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Wir sind Deutschland

Leitartikel

Was diese Worte meinen, hängt immer maßgeblich davon ab, wer sie spricht. In welchem Zusammenhang. Und mit welcher Haltung. Ausgrenzend, abgrenzend, vernichtend können sie sein. Aber auch willkommen heißend, integrierend und aufbauend. Detlef Eigenbrodt hat sich das angeschaut und sagt, was er meint.

Wir stehen erneut vor einer Wahl. Der nämlich, wer in den nächsten Jahren unser Land regieren soll. Dabei haben wir so viele Erwartungen und Hoffnungen, die zum Teil unterschiedlicher nicht sein könnten. Nüchtern und differenziert betrachtet wird schnell klar, dass nicht alle erfüllbar sind. Aber wer ist schon nüchtern und differenziert, wenn es um die eigenen Erwartungen geht? Neben den Erwartungen parken die Enttäuschungen. Ernüchterungen. Die, die sich einstellen, wenn einem alles zu viel wird und man meint, betrogen und belogen zu werden. Und sich nicht dagegen wehren zu können. Wenn man meint, als „kleiner Mann“ am Ende der Hackordnung zu stehen und ertragen zu müssen, was „die da oben“ verbockt haben. Man spricht von Intrigen, Korruption und Betrug. Und hat es vermutlich auch genau damit zu tun. Erschrocken sind vor allem die, die erwartet hatten, dass so etwas nicht vorkommen würde. Lethargisch bleiben die, die meinten, sie hätten ohnehin immer gewusst, dass es so kommt. 

Zwei Beispiele: Die Ehe für alle wird als bereits lange diskutiertes und immer wieder verschobenes Thema unter dem Druck des Wahlkampfes „plötzlich“ neu auf die Tagesordnung gesetzt. Ein lauter Aufschrei durchzieht das Land, gerade so, als wäre man nicht mit der Fragestellung vertraut und müsse sich erst mal einarbeiten. Dass dann auch noch die CDU als Partei, die sich besonders für die Einhaltung biblisch-ethischer Prinzipien im Allgemeinen und den Schutz des christlichen Ehe- und Familienbildes im Speziellen stark macht, diesem Vorgehen kein Ende setzt und das Gesetz mitbeschließt, finden besonders Wertkonservative enttäuschend. Dann kommt das große Brüllen auf, ob Dieselmotoren wirklich sauber sind und ob sie nicht eigentlich – zum Schutz der Gesundheit der Menschen – von den Straßen verbannt werden müssten. Leider fällt in der ganzen Diskussion etwas knapp aus, dass es hier weniger um die Motoren selbst geht als vielmehr um den unverschämten Betrug der Autokonzerne. Die hatten schließlich fröhlich falsche Angaben gemacht und zeigen sich jetzt pikiert, wenn man ihnen das vorhält. 

Verkehrte Welt? Nein. Es ist Wahlkampf! Politiker, die das Land gemeinsam gestalten sollten, hacken aufeinander herum als seien wir verbal in die Steinzeit zurückgefallen. Das wird auch nicht einfacher dadurch, dass es kaum noch wahrnehmbare Unterschiede bei den großen politischen Positionen gibt. Im Gegenteil. Wenn man sich nämlich nicht durch Programme abgrenzen kann, dann versucht man die Leistung des anderen zu diskreditieren, um  die eigene besser aussehen zu lassen. Hier gilt, was ich Eingangs schon sagte: würden unsere Politiker diesen Bereich nüchtern und differenziert betrachten, dann würden sie schnell darauf kommen, welcher Unsinn da abläuft. Aber welcher Politiker ist schon nüchtern und differenziert, wenn es um Prozentpunkte bei den kommenden Wahlen geht?

Der Wähler indes ärgert sich sehr. Weil er sich betrogen fühlt, wehrlos ausgeliefert, und meint, er könne all diesem wirren und dummen Treiben eh kein Ende setzen. Und am Ende sei es egal, wen man wähle, sie seien schließlich alle nicht besser als die Anderen. Das nennt man dann Politikverdrossenheit. Kann ich gut verstehen. Kann ich nachvollziehen. Kann ich einordnen. Kann ich aber nicht gutheißen. 

Gehen wir mal kurz auf die Metaebene: stellen Sie sich vor, Sie stünden auf einem hohen Vorsprung und schauten hinab. Dort unten sähen Sie Ihr Leben, Ihre Gesellschaft, Ihr Land, die ganze Welt. Praktisch aus der Vogelperspektive, herausgenommen aus dem kleinen engen Treiben da unten, mit viel Freiheit und Raum um sich herum. Und dann versuchen Sie, das große, ganze Bild auf sich wirken zu lassen. So, als würde ein Fachmagazin Sie um Ihre Beurteilung zur Lage der Nation bitten. Mit Abstand, nüchtern, besonnen, distanziert, differenziert und frei von aller eigenen Rechthaberei. Was sehen Sie dann?

Freiheit

Was für ein kostbares Gut wir doch haben, frei zu sein! Frei im Denken, frei in der Äußerung unserer Ansichten, frei in der Berichterstattung, frei in der Wahl und Ausübung unseres Glaubens. Diese Freiheit wird uns garantiert vom Grundgesetz. Diese Freiheit verpflichtet uns zu Respekt und Achtung. Weil jeder andere genauso frei sein darf, wie wir es sind und sein wollen. Die große Herausforderung dabei ist, dass wir oft und gerne meinen, unsere Position sei die Richtige, und zwar die einzig Richtige. Und wer sich der nicht annähert und unterstellt, hat sein eigenes Recht auf Freiheit verwirkt. Nein! Wir sind alle frei! Frei zu leben und zu lieben, frei von der Beurteilung anderer und frei von der eigenen Festlegung. Biblisch gesehen könnten wir hier den Begriff Barmherzigkeit zuordnen. Ein Ausdruck, der das Verhalten untereinander regeln könnte. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg´ auch keinem andern zu“. Mach dich frei von deiner ewigen Rechthaberei und Besserwisserei. Erinnere dich daran, dass du nicht allein da bist. Gewähre anderen die Freiheit, die du selbst so liebst. Voilà. So geht’s doch gut voran. Unser Staat sorgt dafür, dass diese Freiheit jedem zusteht. Mal ehrlich: möchten Sie gerne darauf verzichten und stattdessen in einem anderen Staat leben? Istanbul ist zwar eine großartig schöne Stadt, aber das ganze Drum Herum schreit doch zum Himmel!

„Wir sind auch deshalb zur Großzügigkeit verpflichtet – ethisch, moralisch und biblisch – weil es uns selbst so unverschämt gut geht.“

Großzügigkeit

Nehmen wir mal an, wir seien in großer Not und bräuchten Hilfe. Könnten uns alleine einfach nicht mehr aufrichten, seien zum grandiosen Scheitern verurteilt. Nehmen wir an, die Zukunft sei absolut aussichtslos, und wenn nicht von irgendwoher irgendjemand käme um uns irgendwie unter die Arme zu greifen, dann seien wir verloren. Ich habe da gerade ein Bild vor Augen – von einer Frau in den Nachrichten, deren Haus bei einem Hochwasser völlig überflutet wurde. Sie weint, ist verzweifelt und hat gefühlt alles verloren. Schrecklich. Ich möchte das Wasser nicht in meinem Keller haben und habe aufrichtiges Mitgefühl. Ich sehe gleichzeitig Fernsehbilder aus Kriegsgebieten. Und damit auch Menschen, die nicht nur gefühlt „alles“ verloren haben, sondern buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Oftmals haben sie nicht einmal mehr Tränen, mit denen sie ihre Verzweiflung ausdrücken könnten. Ich sehe Bilder eines zerbombten Deutschlands. Ausgemergelte Körper von Männern, Frauen und Kindern. Auf den Straßen. In den Konzentrationslagern. Ich sehe eine ganze Nation am Boden liegen. Wie kam es, dass wir uns wiederaufrichten konnten? Man hat uns geholfen. Man war – sicher auch aus politischem Kalkül, aber das spielte tatsächlich absolut keine Rolle – großzügig zu uns. Gläubiger haben Deutschland Schulden erlassen, damit das Land wieder zu sich kommen konnte. Ich möchte heute nicht zu denen gehören, die das vergessen. Ich möchte nicht einer derer sein, die glauben, wir hätten das allein und aus eigener Kraft geschafft. Ich will ganz sicher nicht mit denen in einem Boot sitzen, die wirklich hilfsbedürftigen Menschen arrogant und aus verwerflichem Eigennutz die Tür vor der Nase zu machen. Gott sei Dank ist die Gruppe derer, die das tun wollen überschaubar klein und spiegelt nicht die Haltung der Nation wieder. Unser Land ist großzügig. Und nichts Anderes steht uns gut an. 

Wohlstand

Wir sind auch deshalb zur Großzügigkeit verpflichtet – ethisch, moralisch und biblisch – weil es uns selbst so unverschämt gut geht. Sicher, ich weiß, es gibt auch die Menschen, die hier nicht zustimmen und die gefährlich nah an der Armutsgrenze unterwegs sind. Allerdings sollten wir nicht vergessen, wie großzügig die in unserem Land bemessen ist. Das Übel kommt vom Vergleichen? Ja, das mag stimmen. Wir können Deutschland hier nicht mit anderen Ländern vergleichen. International als monetär arm gilt, wer pro Tag von umgerechnet 1,06 € leben muss. So wenig wir diesen Faktor für unser Land ansetzen und uns mit ihm vergleichen dürfen, ebenso wenig dürfen dies die weniger gut Verdienenden in unserem Land mit den Besserverdienenden tun. Wir haben ein großartiges Sozialsystem, wir haben eine fantastische medizinische Versorgung, wir haben das, um was uns die Welt beneidet: Ein kollektives füreinander einstehen und Sorge tragen, damit niemand unversorgt ist. Dass es dabei dennoch Menschen gibt, die enorm viel verdienen und solche, die sehr wenig haben, bleibt eine unbestreitbare Tatsache.

Vielfalt

Mancher wird meinen, ich polarisiere. Ich würde Ängste unberücksichtigt lassen und der bangen Frage aus dem Weg gehen, wohin das alles noch führen soll. Irgendwann müsse doch Schluss sein mit dem elenden „Wir schaffen das“. Irgendwann müsse doch klarwerden, dass eine übereifrig ausgerufene Willkommenskultur nicht die Lösung sein kann. Dass unser Land in Gefahr kommt, wenn dem nicht ein baldiges Ende gesetzt wird. Ich kenne diese Sorgen. Ich höre diese Bedenken. Ich versuche hinzuhören und zu verstehen. Ich will aufrecht im Dialog sein und die Argumente derer ernstnehmen, die anderer Meinung sind. Gleichzeitig will ich meine Sicht der Dinge ausdrücken um das Gespräch, den Austausch am Leben zu halten. So mag ich zum Beispiel keine Geschäfte, in denen es nur grüne Hosen zu kaufen gibt. Oder Restaurants, in denen allein Pommes und Schnitzel auf der Karte stehen. Mir gefallen Straßenzüge nicht, in denen alle Häuser grau sind. Oder absolut baugleiche Autos als einziges Angebot. Nur Rosen? Find ich doof. Nur Menschen, die meiner Herkunft sind? Ebenfalls. Und solche, die nur meiner Meinung sind sowieso. Wir leben in einem stolzen, Land, in einem, das sich die Vielfalt leisten kann! Wir müssen keine Angst vor dem anderen haben, weil wir selbst stark sind. Wir können Fremdartigkeit als Bereicherung und nicht als Bedrohung verstehen. Wir haben das Recht, auf dem Wort Gottes zu fußen und in großer Unabhängigkeit unsere Gesellschaft zu prägen! Zu fördern! Zu genießen! Und wir dürfen fröhlich und mutig hin stehen und laut sagen: wir sind Deutschland. Dieses Kollektiv wird erst durch den Einsatz aller zu dem, was es ist: eine starke Nation als Heimat für Viele.

Magazin Herbst 2017

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