Das wollen wir doch mal sehen

Biografie

Sie kommt vom Dorf und war sowohl in der Kirche als auch im Wirtshaus daheim. Sie wusste früh, was sie wollte, und nahm in Kauf, dass nicht alle unterstützen würden, was sie tat. Sie ging ihren Weg, bis nach Peru, überschritt und dehnte ihre Grenzen – und ordnete sich unter. Angelika Marsch über das Erkennen, Akzeptieren oder Erweitern des eigenen Lebensraums.

Eine der ersten markanten Grenzerfahrungen hatte ich in den 80er Jahren. Ich fuhr mit meinem alten Simca auf der Transitstrecke in Richtung Berlin. Als ich zur Grenzkontrolle der DDR kam, gab es eine kleine Warteschlange. Doch schon bald löste sie sich auf und der Fahrer vor mir fuhr nach einem kurzem Check weiter. Ich rückte automatisch auf und kam vor dem Schalter zum Stehen. Da wurde ich energisch zurechtgewiesen und musste wieder zurückfahren, weil der Beamte mich noch nicht heran gewunken hatte. Mir blieb der Mund offenstehen. Wut und Ohnmacht stiegen in mir auf. Was für eine Willkür! Doch eins war schnell klar: Ich musste mich an die Anweisung halten! 

Für Mädchen war das ziemlich schwer

Grenzen machen etwas mit uns. Ob sie uns von außen gesteckt werden oder wir ihnen in uns selbst begegnen – sie lösen starke Empfindungen aus. Lebhaft erinnere ich mich an meine Kindheit in einem kleinen hessischen Dorf. Damals war es nicht gut angesehen, wenn jemand auf die „höhere Schule“ ging. Das war den Kindern des Pfarrers oder des Lehrers vorbehalten. Für Mädchen war der Zugang erst recht erschwert. Zu der Zeit war es mein Herzenswunsch, Lehrerin zu werden. Das nahmen meine Eltern ernst und ich durfte aufs Gymnasium gehen. Es war nicht einfach, die unausgesprochene Erwartungshaltung der damaligen Dorfgemeinschaft zu durchbrechen, denn man ließ mich schon des Öfteren spüren, dass mein Schulbesuch in der Stadt als „etwas Besseres sein wollen“ gedeutet wurde. 

Ob diese prägende Erfahrung mit dazu geführt hat, dass ich des Öfteren eher mit „Das wollen wir doch mal sehen!“ reagiere, wenn sich mir Grenzen auftun? Natürlich ist mir klar, dass es Grenzen gibt, die als solche zu akzeptieren sind (wie damals vom Grenzbeamten aufgezeigt). Und doch gibt es auch solche, die wir durchaus angehen könnten, anstatt zu schnell aufzugeben. In Psalm 18,20 heißt es: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Ich liebe diese Stelle! Denn sie macht mir Mut, unnötige Grenzen infrage zu stellen und gegebenenfalls auch zu erweitern. Aus diesem Grund konnte ich Kultur- und Sprachgrenzen im Ausland bewusst angehen und habe erlebt, wie Gott mir geholfen hat, in andere Kulturkreise hineinzuwachsen.

Jeder stößt an seine Grenzen

Seit vielen Jahren ist das Gebet des Jabez aus 1. Chronik 4,9 bekannt und wird kontrovers diskutiert. „Segne, ja segne mich und erweitere mein Gebiet.“ Sicher ist dieses Gebet nicht als Allheilmittel zu verstehen und darf nicht einer gewissen – auch geistlichen – Unersättlichkeit dienen. Und doch macht es Mut, die eigenen Grenzen weiter zu stecken und sich nicht mit dem Althergebrachten zu begnügen. Persönlich habe ich diese Grenzerweiterung erlebt, als ich vor Jahren die Leitung einer christlichen Organisation übernahm. Was für manche eine Grenze an sich war (… was? Eine Frau in der Leitung?), hat Gott genommen und erweitert und mich über viele Jahre in dieser Aufgabe geprägt, geführt und gebraucht. Ein wirkliches Geschenk Gottes, für das ich von Herzen dankbar bin. 

Andere Grenzen gilt es zu akzeptieren. Dazu gehört die Begrenztheit der eigenen Persönlichkeit und Begabung. Innerhalb der Grenzen kann ich meine Möglichkeiten ausschöpfen und meine Gaben entfalten. Die Tatsache, dass jeder von uns an Grenzen stößt, ist ein Indiz dafür, dass Gott uns auf Gemeinschaft angelegt hat. Wo meine Grenze ist, ist des anderen Chance. Es ist eine positive Grenzerfahrung, wenn mein Eingeschränktsein durch andere aufgebrochen wird und ich merke, Hand und Fuß, die brauchen sich gegenseitig. Wenn „Hand“ auch noch „Fuß“ sein will und die eigenen Grenzen nicht akzeptiert, lebt sie gefährlich, denn es kann zu einer Selbstüberschätzung kommen. So sagte einmal eine Freundin zu mir: „Ich habe eine gute Nachricht für dich. Es gibt einen Messias, aber DU bist es nicht.“ Wie befreiend, besonders für Menschen, die zu Perfektionismus neigen. Ich bin nicht dafür verantwortlich, die Welt zur Vollkommenheit zu führen. Es ist der dreieinige Gott, der in Sachen Rettung und Versöhnung unterwegs ist – und ich darf dabei sein. 

Meinen Grenzen Frieden schaffen

Eine ähnliche Grenzerfahrung sind Zeiten der Schwäche und der Krankheit. Ich habe zwölf Jahre lang in Peru gelebt und lag gleich nach der Ankunft in Lima für eine Woche im Bett. Solche Krankheitszeiten gab es dann in regelmäßigen Abständen. Und ich merkte: ich habe eine recht schwache körperliche Konstitution. Letztlich hat der gesundheitliche Zustand auch dazu beigetragen, dass ich von Peru wegging und in Deutschland eine Aufgabe annahm. Wenn ich mit derartigen Grenzen konfrontiert bin, hilft mir der Satz des Psalmisten (Ps 147,14) „Er verschafft deinen Grenzen Frieden …“ Hier geht es nicht darum, sich schicksalhaft in die Begrenzung zu fügen oder wütend aus ihr auszubrechen, sondern mit Hilfe von Gottes Geist ausgesöhnt zu werden mit der eigenen Situation und zur Ruhe zu kommen. 

Eine ganz andere Angelegenheit ist es, Grenzen zu setzen. Anderen deutlich zu machen, wann sie in meinen Lebensraum eindringen und mich ungefragt dazu verpflichten, ihren Erwartungen zu entsprechen. Selbst Jesus erlebte es, als seine Mutter versuchte, ihn bei der Hochzeit zu Kana (Johannes 2,3+4) zu manipulieren. Er grenzte sich ab, indem er sagte: „Frau, das ist meine Sache, nicht deine!“ 

Es ist eine Herausforderung, aber nötig, sich gegen erlebte Grenzüberschreitungen zu wehren und entsprechend zu positionieren. Wenn ich es recht bedenke, sind viele Probleme im Miteinander im Wesentlichen „Grenzkonflikte“, gerade auch in der eigenen Familie. Der Eine oder die Andere überschreitet – bewusst oder unbewusst – eine Grenze. Wenn dann jemand wütend reagiert, würden wir gut daran tun, zu überlegen ob sich unser Gegenüber nicht intuitiv gegen eine Grenzüberschreitung unsererseits wehrt. 

Wie ist es nun? Grenzen erweitern oder ertragen? Der erste Schritt ist immer das Erkennen der Grenze. Und dann kommt die wichtige Frage nach der Unterscheidung: Was möchte Gott? Soll ich die Grenze erweitern? Oder soll ich sie eher annehmen? Jeder von uns macht hier eigene Erfahrungen und geht unterschiedlich mit Grenzsituationen um. Wesentlich ist, dass ich sie bewusst gestalte. Dazu meint Jakobus (Jakobus 1,5): „Wem es an Weisheit mangelt, der frage Gott …“ Gute Idee!

Magazin Herbst 2019

Angelika Marsch, Jahrgang 1954, arbeitete als Sprachwissenschaftlerin bis 2000 mit Wycliff in Peru und dann 14 Jahre als Geschäftsführerin in Deutschland. Heute ist sie Beraterin für Führungskräfte bei Wycliff Europa und lebt in Haiger.

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