Alles fest im Griff

Leitartikel

Keine Frage, sie gehören dazu. Mal geliebt, mal gehasst, je nach Form und Drumherum. Wir müssen also drüber reden. Darüber, welcher Gestalt sie sind, woher sie kommen und wozu sie da sind. Was sie mit uns machen. Und ob wir sie dulden sollen oder nicht. Was uns antreibt zu dem einen oder anderen. Am Ende werden wir dann wissen, wer hier wen oder was fest im Griff hat. Wir die Grenzen oder die Grenzen uns. Von Detlef Eigenbrodt.

Beginnen wir bei aktuellem Geschehen, dem wir uns nicht entziehen können. Der Politik. Wenn meine Oma Martha hören und sehen würde, wie in diesem so unglaublich wesentlichen Bereich unserer Gesellschaft in den letzten Jahren Grenze um Grenze gefallen ist, würde sie die Hände in die Luft werfen und laut rufen: Allmächt’ger! So hat sie es immer getan, wenn sie entsetzt war, verzweifelt oder hilflos.

Die Grenzen der Verlässlichkeit

Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war, Quatsch. Ich will auch keine Fehde starten, auch Quatsch. Aber ich will auch nicht nichts sagen. Denn das wäre absolut unverzeihlicher Quatsch! Wir haben es im Verhalten vieler Politiker im In- und Ausland in den letzten Jahren mit einer Reduktion der Grenzen der Verlässlichkeit und des Anstandes zu tun, so dass manche sich besorgt fragen, wohin das führt. Der Grad der Beispiele ist durchaus unterschiedlich, aber alle für sich sind sie verheerend.

Ursula von der Leyen.

Da hat sie mit ihrer Position als Bundesverteidigungsministerin so einige Probleme gehabt und andere geschaffen, aber nur wenige davon wirklich im Griff gehabt oder gar gelöst. Und dann wird sie in einem beispiellosen Akt von Hinterzimmerpolitik förmlich über Nacht gekürt und kurz darauf mit atemberaubend dünner Mehrheit zur Präsidentin der Europäischen Kommission gewählt. Ihr Kommentar dazu: „Gewählt ist gewählt, jetzt gilt es nach vorn zu schauen.“ Ich frag mich, wohin hat sie denn vorher geschaut? Wie kommt sie auf die Idee, dass man ihr Vertrauen schenken sollte? Nur sehr wenige Tage nach dieser fulminanten Wahl sprach übrigens kaum mehr jemand davon, dass die CDU-Politikerin gar nicht für dieses Amt vorgesehen war, dass die Wähler der Europawahl auch für Spitzenkandidaten abgestimmt hatten, die sie am Ende aber nicht bekommen sollten. Nun es stimmt ja. Dieses System mit den beiden Kandidaten kann in einer Europawahl so eigentlich nicht funktionieren. Aber das hätte man doch auch schon vor der Wahl wissen können. Ich finde diesen gesamten Prozess sehr grenzwertig. Aber alle werden aufgefordert, fröhlich zu applaudieren, und man bekommt den Eindruck, man könnte ja eh nichts dagegen tun. Die Verlässlichkeit gewählter Volksvertreter ist in der Tat ein enormes Problem, das wir nicht ignorieren dürfen!

Boris Johnson.

Der Politiker, der in einem TV-Interview nach seinen Kompetenzen gefragt, sagte: „Sie können nicht die Möglichkeit ausschließen, dass hinter der sorgfältig konstruierten Fassade eines Vollidioten auch ein Vollidiot lauert“, wurde jüngst zum britischen Premierminister gekürt. In seinen Händen liegt das Schicksal einer starken und stolzen Nation! Nicht wenige Politiker im vereinten Königreich halten das für sehr gefährlich, viele junge Briten sagen „Das ist furchtbar“, aber Mr. Johnson scheint das relativ egal zu sein. Er ist jetzt da, wo er immer hinwollte, genießt augenscheinlich die Macht, so lange sie währt. Das Land einen und befrieden will er, aber ich fürchte, um dieses Ziel zu erreichen, muss er einen deutlich anderen politischen Weg einschlagen als den, den er geht. Wie weit er kommt, bleibt abzuwarten, aber sein Auftreten lässt nicht zwingend etwas Gutes erwarten.

Donald Trump.

Der amerikanische Präsident, dessen verbale Attacken nur als grenzenlos unverfroren, respekt- und maßlos bezeichnet werden müssen. Die jüngsten Mordserien in den USA sprechen leider für sich. Man kann sie zwar als terroristischen Akt einstufen, man kann dabei aber die Zusammenhänge mit der rüden, rassistischen und menschenverachtenden Rhetorik des obersten Befehlshabers nicht ignorieren. Auch wenn er das leugnet. Er war es wohl auch, der endgültig die Grenzen der Verlässlichkeit einriss, der Lügen in der Politik zur Normalität machte und frech damit protzt, dass ihm doch eh keiner was anhaben kann. Er ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Punkt. Ich hatte mich schon gefragt, ob die Amerikaner dem nichts entgegenzusetzen haben, als beim diesjährigen Sicherheitsforum in Aspen eine 82-jährige sprach. Madeleine Albright, ehemalige Außenministerin der USA, fordert einen Aufstand der Anständigen. Sie sprach sehr leise. Aber deutlich: „Wir müssen beim Namen nennen, was vor sich geht. Wir können nicht sagen, das ist normal. Es ist nicht normal. Wir haben einen Präsidenten, der unser Land spaltet und all jene entmenschlicht, deren Meinungen ihm nicht passen. Das ist gefährlich und falsch. Die Zeit ist gekommen für uns alle im gesamten politischen Spektrum, dieses stolze Erbe Amerikas zurückzugewinnen und Nein zu sagen zu Spaltung und Hass. Wir haben einen Präsidenten, der nicht für uns spricht. Deshalb müssen wir für uns selbst die Stimme erheben. Wir haben einen Präsidenten, der glaubt, er stehe über dem Gesetz. Das müssen wir aussprechen. Wer das Rechtssystem missachtet, muss angeprangert werden. Wer denkt, dass die Presse der Staatsfeind ist, der muss angeprangert werden, denn die Demokratie braucht eine freie Presse. Ich nenne Donald Trump nicht einen Faschisten, aber ich glaube, er ist der am wenigsten demokratische Präsident in der modernen amerikanischen Geschichte." (zdf.de)

Obwohl ich ziemlich optimistisch durch das Leben ziehe, fürchte ich, dass diese sehr grundsätzliche Grenzverschiebung in der Politik – und ich habe ja nur über einige wenige Beispiele gesprochen – und die groteske Karikierung der Demokratie uns noch sehr zu schaffen machen wird. Hier ist etwas geplant und gezielt aktiv zerstört worden. Etwas, das sich nicht einfach so wiederherstellen lässt.

Die Grenzen des Vertrauens

Kürzlich sagte mir jemand, dass Gott die Geschicke der Welt leitet und schon immer die Herrscher eingesetzt hat, die er wollte. Um seinen Plan mit der Welt umzusetzen. Dieser Gedanke, ganz ehrlich, gefällt mir nicht so recht, auch wenn ich die biblische Grundlage dafür kenne und teile. Auf der einen Seite bin ich zutiefst überzeugt, dass Gott genau das tut: seinen Plan mit der Welt zur Erfüllung bringen. Auf der anderen Seite wird mir angst und bange, wenn wir daraus schließen, dass wir uns damit aus der Verantwortung stehlen können, unseren Mund aufzumachen. Da sind Menschen an der Macht, in Politik, Kirche, Wirtschaft und Sport, und ich meine doch, dass deren Aktionen und Entscheidungen und Taten auch hinterfragt und kommentiert gehören. Dietrich Bonhoeffer hatte ganz sicher einen festen Glauben an Gott und sein Vertrauen auf ihn hat er oft bewiesen. Unter Umständen, die mich und viele andere heute sehr wahrscheinlich schnell einknicken lassen würden. Und doch – bei all seinem Vertrauen auf Gott – war Bonhoeffer überzeugt, dass dem Treiben dieses unmenschlich grausamen Diktators Deutschlands ein Ende zu machen sei. Er hatte erkannt, dass es eine Sache ist, dass Gott beruft und einsetzt. Eine andere aber ist es, dass der Mensch sich selbstständig loslöst und vom Bösen treiben lässt. Das brachte ihn an die Grenze des Vertrauens den Mächtigen gegenüber, denen ihre Macht zu Kopf steigt und die sich böse und willkürlich über die Menschlichkeit erheben. Die Bibel mahnt uns zu einem sehr umfassenden Lebensstil, der sich am Wort Gottes orientieren soll. Es reicht nicht aus, gegen Abtreibung und Homosexualität zu sein in der Annahme, damit biblische Werte zu vertreten, und gleichzeitig Menschen ihrer Herkunft wegen zu diskreditieren und zu demütigen. Das Befolgen einer biblisch-ethisch-moralischen Anweisung hebt nicht alle anderen auf, das ist kein Baukastensystem, nichts zum Auswählen. Gott möchte tatsächlich, dass wir uns umfassend mit seinem Wort beschäftigen und darauf reagieren. Im Vertrauen auf ihn, seine Wege anzunehmen und mit dem Mut eines Bonhoeffers, der die von Gottes Geboten abweichenden Wege der Menschen bloßstellt. Und etwas dagegen tut!

Die Grenzen des Anstandes

Oma Martha würde heute wohl insgesamt den Kopf schütteln, weil viele der Grenzen, die mal etwas galten, heute nichts mehr wert sind. Zum Beispiel die Grenze des Anstandes. Da gab es eine Zeit, da lebte man nach dem Prinzip „das macht man doch nicht“, und lebte damit eigentlich gar nicht ganz schlecht. Sicher, oft war das angepasste Konzession, man meinte, wenn man bestimmte Dinge in der Öffentlichkeit nicht tue oder sage, dann könnte man auch nicht das Ansehen verlieren. Was die Kritiker unaufrichtig und verlogen nannten, war für die anderen schlicht gutes Benehmen und rücksichtsvoll. Ja, vermutlich aus nicht immer richtigen Motiven. Aber es ist schon durchaus angenehm, wenn Menschen sich zu benehmen wissen. Schon allein deshalb, weil dabei im Kopf etwas passiert: Jeder denkt nämlich für sich darüber nach, ob das, was er gerade sagen oder tun will, sein Gegenüber verletzen könnte. So abwegig finde ich das gar nicht. Aus der richtigen Haltung heraus: dem Respekt und der Achtung anderen Menschen gegenüber. Im Römerbrief schreibt Paulus, dass einer den anderen höher achten soll als sich selbst. Ich finde, das passt hier ganz gut. Überhaupt hat die Bibel einiges zu sagen zur Frage des Benehmens und des Anstandes. Oder der Lebensführung, wenn man so will. Paulus thematisiert das in seinem Brief an die Galater: „Dagegen bringt der Geist Gottes in unserem Leben nur Gutes hervor: Liebe und Freude, Frieden und Geduld, Freundlichkeit, Güte und Treue, Besonnenheit und Selbstbeherrschung.“ Da hätten wir einen wichtigen Indikator für ein anständiges Leben, und wir lernen gleich dazu, dass wir das nicht mal aus uns selbst produzieren müssen oder je könnten. So zu leben gelingt nur denen, die mit dem Geist Gottes ausgestattet sind. Und was ist mit denen, die ihn nicht haben? „Gebt ihr dagegen euren selbstsüchtigen Wünschen nach, ist offensichtlich, wohin das führt: zu sexueller Zügellosigkeit, einem sittenlosen und ausschweifenden Leben, zur Götzenanbetung und zu abergläubischem Vertrauen auf übersinnliche Kräfte. Feindseligkeit, Streitsucht, Eifersucht, Wutausbrüche, Intrigen, Uneinigkeit und Spaltungen bestimmen dann das Leben ebenso wie Neid, Trunksucht, üppige Gelage du vieles andere.“

Die Grenzen der Vollkommenheit

Sie finden das schwierig, hm? So zu leben, wie Paulus das beschreibt? Ja, ich auch. Ganz ehrlich. Ich würde mich lieber gehen lassen oder nur ein bisschen zusammenreißen. Ich würde gerne ohne das Gefühl des Versagens leben, das sich immer wieder einstellt, wenn ich eine der Erwartungen der Bibel nicht erfüllt habe. Ob mit dem Heiligen Geist oder ohne, ich falle dann doch öfter auf die Schnauze, als mir lieb ist. Obwohl ich das nicht will! Obwohl es mir nicht gleichgültig ist! Obwohl ich es richtig und anständig machen will!

Also. Grenzen gibt’s mehr als genug und ich habe längst nicht alles im Griff. Grenzen, die mir guttun, und andere, die schädlich einengen. Solche, auf die ich Einfluss habe, und jene, auf die eben nicht. Solche, die nur mich betreffen und andere, die sich auch auf meine Familie, Nachbarschaft, Gemeinde und Gesellschaft auswirken. Aber ein Leben ohne Grenzen scheint mir dennoch definitiv nicht erstrebenswert, nicht, wenn ich klar denke. Grenzen schützen, Grenzen fordern heraus, Grenzen regen an. Sie müssen nicht immer da bleiben, wo sie sind, manche sollen und dürfen das gar nicht, aber ohne sie würden viele konstruktive Auseinandersetzungen und Wachstumsprozesse erst gar nicht in Gang kommen. Was sehr bedauerlich wäre. Und hinderlich für die Entwicklung der modernen Gesellschaft. Denn im Grunde ist ja nicht die Grenze das, was im Wege steht, sondern die beharrliche Weigerung, sich konstruktiv damit zu beschäftigen und etwas daraus zu lernen. Um wenigstens etwas in den Griff zu kriegen.

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