung, die ihm dann auch für diese Wahl gebührt, erscheint um des Bildes vom Menschen als eines im Kern autonomen Wesens willen unverzichtbar.

Helfen zu leben und nicht zu sterben

Dennoch ist es meines Erachtens eine „humane“ und ethisch begründbare Denkweise, dem Suizidwilligen in dieser Krisensituation zu helfen (Finzen, 2007). Eine wichtige Aufgabe der Suizidprävention wäre es daher, den Menschen eine vernünftige palliative Betreuung, die Aufrichtigkeit, Sensibilität und Empathie bündelt, an ihrem Lebensende zu gewährleisten, ihnen ein würdiges Sterben zu ermöglichen und nicht zum Sterben zu verhelfen.

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