Die Renaissance der Dankbarkeit

Essay

Eine Welle schwappt über uns und reißt uns mit. Manche reiten auf ihr, zaghaft wackelig, so wie beim ersten Mal, andere souverän und versiert. Profis. Aber alle scheinen sich einig zu sein, da etwas ganz Wunderbares entdeckt zu haben. Es ist lebensverändernd und so dynamisch, dass es einem fast die Sprache verschlägt. Maike Fethke nimmt uns mit zu den Wurzeln und kommt zu einem bemerkenswerten Fazit.

An einem Freitagvormittag streife ich durch Berlins größte Buchhandlung. Ich liebe diesen Ort, seinen unverwechselbaren Geruch nach druckfrischem Papier und quirligen Menschen. Im Erdgeschoss summt und brummt es wie in einem Bienenstock, und zwischen den Büchertischen steht das übliche Angebot an bunten Grußkarten, zahllosen Stiften aus aller Herren Länder und Kalendern, die zu einem Blick auf 2019 einladen. Umso weiter ich Stockwerk für Stockwerk nach oben steige, desto ruhiger wird es. Ich atme durch und spreche eine freundliche Verkäuferin an: „Wo finde ich denn etwas zum Thema Dankbarkeit?“, frage ich. „Oh, kommen Sie mit. Da haben wir allerhand.“ – Das stimmt. Wenige Augenblicke später stehe ich vor dem, was die „Dankbarkeitsliteratur“ zurzeit hergibt … Achtsamkeit und Dankbarkeit, Dankbarkeit neu entdecken, Die Dankbarkeit in mir … Dankbarkeit ohne Ende, schwarz auf weiß gedruckt. Doch damit nicht genug. Es gibt Perlen der Dankbarkeit, die man immer wieder durch die Finger gleiten lassen kann. Ein Dankbarkeits-Tagebuch, das Platz zum Niederschreiben bietet. Und vieles, vieles mehr. Meterweise Dankbarkeit. Dankbarkeit hat Hochkonjunktur. Sie ist „en vogue“. Ich staune darüber, wie Dankbarkeit – und das, was sie uns Gutes tun kann – Einzug in unsere Gesellschaft gehalten hat. Vielleicht sollte ich eher sagen: Wie die Dankbarkeit wiederentdeckt wird, neu in unseren Fokus rückt. 

Im eigenen Saft geschmort

Das Gefühl von Dankbarkeit und der Wunsch, sie zum Ausdruck zu bringen, ist dabei nicht wirklich etwas Neues. Beides ist tief in uns Menschen verankert, gehört zu dem, was uns ausmacht. Dankbarkeit zieht sich durch Zeit und Raum, sie ist international und spricht viele Sprachen. Heute wird sie von Dankbarkeitsforschern ergründet. Was macht sie mit uns? Wozu brauchen wir sie? Wie äußert sie sich? Längst ist sogar statistisch belegt, dass dankbare Menschen länger leben und über ein höheres Maß an Lebensqualität verfügen. Sie sind entspannter und ausgeglichener. Und wer da denkt, er sei noch nicht dankbar genug, kann Dankbarkeit sogar „trainieren“, zum Beispiel indem er jeden Abend vor dem Einschlafen drei, fünf oder sogar zehn Punkte in Gedanken sammelt, für die er an diesem Tag dankbar ist.

Ich persönlich bin ein großer Fan davon, dankbar zu sein. Ich mag es, Anderen meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, ihnen mit Wertschätzung zu begegnen. In meiner Welt zieht ein Steinchen Dankbarkeit, das ich ins Wasser werfe, viele, viele – meist gute – Kreise. Dankbarkeit bereichert mein Leben. Gleichzeitig merke ich aber auch immer wieder deutlich, dass Dankbarkeit, die sich nur um sich selber dreht, zu wenig ist. Wenn die Dankbarkeit „im eigenen Saft schmort“, dann kann das noch nicht alles sein. 

Dank braucht ein Gegenüber

Dankbarkeit braucht einen Empfänger. Meine Dankbarkeit will und soll sich an einen Adressaten wenden. Neulich brachte mir eine Klientin einen wunderschönen Blumenstrauß mit zu ihrer Coaching-Sitzung. Sie hatte, wie sie sagte, „eine Schallmauer durchbrochen“ und freute sich darüber. Endlich war ein großer Knoten geplatzt und sie konnte sich nun voller Energie, Hoffnung und mit einem guten Plan auf den Weg zu ihrem Ziel machen. Ihre Dankbarkeit blieb nicht bei sich selber stehen, sondern hatte einen Empfänger. Mit leuchtenden Augen sah mich Irene an und sagte: „Ich bin so dankbar, dass du mir geholfen hast, meine Augen auf zu machen und mein Herz wieder auf Empfang zu stellen. Ohne dich wäre das so nicht passiert.“

„Gleichzeitig merke ich aber auch immer wieder deutlich, dass Dankbarkeit, die sich nur um sich selber dreht, zu wenig ist. Wenn die Dankbarkeit „im eigenen Saft schmort“, dann kann das noch nicht alles sein.“

Dank braucht ein Gegenüber

Dankbarkeit braucht einen Empfänger. Meine Dankbarkeit will und soll sich an einen Adressaten wenden. Neulich brachte mir eine Klientin einen wunderschönen Blumenstrauß mit zu ihrer Coaching-Sitzung. Sie hatte, wie sie sagte, „eine Schallmauer durchbrochen“ und freute sich darüber. Endlich war ein großer Knoten geplatzt und sie konnte sich nun voller Energie, Hoffnung und mit einem guten Plan auf den Weg zu ihrem Ziel machen. Ihre Dankbarkeit blieb nicht bei sich selber stehen, sondern hatte einen Empfänger. Mit leuchtenden Augen sah mich Irene an und sagte: „Ich bin so dankbar, dass du mir geholfen hast, meine Augen auf zu machen und mein Herz wieder auf Empfang zu stellen. Ohne dich wäre das so nicht passiert.“

Dankbarkeit braucht ein „Du“, ein Gegenüber. Für mich als Menschen, der mit Gott unterwegs ist, ist dieser Empfänger oft Gott selber. Der, der die Welt geschaffen hat. Der, der mich kennt und will. Der, dem ich mich anvertrauen darf. Der, dem ich meine Sorgen „vor die Füße“ legen kann. Und der, der mir immer zuhört und mich ernst nimmt. Der, der seinen Sohn Jesus Christus hat sterben lassen, damit ich zu Ihm kommen kann. Wenn meine Dankbarkeit ein Gegenüber hat, bekommt sie eine andere Qualität. Ich drehe mich nicht länger um mich selbst oder bleibe bei mir stehen. Plötzlich kommt eine neue Dimension hinzu. Sie macht meinen Horizont weiter und lässt mich Dinge sehen, die ich „im eigenen Saft“ nicht sehen würde. Mein Leben wird reicher. Die Bibel sagt: „Dankt Gott, ganz gleich, wie eure Lebensumstände auch sein mögen“ (1. Thess. 5, 18). Eine andere Übersetzung formuliert es so: „Dankt Gott in jeder Lebenslage!“ Hier ist sie, Gottes Einladung, nicht bei mir stehenzubleiben, sondern ihn zum Empfänger meines Dankes zu machen. 

Ganz gleich, wie die Umstände sind

Wenn alles rund läuft, empfinde ich es als relativ einfach, Gott zu danken. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Doch Gott sagt nicht, sei mir dankbar, wenn alles wie am Schnürchen läuft. Er sagt, sei mir dankbar in jeder Lebenslage, ganz gleich wie die Umstände sein mögen. Das heißt auch dann, wenn ich mitten in Problemen stecke, Sorgen habe, nachts nicht schlafen kann. Auch dann. Und das kann schwierig sein. Für mich ist es oft eine Herausforderung, und ich frage mich, wie kann ich das praktisch machen. Ehrlich dankbar sein, auch wenn gerade dunkle Wolken die Sonne verdecken und alles grau erscheint. 

Ich denke an eine gute Freundin von mir, ich nenne sie Alma. Sie hatte vor einigen Jahren einen Unfall und ist seitdem ab dem Hals gelähmt. Alma kann sich nicht bewegen, wird jeden Tag 24 Stunden von Fachpersonal versorgt. Wenn es sie irgendwo juckt, muss ein anderer kratzen, wenn sie Durst hat, ihr jemand ein Glas Wasser reichen. Und trotzdem ist sie ein lebensfroher Mensch. Sie ist viel unterwegs, hat einen großen Freundeskreis, liebt es zu reisen – und sie ist dankbar. Oft wird sie gefragt: „Wie machen Sie das? Sie sind fröhlich und dankbar. Und dabei könnten Sie doch wirklich verbittert sein, mit Gott hadern. Was ist Ihr Geheimnis?“ Dann erzählt sie, wie sie im Laufe der Jahre nach ihrem Unfall gelernt hat, immer mehr auf das zu gucken, was geht, und nicht bei dem stehen zu bleiben, was nicht geht. Hadere ich mit Gott darüber, dass ich nicht mehr mit meinen eigenen Händen im Garten Unkraut jäten kann? Oder freue ich mich darüber, dass die schönen Rosen auch blühen, wenn helfende Hände das Unkraut beseitigt haben? 

Zurück in den Buchladen. In einem der verschiedenen Ratgeber zur Dankbarkeit dort fand ich eine kleine Geschichte. Sie erzählt von einer Frau, die jeden Tag bewusst ein „Samenkorn in die Erde steckt“, um Freude zu machen. Mal ist es eine Postkarte, die sie an einen längst vergessenen Freund schreibt. Mal ein Keks, den sie dem Nachbarkind schenkt. Mal ist es ein guter Gedanke, den sie für sich notiert, um ihn später wieder hervorzuholen und sich selber daran zu erfreuen. Über die Monate stellte die Frau fest, dass viele Samenkörner sich wunderbar verwandelt haben und Früchte tragen. Früchte der Dankbarkeit und Freude, die neue Samenkörnen enthalten. Sie warten nur darauf, wieder eingepflanzt zu werden.

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