Halt´ mich fest

Essay

Was, wenn sich die Welt im freien Fall befände, drohte unaufhaltbar abzustürzen und in sich selbst zu verkommen? Was, wenn kein Superheld zur Stelle wäre, der sich kümmern würde? Wenn der Mensch sich selbst überlassen bliebe, weil er sich selbst überlassen sein wollte? Und damit erst für das ganze Durcheinander verantwortlich wäre? Daniel Janzen geht auch diesen Fragen nach.

Ich fühle mich abgeschnitten vom Rest der Welt! Schuld ist eine Baustelle. Maschinen zerfräsen den erneuerungsbedürftigen Asphalt der Hauptstraße unseres Ortes, der Hauptverkehrsschlagader, die uns mit der nächsten größeren Stadt und mich mit meiner Arbeitsstelle verbindet. Eine Umleitung ist eingerichtet. Sie verlängert den Weg zur Arbeit für mich von 7 auf 20 Minuten. Das ist ärgerlich, aber machbar. Man muss sich nur darauf einstellen.

Andere scheinen das anders zu sehen. Es gibt eine schmale Anliegerstraße, die im Ort um die Baustelle herumführt. Für Busse und Anlieger ist sie freigegeben, doch in den ersten Tagen nutzen auch viele andere Verkehrsteilnehmer diesen Weg, um der längeren Umleitung zu entgehen. Schon am ersten Tag verkeilen sich LKW und Autos, Unfälle geschehen, aus dem 30 km entfernten Koblenz wird ein Streifenwagen angefordert, um Strafzettel zu verteilen. 

Also wird doch die Umleitung gefahren. Aber nicht die ganze. Bei der ersten Möglichkeit sieht man den Großteil der Autos in der nächsten Siedlung verschwinden, deren Anwohner eigentlich vor dem Durchgangsverkehr geschützt werden sollten. Bis die Polizei auch diese Straße sperrt. Und kontrolliert.

Natürlich: Zeit ist kostbar. Und manchmal auch knapp. Da ärgert man sich über jeden Umweg und jede Umleitung. Aber darf man deswegen die Regelungen der Polizei und die Ruhe der Anwohner ignorieren? Wie kommen wir dazu, unser Wohl über das der Allgemeinheit zu stellen oder für unsere Zwecke Gesetze zu missachten? Ist das nicht unverhältnismäßig?

Halt! Wir verlieren ihn.

Für die Bewertung von Grenzüberschreitungen ist unser Gewissen verantwortlich. Wenn wir uns bei schwierigen Entscheidungen an irgendetwas halten wollen, dann hören wir in uns hinein, auf unsere innere Stimme. Doch unser Gewissen existiert nicht etwa im luftleeren Raum. Es ist ein fein geeichtes Instrument, das durch die Kultur, in der wir leben, die Grundsätze, an die wir glauben und unser Verhalten eingestellt wird. Ob es uns gut und richtig führt – oder in die Irre – entscheiden demnach letztlich wir selbst. Das, was wir für uns zum Maßstab erheben, wird zu unserem Maß aller Dinge. (Lesen Sie dazu auch den Artikel von Hans-Arved Willberg auf Seite 13.)

In diesem Zusammenhang interessant: Barak Obama sprach vor Kurzem öffentlichkeitswirksam davon, dass ein Großteil der heutigen Politik das Konzept der objektiven Wahrheit zu verwerfen scheine. „Heutzutage scheint die Politik das Konzept einer objektiven Wahrheit abzulehnen. Leute erfinden schlicht und einfach Dinge.“ 1 Aber weshalb regt es uns so schrecklich auf, wenn wir feststellen müssen, dass wir von den Lenkern unseres Landes, Wirtschaftsbossen oder Weltpolitikern belogen werden? Weil gerade wir, in unserem Kulturkreis, ein tiefsitzendes Bedürfnis nach richtig und falsch, wahr und unwahr haben. Mit diesen Bewertungen eichen wir unseren inneren Kompass. Sie geben uns Halt im Meer der Möglichkeiten.

Und diesen Halt verlieren wir, weil wir die Kategorien richtig und falsch immer wieder neu füllen. „Die Zeiten seien ‚merkwürdig und unsicher‘, sagte Obama in derselben Rede. Jeder Tag bringe neue, atemberaubende und verstörende Schlagzeilen mit sich.“ 2 Wir spüren diese stärker werdende Verunsicherung. Was heute noch gilt, kann morgen schon irrelevant sein.

„Wir haben ein Loch in unserem Herzen – ein Loch, so groß wie ein Gott.“

Ich frage mich: War das nicht schon immer so? Waren wir nicht schon immer uns selbst überlassen im Ringen um die Wahrheit, um Werte und Normen? Kann sein. Und doch unterscheidet sich unser Denken heute radikal vom Denken der vergangenen Jahrhunderte. Vom Essen der verbotenen Frucht im Garten Eden, über den Turmbau zu Babel und die Aufklärung bis hin zum „Gott ist tot!“ Nietzsches und der Stammzellenforschung durchzieht die Emanzipation des Menschen von Gott unsere Geschichte. Sie wird nicht immer mit gleicher Intensität, aber konsequent fortgeführt und verändert unser Denken. Bis zur Aufklärung war jedem Menschen klar, dass es eine Macht außerhalb der Erde geben musste. Selbst wer nicht an Gott glaubte, wusste, dass es höhere Mächte geben musste. Er unterstellte sich und seine Sicht der Welt diesen höheren Wesen und bezog daraus nicht nur seine Identität, sondern auch zum Teil sein Wissen und auf jeden Fall seine Werte. Richtig und Falsch wurden außerhalb des Menschen definiert.

Heute wollen viele ohne Gott leben. Sie haben ihn wegrationalisiert und definieren selbst, was richtig und was falsch ist. Doch dadurch, dass Gott „abgeschafft“ wird, entzieht man sich der einzigen bekannten externen Quelle von Wahrheit. Die Menschen werden zurückgeworfen auf die Beziehung zu sich selbst und definieren Wahrheit und Recht nur noch aus der eigenen Weltsicht. Ohne externe Quelle wird Wahrheit so zur Verhandlungssache und die Meinung der Mehrheit zu einer trügerischen Sicherheit. Ohne Gott sind Menschen nicht mehr in der Lage, eine gemeinsame Basis auszuhandeln, die belastbar ist. Frieden, Wahrheit, Recht und Unrecht sind Ansichtssache geworden.

Wir halten fest.

Spätestens seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten redet man vom „postfaktischen Zeitalter“. Also von der Zeit nach den Fakten. Objektive Wahrheit sieht man als Relikt der Vergangenheit. Wahrheit ist jetzt das, was jemand zur Wahrheit erklärt. Es scheint verrückt, aber wir akzeptieren Leiter, die so handeln. Die Mehrheit der Bevölkerung toleriert große Lobbygruppen, die richtig und falsch umdefinieren und Kindern beibringen wollen, dass man mehr sein kann als Mann oder Frau. Man akzeptiert, dass jemand lügt, betrügt und manipuliert und trotzdem sein Amt behält. 

Welche Sehnsucht treibt die Menschen hier über ihre Grenzen hinaus? Welches ungestillte Verlangen ist so groß, dass die Gesellschaft sich wissentlich selbst schadet? 
Am Anfang der Geschichte wurde dem Menschen eine Lüge erzählt: Durch Wissen wirst Du zu Gott. Satan, der Feind Gottes war es, der sie aussprach. Und der Mensch glaubte die Lüge, glaubt sie bis heute. Weltweit wird Wissen gesammelt, wo es nur geht. Man hofft durch Erklärung auf Verklärung. Glaubt zu wissen, dass man keinen Gott mehr braucht. Die Menschheit ist größer geworden, aber nicht reifer. Sie benimmt sich immer noch wie ein Kind. Einfältig und leichtgläubig. Wie ein Kind probiert der Mensch nach jedem Fehlschlag erneut, auf dieselbe Weise seine Ziele zu erreichen. Und scheitert.

Dabei weiß er von Gott. In der Bibel steht, Gott hat das Wissen um ihn und die Ewigkeit ins Herz des Menschen gelegt (Römer 1,19-20). Trotzdem hat er ihn aus seinem Leben entfernt. Eine tragische Konsequenz davon ist der Verlust ewiger Werte, auf deren Basis man dauerhafte Leitbilder für das gemeinsame Zusammenleben erarbeiten kann. Eine andere ist die unstillbare Sehnsucht, dass es da mehr geben muss als das, was wir kennen. Unser Leben ist begrenzter geworden. Zweidimensional. Es fehlt ihm an Tiefe und Bedeutung. 

Was uns wirklich hält.

Was sagt uns dieses Gefühl? Diese Sehnsucht nach mehr? Man kann nur etwas begehren, was man schon kennt. Wir können nur vermissen, was wir schon einmal hatten. Dieser Hunger, diese Sehnsucht – sie sind Signale aus einer anderen Dimension. Einer Dimension, in der die Menschheit mal gelebt hat. Einer Dimension, in der wir innerlich satt und zufrieden waren. Dieses Gefühl sagt uns: du warst schon einmal da. Es ist ein ähnliches Gefühl wie das, das uns bei Umleitungen frustriert. Wir wissen, dass es mal anders war. Der Weg war kürzer, angenehmer. Wir kamen schneller zum Ziel. Das vermissen wir. Wir wollen es gerne wieder anders haben.

„In Jesus Christus finde ich den kürzesten Weg zum Ziel und die Tiefe, nach der ich mich sehne.“

Und die meisten haben – ähnlich wie die Umfahrer der offiziellen Umleitungsstrecke – eigenmächtig kürzere Wege zum Ziel gesucht: Mit den Menschenrechten glaubte man eine weltweit belastbare Grundlage des Zusammenlebens gefunden zu haben. Doch immer kleinere Minderheiten fordern immer mehr Rechte ein und für ganze Nationen sind die Menschenrechte nur eine Idee des Westens. Mit der Überbetonung der Toleranz wird versucht, der Unterdrückung von Minderheiten zu begegnen und eine friedliche, harmonische Gesellschaft zu formen. Doch leider tolerieren sogenannte „Tolerante“ keine Intoleranz und werden dadurch zu gutmenschlichen Diktatoren, die Andersdenkende umerziehen wollen. 

In Johannes 14,6 behauptet Jesus von sich selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Die Wahrheit ist also kein Gedanke, sondern eine Person. Richtig und falsch lassen sich nur definieren, wenn es ein anderer für uns tut und Wahrheit damit zu mehr als zu einer Verhandlungssache macht. Jesus gibt uns den Halt, nach dem wir verzweifelt suchen. Er ist die fehlende Dimension, die wir so schmerzlich vermissen.

Ich habe es erlebt: Wenn ich mich an ihn halte, verändert er mein Denken und Verhalten – und damit auf direktem Weg die Welt. Das, was ich tun muss, ist, zu ihm zu sagen: „Jesus, halt mich fest.“ Für mich bedeutet das, dass Jesus nach und nach die Baustellen meines Lebens schließt und mir den direkten Weg zu Freiheit, Wahrheit und Bestimmung freimacht. Und da, wo ich noch Umleitungen fahren soll, da fahre ich sie – ob mit dem Auto, mit dem Kopf oder mit dem Herzen. Ich vertraue dem, der mich, das Leben und die passenden Regeln erfunden hat.

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