Ihr soll frei sein!

Reportage

Wie es einem heute geht, wenn er sich mit Texten von damals beschäftigt, wie aus einer Idee nicht nur ein Lied, sondern eine ganze Sammlung entsteht, wie ein einzelner Satz das Denken auf die Reise schicken kann, erzählt uns Christoph Zehendner.

Da hatte ich mir wirklich was vorgenommen. Das Buch des Propheten Jesaja. Manche Sätze aus diesem ziemlich dicken Wälzer innerhalb der Bibel habe ich ja ganz gut im Ohr. Vor allem in der Adventszeit höre ich die Worte Jesajas vom Licht und vom Trost gerne. Aber so richtig viel wusste ich nicht über das Buch, das ich da erkunden und später durch Lieder meinen Zuhörern zugänglich machen wollte.

Ich wollte ihn für heute verstehen

So fing ich mit der Arbeit an und las mich immer mehr hinein in die 66 Kapitel. Manchmal verstand ich nur Bahnhof, verlor den Überblick wegen all der mir unbekannten Herrscher und Mächte, um die es ging. Doch immer öfter blieb ich hängen, mal an einem tröstlichen Halbsatz, mal an einer weitreichenden Zusage, dann wieder an einer glasklaren Herausforderung. Jesaja hat es in sich, das spürte ich immer mehr. Kein Zweifel, durch die Worte dieses Buches meldet Gott selbst sich zu Wort. Direkt hinein in die ziemlich trostlose Lage Israels damals so um das Jahr 700 vor Christus herum. Hinein in das Leben unzähliger Männer und Frauen, die seitdem als Juden oder Christen diese Worte gelesen und sich an ihnen festgehalten hatten. Spricht er auch hinein in unsere Zeit, in unsere Herausforderungen, in mein Leben?

Ich versuchte, die Worte Jesajas als Mensch des 21. Jahrhunderts zu lesen und mich von ihnen zu Liedtexten inspirieren zu lassen. Dabei stieß ich auf einen besonders wichtigen Abschnitt des Buches Jesaja, im 61. Kapitel. Wichtig erschien mir dieser Satz schon deshalb, weil Jesus ihn aufgreift. Bei einer besonders wichtigen Predigt in seiner Heimatstadt Nazareth bezieht Jesus die Worte des Jesaja auf sich (Lukas 4,18, NL): „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt, um den Armen eine gute Botschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, um die zu heilen, die ein gebrochenes Herz haben, und zu verkündigen, dass die Gefangenen freigelassen und die Gefesselten befreit werden.“

Da kündigt in grauer Vorzeit ein Mann mit einem besonderen Draht zu Gott an, dass eines Tages ein Prediger mit einer guten Nachricht kommen wird. Freiheit und Heilung wird er bringen. Und Hunderte von Jahren später kommt Jesus und sagt: Genau. Heute ist es soweit. Ich bin das. Jetzt geht’s los! Was könnten diese Worte für uns heute bedeuten? Über diese Frage habe ich viel nachgedacht. Ich bewege sie weiter. Und finde folgende Ansätze zur Antwort:

Gott will Freiheit

Damals wie heute konnten sich viele Menschen nicht frei entfalten. Andere herrschten über sie – Menschen, Mächte, Abhängigkeiten, katastrophale soziale Verhältnisse. Gott macht durch den Mund Jesajas und durch Jesus selbst klar: Ich will freie Geschöpfe. Kein Mensch soll unter Zwang leben müssen, versklavt sein, unterdrückt werden oder sich selbst an etwas oder jemanden fesseln. Gottes Ziel ist Freiheit für uns Menschen. 

Wir brauchen die Freiheitsbotschaft

Nie in der Geschichte konnten Menschen so selbständig, unabhängig, mobil ihr Leben leben wie heute. Freiheitlich, freizügig ist unsere Gesellschaft. Zumindest im Prinzip. Jeder kann tun und lassen, was er will. Uns geht’s in dieser Hinsicht also viel besser als den Zeitgenossen Jesajas. Aber je länger ich nachdenke, desto mehr fällt mir auf: Uns „fesselt“ und unterdrückt zwar niemand von außen. Aber unsere Abhängigkeiten, unsere inneren Fesseln, unsere Zwänge, unsere Süchte, unser Verstricktsein in Schuld sind ein ganzes Stück weit selbstgewählt. Aus den unterschiedlichsten Gründen heraus gefährden wir das Geschenk der Freiheit, das Gott uns machen möchte.

Freiheit verpflichtet

Vermutlich gehört es zum Menschsein dazu, dass wir selten wirklich frei sind. Dass wir uns auf ganz unterschiedliche Weise gegenseitig oder selbst daran hindern. Die Freiheitsbotschaft Jesu im Ohr können wir daran denken, was Gott eigentlich für uns will. Können hoffentlich erleben und dazu beitragen, dass andere und auch wir selbst in Freiheit leben. „Frei zu sein bedeutet nicht nur, seine eigenen Fesseln zu lösen, sondern ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert“, hat Nelson Mandela einmal gesagt. Möglicherweise hat er das bei Jesaja und bei Jesus gelernt. 

Im Buch von Jesaja wie in den Predigten Jesu ist oft die Rede von dem, was Gott mit seinen Menschen vorhat, wie er ihnen Freiheit und einen Neuanfang schenken will. Und was sie dazu beitragen können und sollen. Ich verstehe das auch so: Meine Möglichkeiten der Freiheit verpflichten mich, anderen zu helfen. Ja, es gibt Abhängigkeiten, von denen nur Gott freimachen kann. Aber das andere gilt eben auch: Wir haben Verantwortung füreinander. Und wir können einander auf dem Weg zur Freiheit beistehen und ermutigen.

Wie das möglich ist? Dadurch, dass Gott uns an sein Freiheitsgeschenk erinnert. Dadurch, dass wir seiner Zusage vertrauen, dass er eines Tages kommen und den ganzen Kosmos zum Guten verändern wird. Dann werden Frieden und Freiheit herrschen, für immer und ewig. Diese Zusage vor Augen, können wir als befreite und freiheitsliebende Menschen leben. Und unseren Beitrag dazu leisten, dass Menschen Freiheit erleben.

Was für ein Lied aus all diesen Gedanken heraus entstanden ist, fragen Sie vielleicht? Ein Blues, ein bisschen schwermütig, erdig. Aber mit einem wunderbar groovigen Rhythmus. In Komposition und Arrangement haben meine Musikerfreunde Manfred Staiger und Peter Schneider beides sehr gut umgesetzt: Die Schwere, das Leid, die Unfreiheit. Und auch die Hoffnung, die Zuversicht, Vorfreude. Kein einfaches Lied zum Mitsingen, aber eins, das hoffentlich ein kleines Stück der großen Botschaft Jesajas spürbar macht.

Magazin Herbst 2016

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