Wenn uns nichts hält, dann gehen wir flöten

Essay

Der Mensch ist gemacht, um das Leben zu leben. Ganz einfach ist das sicher nicht, zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, zu viele Aspekte müssen berücksichtigt werden. Wie zum Beispiel der, ob wir in einer immer schneller werdenden Welt in Gefahr stehen, die Bodenhaftung zu verlieren. Die Schwerkraft, die Gravitation. Den Ankerpunkt, der uns Halt gibt. Dr. Hans-Arved Willberg nimmt uns mit auf eine gedankliche Reise zu unseren Wurzeln und weiß, was zu tun ist, damit wir nicht flöten gehen.

Als Christen bekennen wir uns dazu, dass Gott den Menschen ein Wesen gab, das seinem eigenen sehr ähnlich ist: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“, heißt es im Schöpfungsbericht der Bibel. Wesentlich am Wesen Gottes ist die Freiheit. In der Tat: das gilt auch für das Wesen des Menschen. Alle Entmenschlichung des Menschen ist eine Form von Versklavung, und immer dann, wenn ein Mensch menschlicher wird, hat er einen Schritt aus der Abhängigkeit in die Freiheit getan. Dem Christentum nach ist Freiheit auch die religiöse Bestimmung des Menschen. Das hat vor allem Paulus betont: Wo immer Gottes Geist seine Wirkung entfaltet, schreibt der Apostel, „da ist Freiheit“ (2. Korinther 3,17). Kurz gesagt: Wo Gott ist, da ist Freiheit. 

Was ist eigentlich Freiheit?

Darf man das auch umkehren: Wo Freiheit ist, da ist Gott? Man darf es nicht nur, man muss es sogar, wenn man nicht alle Logik über den Haufen werfen will. Ein Grundsatz aller menschlichen Logik ist nämlich der so genannte „Satz vom Widerspruch“. Er besagt, dass ein Ding A nicht gleichzeitig ein Ding B sein kann. Entweder ist es A oder es ist eben etwas Anderes. Entweder ist die Freiheit wirklich Freiheit oder sie ist eben etwas Anderes. Daraus folgt: Wenn es eine echte Freiheit gibt, dann ist sie dem Wesen nach irgendwie immer dieselbe. Wo immer man sie findet, kann man feststellen: Ja, das ist sie! Wenn darum Paulus sagt, wo der Geist Gottes sei, da sei auch die Freiheit, kann es nicht sein, dass der Umkehrsatz falsch ist, weil es sich beide Male um dieselbe Freiheit handeln muss. Das nötigt uns nun aber dazu, recht sorgfältig danach zu fragen, was wir eigentlich zu verstehen haben unter dieser Freiheit nach dem Bild Gottes, um nicht irgendeiner Verwechslung auf den Leim zu gehen.

Nach dem Gesetz der Gravitation bin ich frei, wenn ich mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehe. Vögel und Fische sehen das bekanntlich etwas anders. Daraus folgt: Zum Begriff der echten Freiheit gehört, dass wir die begrenzten Möglichkeiten unserer natürlichen Beschaffenheit akzeptieren. Frei bin ich nur, wenn ich ein Ja zu meinem menschlichen Dasein finde, das so ist, wie es ist. Wenn ich Frieden mache mit mir selbst, der Umwelt und dem Schicksal. Frei bin ich, wenn ich im Frieden bin. Wer den Boden der Tatsachen verlässt, um sich hoch hinaufzuschwingen ins Übermenschliche oder abzutauchen ins Untermenschliche, der verliert seinen Frieden. Frei sind wir nur, wenn wir uns friedlich im Rahmen unserer naturgegebenen Grenzen einfinden und bewegen. 

Wie ist eigentlich Gott?

Doch steht diese Freiheitsdefinition denn nicht gerade im Gegensatz zur Freiheit Gottes, nach deren Bild auch die menschliche Freiheit beschaffen sein soll? Ja, natürlich ist das so. Gott hat uns ja nicht ihm gleich erschaffen, sondern nur ihm ähnlich. Hier gilt ebenfalls der Satz vom Widerspruch: Ein Bild kann nicht identisch mit dem sein, was es abbildet. Wir sehen also: Unsere menschliche Freiheit ist zu einem Teil Gott unähnlich, denn Gott ist kein begrenztes Naturwesen.

„Das Gewissen ist das Licht der Freiheit Gottes in uns Menschen. Es macht das Wesen des Menschen aus. Die Natur ist weder Wesen noch Gewissen. Sie ist das Äußere. Das Gewissen ist das Innere.“

Aber wie kann Gottes Freiheit eine andere sein als unsere, wenn es doch nur eine echte Freiheit geben soll? Es ist nicht so, weil die Freiheit eine andere ist, sondern weil Gottes Wesen ein anderes ist. Gott ist kein Naturwesen. Gottes Wesen ist jenseits der Natur und darum auch seine Freiheit. Der Satz vom Widerspruch würde nur verletzt, wenn wir behaupten würden, Freiheit sei abhängig von der natürlichen Beschaffenheit eines Lebewesens. Gottähnliche Freiheit ist aber überhaupt nicht abhängig,und Gott ist kein natürliches Lebewesen. 

Gottes Wesen ist etwas anderes als seine Natur. Es gibt keine Natur Gottes, aber es gibt ein Wesen Gottes. Natur hat nur das Geschaffene. Der Begriff „Freiheit“ bezieht sich einerseits auf unsere Natur, andererseits auf unser Wesen. Unsere natürliche Freiheit ist anders als Gottes Freiheit, weil Gott keine Natur hat. Somit wird auch der Satz des Widerspruchs nicht verletzt. Gottes Freiheit ist nicht die Freiheit seiner Natur, sondern seines Wesens. In dieser Hinsicht ist unsere Freiheit allerdings dieselbe wie Gottes Freiheit, so wie das Sonnenlicht dasselbe auf dem Stern ist, von dem es kommt, wie auf dem Mond, den es bescheint. Die Natur ist das Äußere, das Wesen ist das Innere. Das Wesen des Menschseins ist eine Freiheit, die unabhängig ist von unserer Natur, und diese Freiheit gibt uns Gott so, wie die Sonne uns das Licht gibt. Konkret erfahren wir diesen anderen und wesentlichen Teil unserer menschlichen Freiheit in der Freiwilligkeit. Säße ich gerade in einer engen Gefängniszelle, so wäre meine natürliche Freiheit stark eingeschränkt. Ich könnte mir aber überlegen, wie ich mich darauf einstellen möchte. Nichts und niemand könnte mich dazu zwingen zu verzweifeln. Ich könnte mich freiwillig dafür entscheiden, die schwierige Lage ganz bewusst anzunehmen, um das Beste daraus zu machen. Wir haben immer die Freiheit, das Leben so zu bejahen, wie es gerade ist. Wir können uns dafür entscheiden. 

Was kann ich eigentlich tun?

Aber ist diese Entscheidungsfreiheit nicht doch auch wieder abhängig, nämlich von meinem Bewusstsein? So könnte man meinen. Selbstverständlich kann von Entscheidungsfreiheit nur die Rede sein, wo ein Bewusstsein ist. Doch das menschliche Bewusstsein erzeugt die Entscheidungsfreiheit nicht, sondern es ist die Entscheidungsfreiheit. Indem wir als Menschen bei Bewusstsein sind, können wir das, 
was wir wahrnehmen, bewusst bejahen oder verneinen. „Bejahen oder verneinen“ heißt „gut finden oder ablehnen“. Um diese Wahl geht es bei allen Bewusstseinsprozessen des Menschen. Um die Wahlmöglichkeit wissen wir als Menschen. Dieses Wissen ist uns von Gott gegeben, wir können es leugnen, aber nichts dagegen machen. Das Bewusstsein der Wahlmöglichkeit zwischen dem Guten und dem Schlechten, der Bejahung und der Ablehnung des Lebens, heißt Gewissen. Das Gewissen ist das Licht der Freiheit Gottes in uns Menschen. Es macht das Wesen des Menschen aus. Die Natur ist weder Wesen noch Gewissen. Sie ist das Äußere. Das Gewissen ist das Innere. 

Unsere Untersuchung hat ergeben, dass wir – so wie zwischen Gott und der Schöpfung – auch zwischen der göttlichen und der natürlichen Freiheit zu unterscheiden haben. Die göttliche Freiheit leuchtet gewissermaßen in uns hinein wie die Strahlen der Sonne: Diese Strahlen sind nicht die Sonne, aber sie kommen direkt von ihr. Wir sind nicht Gott, aber wir tragen Göttliches in uns, nicht als Besitz, aber als Gabe. Das Licht Gottes in uns ist die Freiheit des Gewissens. Das ist die Entscheidungsfreiheit. Die natürliche Freiheit hingegen ist der begrenzte Spielraum unserer Möglichkeiten, das auch zu tun, was wir wollen. Das ist unsere Handlungsfreiheit. Erst beides zusammen ist die ganze Freiheit. Auch Gottes Freiheit besteht aus diesen beiden Komponenten, doch seine Handlungsfreiheit ist unbegrenzt, weil er nicht der Natur angehört, sondern ihr Schöpfer ist.

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Ich kann mich dafür entscheiden, draußen einen Spaziergang zu machen, wenn ich in einer engen Gefängniszelle sitze, doch das würde keine gute Entscheidung sein. Meine Handlungsfreiheit entspricht dem nicht. Wenn ich versuche, sie zu erzwingen, werde ich verzweifeln. Man tut sich selbst nur weh, wenn man „mit dem Kopf durch die Wand“ will. Gott gibt uns beide Freiheiten: die natürlich begrenzte Handlungsfreiheit und die Entscheidungsfreiheit. Die erste als Herausforderung des Lebens, die andere als Fähigkeit, auf diese Herausforderung gute, würdige Antworten zu geben. Die Entscheidungsfreiheit ist also auf die Handlungsfreiheit bezogen. 

Und was bedeutet das alles ganz konkret?

Nun sind wir soweit, die Frage beantworten zu können, wie wir den Halt verlieren und wie wir ihn finden. „Halt“ bedeutet nicht, dass wir uns an irgendetwas festhalten, sondern dass wir uns standfest auf dem Boden der Tatsachen einfinden. Wir entscheiden uns für das Nein zum gegebenen Leben, wenn wir die Grenzen und Möglichkeiten unserer Handlungsfreiheit verneinen. Dadurch verlieren wir unseren Frieden. Halt finden wir, wenn wir Frieden finden. Und Frieden finden wir, wenn wir unsere Entscheidungsfreiheit verantwortlich dazu gebrauchen, die tatsächlich gegebene Handlungsfreiheit anzunehmen und auf konstruktive Weise auszufüllen. Konkret bedeutet das: Ich akzeptiere ganz bewusst und dankbar mein Leben so, wie es ist. Ich löse mich von den versklavenden Vorstellungen, wie das Leben nach meiner und anderer Leute Meinung „eigentlich“ sein sollte. Ich entscheide mich bewusst dafür, darauf zu vertrauen, dass es gut ist, wie es ist. Das beinhaltet, dass sich auch immer eine gute Antwort auf das finden lässt, was das Leben mir aufgibt. Ich vertraue darauf, dass es Sinn hat so, wie es ist, weil Gott vertrauenswürdig ist, der es mir hier und heute so gibt, wie es nun einmal ist.

Magazin Herbst 2018