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Irgendwann vergisst du, was Freiheit ist

Dokumentation

Hier und da hat man schon mal davon gehört, dass es so was wie Menschenhandel geben soll. Meistens Sonntagsabends auf dem Sofa. Beim Tatort schauen. Dass es heute 45 Millionen betroffene Menschen gibt, erfahren wir da kaum. Dass wir etwas dagegen tun könnten, auch nicht. Judith Kühl bringt Licht ins Dunkel und bittet um Unterstützung. Sie schreibt aus ihrem Alltag. Und das ist gut so.

Raman wurde in der Reismühle geboren, in der seine Familie seit zwei Generationen versklavt war. Als kleiner Junge musste er seinen Eltern bei der schweren Arbeit in der prallen Hitze Südindiens helfen. Wenn Raman nicht schnell oder sorgfältig genug arbeitete, schlug ihn der Besitzer der Mühle. Jeder Tag verlief gleich, von vier Uhr morgens bis spät abends. Später heiratete er eine junge Frau, die wie er in der Fabrik festgehalten wurde. Auch seine Kinder mussten mitarbeiten. „Ich weiß nicht, wie sich Freiheit anfühlt, aber ich wünsche meinen Kindern, dass sie es eines Tages wissen“, sagte Raman.

Auch Sanis* Alltag war von Unterdrückung und Misshandlung geprägt. Die 15-jährige wurde von ihrer Heimat verschleppt und an einen Bordellbesitzer im Rotlichtmilieu Mumbais in Indien verkauft. Die Gewalt des Zuhälters, die Gefangenschaft in einem modrigen fensterlosen Zimmer und die vielen Vergewaltigungen setzten Sani körperlich und psychisch so zu, dass sie isoliert und depressiv ihr Dasein fristete. „Am Anfang willst du einfach nur raus, doch es ist unmöglich. Dann hörst du auf, darüber nachzudenken. Irgendwann vergisst du, was Freiheit ist“, sagte Sani.

Die Ware „Mensch“

45 Millionen Menschen weltweit leben nach aktuellen Schätzungen des Global Slavery Index in Sklaverei. Der Menschenhandel liefert die Ware „Mensch“ dorthin, wo sie gegen ihren Willen festgehalten, ausgebeutet und zur Arbeit gezwungen wird. Laut Kevin Bales, weltweit führender Sklavereiexperte, kostet ein Sklave heutzutage durchschnittlich 90 US-Dollar. Zugleich schätzt die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) den Profit durch Sklaverei auf jährlich etwa 150 Milliarden US-Dollar. Diese Summe entspricht zusammengerechnet den jährlichen Gewinnen von Microsoft, BP, Samsung, Exxon und Apple zusammen. 

Mehr Menschen in Sklaverei als je zuvor

Menschenhandel und Sklaverei sind in nahezu jedem Land dieser Welt verboten. Diese wichtige Errungenschaft geht auf die Sklavenbefreiungsbewegung im 18. Jahrhundert unter William Wilberforce und vielen anderen zurück. Trotzdem werden heute mehr Menschen in Sklaverei festgehalten als je zuvor in der Geschichte. Ein Blick auf die Strafverfolgung in von Sklaverei stark betroffenen Ländern zeigt, dass gesetzliche Verbote fundamental, doch wirkungslos sind, wenn sie nicht umgesetzt werden. Korruption, die mangelhafte Ausbildung von Polizisten, Staatsanwälten und Richtern oder Überlastung in Behörden spielen Tätern in die Hände und schaffen nahezu rechtsfreie Räume für das teuflische Geschäftsmodell der Sklaverei.

Erfolgreich im Kampf gegen Sklaverei

Doch es gibt Hoffnung. Die christliche Menschenrechtsorganisation International Justice Mission (IJM) zum Beispiel unterstützt auf der ganzen Welt Behörden darin, Menschen aus Sklaverei und Menschenhandel zu befreien und in ein selbstständiges Leben zurückzubringen. Zusammen führen sie Ermittlungen durch und schulen Polizisten darin, Beweise zu sichern oder Vernehmungen zu führen. Anwälte von IJM bringen die Fälle vor Gericht und setzen sich für eine angemessene Verurteilung ein. Häufig schaffen sie Präzedenzfälle, die ein starkes Signal gegen Sklaverei im ganzen Land setzen. 

Allein in Indien gelang es IJM bisher, 150 mutmaßliche Täter zur Anklage zu bringen und 10.300 Menschen zu befreien. Unter ihnen waren auch Raman und Sani. Raman betreibt heute eine Viehzucht. Seine Kinder gehen in die Schule. Abends sitzt die Familie beim Essen in ihrer kleinen Hütte zusammen. So fühlt sich für Raman Freiheit an. Sani wurde nach ihrer Befreiung von einer Sozialarbeiterin in eine sichere Unterkunft gebracht und über Jahre begleitet, mit den Folgen des Missbrauchs umzugehen. Heute macht sie eine Ausbildung zur Näherin. Sani weiß jetzt, was Freiheit ist.

Den Stimmlosen eine Stimme geben

Sklaverei gedeiht nicht nur aufgrund mangelhafter Strafverfolgung, sondern auch, weil die Opfer – wie einst Raman und Sani – versteckt und mundtot gemacht werden. Sie können sich nicht den großen Nachrichtensendern mitteilen. Sie können meist nicht einmal der nächsten Polizeistation sagen, was los ist. Sie brauchen Menschen, die ihnen ihre Stimme leihen, bis sie ihre zurückgewonnen haben. 45 Millionen Menschen in Sklaverei brauchen Unterstützung. Jeder einzelne von ihnen.

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